Kapitalismus und Moral : Die Luftrauslasser

Kapitalismus, Moral und Ironie: Zur Debatte um Peter Sloterdijk und Axel Honneth.

Marius Meller

Man sagt, wir lebten in einer Welt ohne Utopien. Abgesehen davon, dass es für manch einen schon eine Utopie ist, bei Grün über die Straße zu kommen, abgesehen davon, dass einige unserer fähigsten Historiker die Realutopie Sozialstaat als in einem braunen Sumpf herangewachsen betrachten, abgesehen davon, dass die größere Hälfte der Geisteswissenschaftler glaubt, Texte machten keinen Sinn und die kleinere Hälfte, sie machten Sinn, abgesehen davon, dass unsere Naturwissenschaftler, wenn sie gut sind, an gar nichts mehr glauben, nicht einmal mehr an ein Naturgesetz – abgesehen von dieser verwirrenden geistigen Gesamtlage also ist es absolut wünschenswert, wenn Philosophen ab und an eine Utopie formulieren, die ihr denkerisch Innerstes zum bildlich-begrifflichen Ausdruck bringt: in einem öffentlichen, nicht nur fachöffentlichen Medium.

Der oft als „Fernsehphilosoph“ verrufene Direktor der Karlsruher Hochschule für Gestaltung, Peter Sloterdijk, hat ebendies getan, als er vergangnen Juni in einem „FAZ“-Essay in der Reihe „Zukunft des Kapitalismus“ (www.faz.net) aus der Geschichte des Liberalismus den Vorschlag herleitete, die ganze oder einen Teil der Steuer zu erlassen und statt dessen „Geschenke an die Allgemeinheit“ zu vermitteln. Sloterdijks Vorschlag mag utopisch sein, aber Unsinn, wie der Frankfurter Habermas-Schüler und Nachfolger Axel Honneth zwei Monate später in der „Zeit“ behauptete, ist er nicht.

Allein die Perspektive, die durch die Imagination dieser fiskalischen Utopie entsteht, macht klar, was Steuern kollektivpsychologisch sind: Halsabschneiderei. Würden sie als Übung in „Charity“ aufgefasst und praktiziert, wäre das schon etwas anderes. Ungefähr so etwas hat sich Sloterdijk in seiner fundamentalliberalen, aber definitiv nicht neo-liberalen Polemik gedacht, die im Übrigen über weite Strecken im Modus des reflexiven Humors gehalten ist, was in Axel Honneths polemischer Rezeption völlig untergeht.

Dieser entwirft darin humorlos das Porträt einer ganzen Generation, die gleichsam des revolutionär-aufklärerischen Kerns der Frankfurter Schule entbehrt und sich, ob ihrer Kernlosigkeit, zweifelhaften Wahrheitsbegriffen wie dem von Foucault oder gar Nietzsche hingibt und so etwas wie geistige blonde Bestien hervorbringt. Deren nachrückende Adepten gefährden dann natürlich die ernsthafte Reflexion durch ihre „Diffusheit“, weil sie klare Erkenntnisse von Neuem in Frage stellen, dennoch Netzwerke bilden und dabei Schlüsselstellen in ganz Philosophisch-Gallien außer im Frankfurter Westend besetzen.

Wie konnte es nach der von Sloterdijk 1999 ausgelösten Menschenzüchtungsdebatte zu dieser neuerlichen Feuilletonschlacht kommen? Immerhin haben inzwischen der in Stanford lehrende Germanist Hans Ulrich Gumbrecht sowie der Bielefelder Germanist und „Merkur“-Herausgeber Karl Heinz Bohrer auf Seiten Sloterdijks und der Frankfurter Philosoph Christoph Menke auf Seiten Honneths sich in den Ring begeben. Es ist frappierend, welche Themen in dem halben Dutzend Texten berührt oder angespielt werden: Der ironische Modus des Philosophierens und wie er sich auf den Begriff der Wahrheit auswirkt (alle), das Erbe der 68er (alle), die „Notwendigkeit sozialer Ungleichheit“ (Bohrer), die Grundrechte (Bohrer), die Vernunftideen und so weiter. Es ist, als wäre ein Ventil aufgegangen und ein jahrzehntelanger Überdruck hätte sich seinen Weg in die philosophisch ausgedünnten Räume des Feuilletons gesucht.

Nur Jürgen Habermas selbst hat sich noch nicht zu Wort gemeldet. Ihn, den man dieses Jahr als den zweifellos einflussreichsten lebenden Denker und als Praktiker der vernünftigen Öffentlichkeit feiert, ihn hört man allenfalls vermittelt via Honneth. Längst geht es um Sloterdijks Lebenswerk, dessen Anfänge, die „Kritik der zynischen Vernunft“ (1983) er einst in einer Rezension lobte.

Damals, 1983, war es das höchste Lob für Sloterdijk, dass die Theorie, die Habermas hinter der „Kritik“ sah, anschlussfähig an seinen Kosmos der diskursiven Vernunft sein könnte; zumindest stellte das Habermas indirekt in Aussicht. Sie könnte sozusagen die Gebildeten unter den Hippies in seine geistige Schule zurückholen. Was dann und wann genau für Habermas in der Sloterdijk-Lektüre schief lief, lässt sich nicht mehr so genau analysieren. Aber 1999, vor genau zehn Jahren, fielen alle Frankfurter-SchuleSympathisanten zum ersten Mal über Sloterdijk her und ziehen ihn einer para-nietzscheanischen Übermenschen-Überzeugung mit Hoffnungen auf die Segnungen der Gentechnik.

Sloterdijk stellte damals klar, dass es ihm um ein Durchspielen von Paideia-Konzepten zu Zeiten der autoplastischen Revolution ging (darauf weist Gumbrecht heute wieder hin), und Sloterdijk sagte das auch in einer Podiumsdiskussion in der Berliner Volksbühne, schlug gar ein fünfzigjähriges Moratorium für die stammzellenverbrauchende Gentechnik vor. Aber die Gegenseite sah Sloterdijk als anti-demokratisch, nietzscheanisch, wahrheitsrelativistisch, als Dichterpoeten, als Fastfaschisten usf. Dann herrschte ein Jahrzehnt Stille, und man bruddelte vor sich hin. Sloterdijk kam im Interview ungern auf die Frankfurter zu sprechen, Habermas ließ schreiben oder erging sich in dunklen Anspielungen: Sloterdijk sei kein Monotheist, habe ergo keine Moral.

Wenn beim lesenden Publikum auch nur eine anmutige Springbrunnenkaskade dieser ventilhaften Feuilletondebatte ankommen würde, mit einem Drittel der angerissenen Themen – man könnte uns glatt für ein Volk von Denkern halten.

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