Kultur : Kanzler und Kandidat: Wie Bilder reden

Textdokumentation: Martin Gehlen

Zum Zeitpunkt des Interviews war Deutschland sehr verunsichert. Es herrschte Angst vor Milzbrandattacken und vor möglichen neuen terroristischen Angriffen nach dem 11. September. Der Bundeskanzler hätte das Gespräch nutzen können, um der Bevölkerung zu signalisieren, wir tun alles, um die Lage in den Griff zu bekommen. Bei aller Sorge und bei allem Druck, ich als Regierungschef handele und entscheide ruhig, souverän, gut informiert und kompetent. Ich bin der Mann, der auch in dieser schwierigen Zeit die Zügel in der Hand hat. Doch das Foto, aufgenommen auf einem Balkon des Bundeskanzleramtes, vermittelt das genaue Gegenteil. Warum?

Zur Analyse eines Bildes muss man es zerlegen in das Makrobild, den Hintergrund, und das Mikrobild, die Körpersprache der auftretenden Person. Im Makrobild wirkt Gerhard Schröder an den Rand gedrängt. Er steht nicht im Zentrum. Nicht der Bundeskanzler dominiert das Bild, sondern die schiefen Bildachsen und die kahle, wüste Baustelle vor dem Reichstag im Hintergrund. Das Foto ist durchzogen von Linien - Balkongitter, Fassaden und dem waagerechten Horizont. Dadurch vermittelt sich dem Betrachter Unüberschaubarkeit und Komplexität und damit Unruhe und Anspannung.

Das Mikrobild, die Körperhaltung Schröders verstärkt diesen Eindruck. Schröder greift mit den Händen nicht aktiv das Geländer, etwa im Bild des Kapitäns auf der Brücke seines Schiffs. Sondern er lehnt sich lediglich an und wendet dem Betrachter leicht schräg eine Schulter zu. Eine Hauptperson jedoch sollte sich offen und gerade "nach vorne", dem Betrachter zugewandt präsentieren. Die Mimik ist angespannt, die linke Hand ist künstlich angewinkelt, die Finger zur Faust verkrampft. Der Kanzler kann seine Hand kaum lange in einer solchen Position halten, ohne Schmerz zu empfinden. Die rechte Hand ist in der Hosentasche. Schröder hält das für eine lockere Geste, die Souveränität demonstrieren soll. Das tut sie aber nicht, vielmehr unterstreicht sie zusätzlich die vorhandene Anspannung. Der Bundeskanzler verdeckt seine Hand, sie ist nicht frei. Aber nur freie Hände, bereit und damit fähig anzupacken, spiegeln Kernbotschaften wider wie Aktion und Kompetenz.

Ein solches Interviewfoto ist keine Plattform, mit der der deutsche Regierungschef Souveränität, Führungskraft, Kompetenz, Ruhe und Sicherheit vermitteln kann. Schröder zeigt eher das Bild eines Getriebenen. Seine Körperhaltung ist hochgespannt, die unwillkürliche Botschaft an die Betrachter lautet: Ich bin enorm unter Druck und mich beschäftigt, ob ich dem Druck gewachsen bin. Ein amerikanischer Politiker oder Spitzenmanager hätte ein solches Foto auf jeden Fall versucht zu vermeiden.

Allerdings ist in Deutschland - anders als in den USA - das Bewusstsein für Bildbotschaften wenig ausgeprägt. Deutschland ist eine Wortkultur. Deutsche Politiker, aber auch Unternehmer und Manager, unterschätzen völlig die Macht des Bildes und glauben, der autorisierte Interviewtext sei das Entscheidende. Das Bild zum Auftritt gilt als unliebsame Beigabe, die am Ende eines Interviews noch schnell erledigt werden muss. Doch ein Bild sagt mehr als tausend Worte. Und deshalb liegt im Bild des Auftritts die eigentliche Botschaft, gehen doch - das belegen alle Untersuchungen - nie weniger als 55 Prozent und durchaus bis zu 85 Prozent der Wirkung eines Fernseh- oder Redeauftritts unmittelbar auf Körpersprache und Bilddramaturgie zurück. Das Bild des Auftritts ist Plattform und Rahmen für das gesprochene Wort.

Auf sehr vielen Fotos wirkt der Kanzler wie ein Mensch, der sich für sein Amt Formeln zurechtgelegt hat, Formeln des Auftretens, Formeln der Haltung und Formeln der Worte. Er ist sich nicht bewusst, dass sich dieses Formelhafte Ausdruck verschafft in einer verspannten Körpersprache, die sich von seinen Worten abkoppelt. Der Betrachter spürt einen Bruch zwischen dem, was Schröder zu sagen beabsichtigt und dem, was das Bild seiner Körpersprache ausstrahlt. In seinen Worten formuliert der Kanzler gerne wie ein tatkräftiger Souverän, der mit "ruhiger Hand" Kurs hält. Vor allem Schröders Hand- und Fingersprache vermittelt häufig hohe negative Anspannung und den Wunsch nach Distanz und Dominanz. Das Resultat ist ein Mangel an Glaubwürdigkeit und Überzeugungskraft.

Der Politiker Schröder vermittelt den Eindruck, eher dominieren als überzeugen zu wollen. Die für Schröder typische flache Hand mit abgespreiztem Daumen vor der Brust sagt zugespitzt: Ich habe eine Formel als Antwort auf deine Frage und die sage ich dir jetzt und die hast du zu akzeptieren, weil ich qua Amt weiß, wo es langgeht. In diesem Sinn ist Gerhard Schröder ein Taktiker der Macht, der Macht aufgrund seiner Stellung ausübt. Er ist kein Stratege politischer Programmatik, dem natürliche Autorität durch die Auseinandersetzung über politische Werte und Visionen zufließt. Für einen inhaltlichen Kompetenzwahlkampf, den die Union plant, ist der Kanzler darum eher schlecht gerüstet.


Edmund Stoibers Körpersprache zeigt einen Mann, der äußerst kontrolliert auftritt. Seine Mimik verändert sich auch in sehr unterschiedlichen Situationen praktisch nie. Die immerzu ausgeprägt nach unten verlaufenden Gesichtslinien verstärken den ersten Eindruck des Eckigen und Scharfkantigen, auch des Gefrorenen und Formelhaften. Bei öffentlichen Auftritten zeigt Stoiber kaum ein authentisches, warmes Lächeln, das aus dem Inneren seiner Person fließen könnte - als bildhaftes Symbol für Sicherheit und einer in sich ruhenden Persönlichkeit. Sich in einem Treppenhaus aufnehmen zu lassen, erlaubt es Stoiber, kontrollierte Dynamik zu zeigen. Der Kanzlerkandidat der Union kommt in seiner gesamten Persönlichkeit in relativ breitem Gang auf den Betrachter zu - ein Ausdruck von Souveränität und Selbstsicherheit. Diese optische Kernbotschaft wird allerdings dadurch relativiert, dass Stoiber die Treppe herunterkommt und sich am Geländer abstützt. Es entsteht eine leicht schiefe Körperhaltung. Die zur Körperhaltung gegenläufigen Bildlinien des Treppengeländers geben dem Bild zusätzliche Komplexität. Das lenkt von der Person ab und schmälert deren Ausstrahlung. Die notwendig kleinen Schritte die Treppe hinunter signalisieren zudem eine Person, die Risiko wenn möglich vermeidet. Ein sehr negatives Element ist die senkrechte Achse des Geländers, das von oben hinter dem Kopf verläuft und das Gesicht von Stoiber nicht frei zur Wirkung kommen lässt.

Die SPD wird versuchen, Stoiber im Bundestagswahlkampf als Polarisierer und Spalter darzustellen. Das bisherige Bild des CSU-Politikers - Scharfkantigkeit, Verdecktheit, kühle Distanz - nährt diese Strategie. Dem kann Stoiber durch Körpersprache begegnen, die Offenheit, Vision, Führungs- und Überzeugungskraft verkörpert. Die Bildfigur hierzu ist ein natürliches, herzliches Lächeln.

Die Leitbotschaft des Unions-Wahlkampfes soll Kompetenz sein. Stoiber kann Kompetenz signalisieren, aber nur, wenn er sein Übermaß an Körperkontrolle abschwächt. Als Herausforderer hat Stoiber eine Chance, wenn er Kompetenz definiert als Überzeugungskraft von Argumenten. Stoiber kann vermitteln, dass es ihm in der Politik um Herzensangelegenheiten geht. Mehr noch: Stoiber kann, das zeigen viele Fotos, glaubhaft beschwörend wirken. Das belegen die für ihn typischen nach innen gedrehten Hände mit den offenen auf seine Brust zeigenden Fingern, während seine Augen den Blickkontakt zu seinem Gegenüber suchen. Aber um anziehend auf die breite Mitte der Wählerschaft zu wirken, muss er die Scharfkantigkeit und Distanz in seiner Körpersprache abmildern und in einem starken Bildsymbol signalisieren, dass er auf möglichst viele Menschen zugehen und sie einbeziehen will.


Einblick aus Amerika

Jochen O. Keinath war 1995/96 Mitglied im "Performance & Media Coaching Team" von Bill Clinton. Er beschäftigte sich vor allem mit der Inszenierung und wechselseitigen Synchronisation von Bild- und Wortbotschaften des US-Präsidenten. Keinath ist Direktor des Deutschen Instituts für Rhetorik in Bensheim bei Frankfurt am Main. Er berät deutsche und amerikanische Manager und Politiker bei deren Auftritten in den Medien.

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