Kultur : Kampf um den Hügel

Köln will ein Jüdisches Museum – aber bitte nicht so dicht am Rathaus

Bernhard Schulz

Die eigentliche Schauseite des Kölner Rathauses liegt im Abseits. Der Platz im Westen stellt wenig mehr als eine innerstädtische Leerfläche dar. Beim Wiederaufbau der im Zweiten Weltkrieg zu 90 Prozent zerstörten Innenstadt blieb das Quartier zwischen Rathaus und der seit 2000 Jahren in ihrem Verlauf unveränderten Hohen Straße links liegen. Wenig idyllische Sträßchen mit Kleinpflasterung ziehen sich über den Hügel, der einmal das „kölsche Kapitol“ war.

Als das Rathaus in den frühen fünfziger Jahren wiedererstand, kamen die Mauerreste des Praetoriums, des römischen Verwaltungssitzes, zum Vorschein. Die zauberhafte Ratslaube, eine der schönsten Renaissance-Architekturen nördlich der Alpen, und die Wiedererrichtung des spätgotischen Rathausturms als Zeichen bürgerlicher Selbstverwaltung, halfen jdeoch nicht, den zugigen Platz zu beleben. Erst zur Jahrtausendwende, mit dem neuen Wallraf-Richartz-Museums am südlichen Rand, kamen mehr Passanten und Touristen.

Die sind es auch, die neugierig in das Plastikzelt hineinlugen, das sich seit Monaten mitten auf dem Hügel erhebt. Darunter sind, in erstaunlich geringer Tiefe unter den Pflastersteinen, Mauerreste zu sehen, ein ganzes mittelalterliches Stadtviertel. Ganz tief unten aber finden sich die Reste eines jüdischen Bades, einer Mikwe, die bereits bei der NachkriegsEnttrümmerung entdeckt worden war und seither auch zugänglich ist. An dieser Stelle soll ein Jüdisches Museum errichtet werden, über dessen Neubau in Köln nun ein erbitterter Streit entbrannt ist.

Das Museum genau hier zu bauen, ist ein naheliegender Gedanke. Bereits ein konstantinisches Dekret aus dem Jahr 321 erwähnt die jüdische Gemeinde der römischen Provinzhauptstadt, deren Namensbestandteil „Co lonia“ sich zu Köln wandelte. Es ist die älteste urkundliche Erwähnung einer jüdischen Gemeinde in Germanien überhaupt. Im 9. Jahrhundert verfügte sie über einen Komplex von Bauten, dessen Reste nach wie vor unter dem Rathaushügel im historisch so reichen Kölner Schutt stecken.

Ein Museum am historischen Standort ist in Köln nichts Neues. So wurde das Römisch-Germanische Museum 1974 über dem Dionysos-Mosaik einer Patrizier-Villa auf dem Domhügel errichtet. Doch die Stadt, die mit der Ausstellung „Monumenta Judaica. 2000 Jahre Geschichte und Kultur der Juden am Rhein“ bereits 1963/64 einen Meilenstein der Beschäftigung mit der deutsch-jüdischen Geschichte gesetzt hatte, mochte ein Jüdisches Museum nicht selbst errichten. Ein privater Verein ist es, der sich seit 1997 diese Aufgabe gesetzt hat.

Immerhin lobte Köln Anfang 2008 einen Architekturwettbewerb aus, um an dieser nahezu letzten noch unbebauten Stelle der Stadt ein würdiges Bauwerk zu schaffen. Den ersten Preis errang mit großer Stimmenmehrheit das Saarbrücker Büro Wandel Hoefer Lorch + Hirsch, das mit den mehrfach preisgekrönten Neubauten der Dresdner Synagoge sowie des Jüdischen Gemeindezentrums und Museums in München für die Aufgabe bestens qualifiziert ist.

Ihr Entwurf sieht ein aufgeständertes Gebäude über den archäologischen Funden vor, das den bisherigen Platz weitgehend besetzt und ihn auf das Areal verkleinert, der von den Flügeln der Rathausanlage gefasst wird, überragt vom stolzen Rathausturm. So weit, so gut – bis Oberbürgermeister Fritz Schramma (CDU), anfangs „dankbar und froh“, eine jähe Kehrtwende machte und bemängelte, mit dem Entwurf würden Rathaus und Wallraf-Richartz-Museum „schlichtweg verbaut“.

Seither tobt der Streit in den Kölner Lokalzeitungen, vor allem im „Kölner Stadt-Anzeiger“, der sich ganz auf Schrammas Seite geschlagen hat. Vollständig informiert kann die Leserschaft indessen nicht sein, werden die Wettbewerbsergebnisse doch erst kommende Woche öffentlich ausgestellt. Richtig ist, dass der mit dunkel glänzendem Stein verkleidete Kubus des Wallraf-RichartzMuseums beim Bau des Saarbrücker Siegerentwurfs vom Rathausplatz aus nicht mehr zu sehen wäre. Dieses Museum entwarf der mittlerweile verstorbene Lokalheros Oswald Mathias Ungers. Er verstand sein Gebäude als Platzkante schräg gegenüber der Rathauslaube, als von der Überbauung des geschichtsträchtigen Hügels dazwischen noch nicht die Rede war.

Und, nebenbei: Das Geld für den Neubau fehlt auch noch. Die geschätzten 20 Millionen Euro Baukosten hat der Förderverein trotz elfjähriger Tätigkeit nicht. Er steht nach eigener Aussage „mit leeren Taschen“ da. Gerade so wie die finanzschwache Stadt Köln, die sich nach dem Beinahe-Abriss des Opernhauses ein weiteres Trauerspiel zu leisten droht.

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