Kultur : Kanzlerkandidat der Union: Eine Frage der Aufstellung

Robert Birnbaum

Am Ende, mutmaßt einer aus dem CDU-Vorstand, werden die beiden Kandidaten-Kandidaten in einem Zimmer beieinander sitzen "und einen Abzählvers aufsagen: "Ipp, zipp, zapp, und du bist - ab!" Der Mann klingt genervt. Es geht ihm wie vielen in CDU und CSU. Seit Monaten hat die Union nichts so ausgiebig hin und her gewendet wie die K-Frage. Jetzt, kurz vor der Entscheidung, sind alle des Spekulierens und Argumentierens müde. Es ist ja auch nur noch eine Frage von wenigen Tagen. Irgendwann im Januar werden sich Angela Merkel und Edmund Stoiber Auge in Auge gegenübersitzen. Die CDU-Chefin und der CSU-Chef - im Konklave werden sie entscheiden müssen.

Keine einfache Situation, ganz und gar nicht. Doch die Kontrahenten haben sie selbst herbeigeführt - und man muss sagen: absichtsvoll. Merkel hat sich noch zuletzt vom Dresdner Parteitag das Verfahren absegnen lassen, das einst ihr Vorgänger Wolfgang Schäuble mit Stoiber ausgemacht hatte: Die beiden Parteichefs unterbreiten gemeinsam einen Vorschlag zu Person und Verfahren der Kandidatenkür. Das mit dem Verfahren freilich, versichern Leute aus dem Umkreis der zwei Chefs unisono, könne man getrost vernachlässigen. Unvorstellbar, dass das Konklave im offenen Streit ende und beide einen Schiedsrichter anrufen müssten.

Vernünftigerweise kann man dem nicht widersprechen. Eine offene Niederlage kann sich keiner der zwei leisten, einen schmollenden Zweiten auch nicht. "CDU und CSU können nur gemeinsam gewinnen", hat Merkel gerade erst in ihrem Neujahrsbrief an die eigene Partei gemahnt. Stoiber meint im Kern das gleiche, wenn er verbreiten lässt, er werde antreten, wenn ihn die CDU geschlossen rufe. Bloß keinen Streit. Bloß keine zwei Züge, die aufeinander zu rasen. "Weil beide wissen, was auf dem Spiel steht, wird es so nicht kommen", sagt einer aus der CDU-Führung.

Pilgerfahrten zur Vorsitzenden

Ob dahinter mehr steckt als die bloße Hoffnung, es möge der Union ein Desaster erspart bleiben, ist schwer zu entscheiden. Nach außen hin halten beide Bewerber ihre verklausulierte Bewerbung aufrecht. Von außen wächst zugleich täglich der Druck auf Merkel. "Die zeigen ihr die Instrumente", sagt ein CDU-Abgeordneter. Spitzenleute machen sich auf zu Pilgerfahrten, um die eigene Vorsitzende von der Bewerbung abzubringen. Fraktionsvize Wolfgang Bosbach (CDU) sagt öffentlich das Ergebnis voraus, sollte es zu einer Kampfabstimmung in der Fraktion kommen: 60 bis 70 Prozent pro Stoiber.

Erkennbar bewirkt hat die Drohkulisse nichts. Auch dass Stoiber, der lange als Zögerer da stand, immer offensiver die eigene Kandidatur betreibt, hat Merkel nicht zum Aufgeben getrieben. Ihre Gegner glauben den Grund zu kennen: "Die sieht nicht ein, dass die Sache gelaufen ist", zürnt ein CDU-Spitzenmann. Merkel-Freunde bieten eine andere Erklärung an: Die CDU-Chefin wolle sich die Entscheidung nicht aus der Hand nehmen lassen. Sie dürfe doch um keinen Preis den Eindruck zulassen, das Ergebnis des Konklaves sei nicht Ergebnis der Souveränität beider Teilnehmer - "mit Blick auf die Zukunft".

Ein interessanter Blick. Bisher hat er in der K-Debatte noch kaum eine Rolle gespielt. Dabei wissen Merkel wie Stoiber sehr gut, dass beide zumindest in einem Punkt das Vorbild ihrer Kandidaten-Kür getreulich werden nachspielen müssen. So wie Oskar Lafontaine scheinbar selbstlos dem Konkurrenten Gerhard Schröder das Feld überließ, wird der Verlierer des Rennens Merkel-Stoiber sich bis zum Wahlabend total loyal verhalten müssen: Lächeln, den anderen unterstützen, auch hinter seinem Rücken nur Gutes reden.

Unter Erfolgszwang

Dass Merkel dergestalt den Lafontaine geben könnte, galt lange Zeit als ausgeschlossen. Denn für die CDU-Chefin, so allgemeines Credo, gehe es in der K-Frage um alles oder nichts. Doch das Trommeln für Stoiber hat die Verhältnisse verändert. Auch der Bayer steht unter Erfolgszwang. Auf Verständnis für einen Verzicht könnte er nicht rechnen. Auf seinen Verzicht kann darum sie nicht rechnen.

Also doch Duell bis aufs Messer? Ganz ausgeschlossen ist es nicht. Aber vielleicht wird die K-Frage ja gar nicht daran entschieden, wer die meisten Bataillone auf seiner Seite oder die besten Chancen auf den Wahlsieg oder die besten Nerven im Vier-Augen-Gespräch hat. Sondern durch einen Blick in die Zukunft. Die stellt sich bei nüchterner Betrachtung für die CDU-Chefin nämlich keineswegs vollends finster dar. Überlässt sie Stoiber die Kandidatenrolle und der gewinnt die Wahl, gewinnt Merkel mit ihm. Verliert er, bleibt es vielleicht nur seine Niederlage und wird ihre zweite Chance. Eine Garantie dafür gibt es natürlich nicht. Aber die Alternative erscheint allemal riskanter. Merkel müsste nicht nur Stoiber die Kandidatur förmlich abtrotzen. Sie müsste die Union dann auch zum Wahlsieg führen - mindestens als kleine Partnerin einer großen Koalition.

Das wäre ein gewagtes Kalkül: alles oder nichts. Ginge es an einem einzigen Punkt nicht auf, "dann wäre das ihr Ende auch als Parteivorsitzende", prophezeien selbst Leute, die Merkel politisch nahe stehen. Nerven hat sie ja. Aber das Glücksspiel liegt der CDU-Vorsitzenden eigentlich so wenig wie dem CSU-Chef.

Und wie hat sie ganz richtig in ihrem Neujahrsbrief geschrieben? "Tatsache ist, dass der Ausgang der Bundestagswahl heute vollkommen offen ist."

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