Kultur : Kanonen auf Domspatzen

Eine

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von Peter Laudenbach

Wer Schlingensief engagiert, bekommt Schlingensief. So ging es vor einigen Jahren der Deutschen Bank, als sie sich trendbewusst ein bisschen ProvoAppeal kaufen wollte. Die Banker fragten Christoph Schlingensief, ob er ihnen für 100000 Mark eine kleine Performance präsentieren könne. Die Antwort des Aktionskünstlers: Kein Problem, wir werfen das Geld einfach vom Dach des Reichstags. Die Bank lehnte dankend ab. In Regensburg war man weniger vorsichtig. Weil die bayerische Kleinstadt 2010 Kulturhauptstadt Europas werden will und für die Bewerbung noch irgendwas Modernes her sollte, bekam Schlingensief den Auftrag, eine Show für Regensburg zu inszenieren. Nach der Gala in der Berliner Volksbühne („Keine Chance Regensburg“) konnte der angereiste Bürgermeister nur noch konstatieren, Regensburg habe „mehr Provokation bekommen, als wir bestellt haben.“

Schlingensief, aus Oberhausen an der Ruhr gebürtig, hat einfach eine eigene Inszenierung („Kunst und Gemüse“) raubkopiert und gut gelaunte Regensburg-Beschimpfungen einmontiert. Man erfährt die Höhe der örtlichen Arbeitslosenquote (10 Prozent) und dass Hitler die Ehrenbürgerschaft bis heute nicht aberkannt wurde. Weil ein Bild Martin Kippenbergers, ein ans Kreuz genagelter Frosch, in Regensburg für Ärger sorgte, werden, logisch, Stoff-Frösche ans Kreuz genagelt. Dazu spielen eine Blaskapelle und ein Knabenchor, ein Mann im knallgrünen Froschkostüm rennt über die Bühne, und ein offenkundig Wahnsinniger brüllt auf einem Video immer wieder „Regensburg! Meine Heimat! Regensburg!“ in die Kamera. Aua. Und während die angereisten Honoratioren im Parkett noch versuchen, das alles für Kunst zu halten, erklärt ihnen ein Darsteller, warum das Unsinn ist: „Niemand wird aufgrund dieser Veranstaltung Regensburg zur Kulturhauptstadt wählen. Herr Oberbürgermeister, wir fordern Sie auf, denken Sie darüber nach, ob Sie das Geld Ihrer Bürger nicht sinnvoller verwenden können!“ Das war ehrlich gemeint. Wie ehrlich, zeigt Schlingensief, als ein Bergmannschor auftritt, um den Kulturhauptstadt-Konkurrenten Essen zu promovieren. Schlingensiefs Parole: „Essen für alle!“ Wer Schlingensief bestellt, endet sowieso immer im Ruhrgebiet.

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