Kultur : Kampf um die Kiste

Documenta, Biennale, Skulpturen in Münster, Art Basel: Der Kunstsommer wird groß – und bricht alle Rekorde

Nicola Kuhn

Diesen Widerspruch wird er auch mit all seiner Liebenswürdigkeit nicht auflösen können. Und das einen ganzen Kunstsommer lang nicht. „Kommen Sie ganz entspannt näher“, forderte Documenta-Leiter Roger M. Buergel in dieser Woche die nach Kassel angereisten Journalisten auf, sich die Umbauten im Fridericianum anzuschauen, einem der Hauptausstellungsgebäude der Mitte Juni beginnenden internationalen Kunstschau. Entspannt? Auf ihrem Weg in den ersten Stock des umgestalteten Museums drängelten die Angesprochenen die Treppe hinauf, und einer hastiger als der andere versuchte einen Blick in die noch leeren Galeriesäle zu erhaschen. Entspannung ist wohl kaum das geeignete Stichwort für diesen Sommer der Kunstgroßereignisse, auch wenn Buergel als Zentralfigur das mit geradezu buddhistischem Gleichmut und stets zuvorkommendem Lächeln vermitteln möchte.

In den kommenden Wochen hat sich die Kunstwelt offenbar vorgenommen, sämtliche Ausstellungsrekorde zu brechen. Am 10. Juni eröffnet in Venedig die 52. Kunstbiennale, drei Tage später beginnt die Art Basel, am 16. Juni startet die Documenta 12 in Kassel, einen Tag später in Münster die internationale Großausstellung „Skulptur Projekte“. Eine solche Konstellation kehrt nur alle zehn Jahre wieder, denn die Skulpturenprojekte wiederholen sich im Abstand von einem Jahrzehnt. Als kleine Konkurrenz zu Münster haben sich ab 25. Mai in Hannover die drei Ausstellungshäuser der Stadt für die Schau „Made in Germany“ zusammengeschlossen. Und auch die Metropolitan-Ausstellung in der Berliner Neuen Nationalgalerie mit ihren aus New York importierten Impressionisten (ab 30.5.) und die Cindy-Sherman-Retrospektive im Gropius-Bau (ab 15.6.) hoffen, von den vielen Kunstreisenden des Sommers zu profitieren. Biennale, Art Basel, Documenta und Skulpturenprojekte haben sich deshalb in Erinnerung an die Bildungstouristen des 19. Jahrhunderts zur „Grand Tour“ zusammengefunden – ein Verbund zur Unterstützung bei Quartiersuche und Reiseplanung.

Mit dieser Kollision der Ereignisse scheint der Kunstbetrieb an dem Punkt angekommen, auf den er sich in den letzten Jahren immer schneller zubewegt hat: die völlige Inflation von Großausstellungen, Messen, Biennalen, die endgültige Überdrehung des Booms, der Ausverkauf eines eigentlich auf individuelle Betrachtung, ja Besinnung angelegten Guts. Wird, auch was den Kunstmarkt betrifft, die Blase nun platzen, wie immer wieder befürchtet? Wohl kaum, denn die Kauflust ist ungebrochen, verfügen Hedgefonds und Sammler aus Russland und Südostasien über die entsprechenden Mittel. Selbst ein neuer Börsencrash, ein weiterer Krieg in der Golfregion würde den Höhenflug nicht bremsen, denn mittlerweile sind die Finanzströme rund um den Globus verteilt, ein Einbruch auf dem einen Kontinent würde durch die steigende Nachfrage auf dem anderen ausgeglichen.

Umso mehr versuchen die Kuratoren von Documenta, Biennale und Skulpturenprojekte, gerade nicht Rekordpreise sprechen zu lassen und dem Affen Kunstmarkt Zucker zu geben. Ganz schön paradox, wird ihre Künstlerwahl doch gern als Indiz für die Wertsteigerung eines Werks gehandelt. Nur so ist das Ritual der immer drängenderen Fragen nach der Liste der Künstlernamen in den Wochen vor Beginn der Documenta zu verstehen. Buergel reagiert jedes Mal mit dem gleichen abwehrenden Lächeln; nur mahnt er diesmal strenger zur Geduld: „Wir zeigen Ihnen schon vorweg die Räume; jetzt müssen Sie erst einmal zufrieden sein.“ So werden die wenigen durchgesickerten Namen als pars pro toto genommen: Bedeutet die Wahl des spanischen Starkochs Ferran Adrià, dass den Besucher der Documenta ebenfalls ein aufgeschäumtes Etwas erwartet? Ist die Berufung des chinesischen Künstlers Ai Weiwei, der 1001 Landsleute mitbringen wird, eine Metapher für die asiatische Übernahme?

Als Gegenmittel zum Hype des Marktes setzt die Documenta auf Bildung. Buergel und seine Partnerin Ruth Noack wollen die Gäste der 100-Tage-Schau wieder das Sehen lehren, den Werken einen Rahmen verschaffen, in dem selbst ein Massenpublikum – 2002 waren es 650 000 Besucher – zu neuen Erkenntnissen gelangen kann. Und sie wollen die Menschen, konkret: Hartz IV-Empfänger in Kassel, zu Akteuren ihres eigenen Lebens machen und nicht länger als Opfer der Verhältnisse belassen – was in einer Stadt mit einer hohen Arbeitslosenquote kaum ungestraft dahergesagt werden kann. Die Erwartungen sind also höher denn je, auch wenn die Documenta wegen der vielen Biennalen und Messen ihre Bedeutung als Startschuss für Künstlerkarrieren verloren hat.

Könnte also in Kassel tatsächlich die Revolte ausbrechen, ein Umsturz der Gesetze des Kunstbetriebs, wie unlängst „Die Zeit“ prophezeite? Dahinter steckt vor allem der Wunsch, jemand möge der ungebremsten Kommerzialisierung endlich Einhalt gebieten. Die vorab präsentierten Ausstellungsorte versprechen allerdings noch keine Trendwende in der Kunstrezeption. Auch die Kombination alter und aktueller Kunst ist nicht ganz neu.

Trotzdem bezeugt Buergel Mut, so wie ihn zuvor die Berufungsjury bewies, als sie einen bislang nur durch kleinere Ausstellungen an der Peripherie aufgefallenen Kurator zum wichtigsten Kunstmanager des Jahres 2007 kürte. Der Documenta-Macher wagt sich an größere Bauvorhaben heran, um dem „White Cube“, dem Standardformat für zeitgenössische Kunst, eine Absage zu erteilen. Dafür ließ er im Museum Fridericianum Wände rausreißen, Fenster wieder öffnen. Auch am zweiten Ausstellungsort, der Neuen Galerie, profiliert sich dieser Agent des Zeitgenössischen als Kenner historischer Architektur, indem er den Eingang des Gebäudes an die ursprüngliche Stelle zurückverlegt. In den Räumen selbst wird mit Farbe nicht gespart: Im Fridericianum dominiert Grün, in der Neuen Galerie Lachsrosa, was als besonders vorteilhaft für Fotografie und Malerei gilt. Den Schritt federt in der Neuen Galerie ein roter Teppich ab, wodurch allerdings der gerade ausgetriebene wilhelminische Muff hinterrücks wieder einkehrt.

Auch am größten Ausstellungsort, dem 9500 Quadratmeter großen Glaspavillon in der Karlsaue ist Umorientierung für Künstler und Besucher gefragt. Das nur für die Ausstellungsdauer errichtete Kunst-Gewächshaus nimmt mit 140 Werken ein Drittel aller Documenta-Objekte auf. Schon gibt es Streit mit dem Architekten Jean-Philippe Vassal, der in der Klimatisierung und teilweisen Verhängung eine Beeinträchtigung seines Bauwerks sieht. Auch so mancher Künstler verließ Kassel schon im Clinch, weil er den guten alten „White Cube“ vermisste. Aber der Ruf „Roger, gib mir meine Schuhschachtel zurück“ bleibt unerhört.

Auch Robert Storr, der künstlerische Leiter der Biennale di Venezia hat sich in seinen Ankündigungen gegen den Kunstmarkt bekannt. Nur haben solche Erklärungen etwas rührend Verzweifeltes, denn drei Tage nach der Eröffnung beginnt die Art Basel, die wichtigste Messe weltweit, und viele Künstler bewahren sich für den dortigen Schauplatz ihre bedeutenderen Arbeiten auf. In diesem Jahr rückt an Venedig der Kommerz noch dichter heran: Parallel zur Biennale geht am Lido eine neue Messe an den Start, die Cornice. Dort wird in kleinerem Format käuflich zu erwerben sein, was in den Länderpavillons seinen repräsentativen Auftritt hat. Storrs Ausstellungsmotto „Denke mit den Sinnen, fühle mit dem Kopf!“ wird dort sogleich wieder revidiert.

Die Skulpturenprojekte Münster sind durch die Beschränkung auf Kunst im öffentlichen Raum besser gegen Kommerzialisierung gefeit, und doch erlegt sich der Kölner Museumsdirektor und Kurator Kasper König, der die Ausstellung vor dreißig Jahren für seine Heimatstadt erfand, eine Selbstbeschränkung auf. Mit 35 Werken halbiert er die Zahl im Vergleich zu 1997, wo die Stadt zum Rummelplatz der Kunst zu verkommen drohte. Mit einem Besucheransturm rechnet er dennoch, ähnlich wie die Documenta auf ein Massenpublikum setzt. So versuchen Kassel, Venedig und Münster die neue Kunsteuphorie in andere Bahnen umzulenken: weniger Werke, neue Präsentationsformen, höhere Anforderungen an die Besucher. Der Sommer 2007 ist ein Experiment. Am Ende wird sich zeigen, was von der Kunst übrig bleibt.

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