Kultur : Kardinalsernennungen: Die Stimme der reinen Vernunft

Thomas Lackmann

Mailand, Anno 374: Der Bischof ist tot, die Stadt ist im Aufruhr. Katholiken und irrgläubige Arianer kämpfen um einen Nachfolger aus den eigenen Reihen. Im Dom stoßen die Parteien prügelnd aufeinander. Der Statthalter tritt auf: ein 34jähriger Jurist, seit einem Jahr im Amt, anerkannt als Friedensstifter. Die Wogen glätten sich. Da piepst ein Kind: "Ambrosius Bischof!" Die Erwachsenen wiederholen den Ruf. Der Statthalter erschrickt, das ist sein Name. Er ist doch gar nicht getauft! Er flieht aus der Stadt, vergeblich. Der Kaiser bestätigt die Wahl, der Beamte wird getauft, geweiht: So also funktioniert Basisdemokratie auf katholisch, der Legende nach. Später übrigens wird dieser Ambrosius, der Kirchenlehrer und furchtlose Kaiserkritiker, als erster Theologe von vier "Kardinaltugenden" - Weisheit, Besonnenheit, Tapferkeit, Gerechtigkeit - sprechen: im allegorischen Hinblick auf jene vier biblischen Ströme, die sich einst aus dem Paradies ergossen nach Mesopotamien, Arabien, Ägypten. Eine Allegorie auf das internationale Kardinalskollegium? Im überschaubaren Kirchenwesen jener Zeit braucht man keine Kardinäle.

Was heißt Basisdemokratie für eine Milliarde Katholiken? In puncto Demokratie werden Demokraten von der ältesten Organisation der Welt kaum etwas lernen wollen. Heute tritt zum "größten Konsistorium aller Zeiten" deren beratendes Führungsteam zusammen: 44 Kardinäle werden ernannt, das nunmehr 185 Häupter zählende Gremium tagt im Vatikan. Spekuliert wurde im Vorfeld der Feierlichkeit vor allem, was wohl hinter der verspäteten Bekanntgabe einiger zuvor in pectore verborgener Kandidaten stecken könnte. Hatte der vom Anno Santo erschöpfte Pontifex den Vorsitzenden der Deutschen Bischofskonferenz, Karl Lehmann, lediglich vergessen? Wollte er den Fürsprecher einer umstrittenen Schwangerenberatung durch diesen Verzug etwa versöhnlich hervorheben - oder abstrafen? Haben Kuriendiplomaten den Papst doch noch zur Ausgewogenheit gegenüber den liberalen deutschen Katholiken gedrängt, zumal die erstmalige Verleihung des Purpurbiretts an einen Opus-Dei-Bischof das konservative Lager stärkt? Oder war es Lehmanns polnischen Freunden in letzter Minute gelungen, ihren Karol Wojtila umzustimmen?

Das Deutungsspektrum spiegelt unterschiedliche Einschätzungen des Kardinalsgremiums, welches als Hofstaat oder Senat des Monarchen oder als Repräsentanz einer Weltgemeinschaft verstanden werden kann - obgleich die Einrichtung des Kollegiums kaum halb so alt ist wie die knapp 2000-jährige Tradition der Kirche selbst. Während Bischöfe, auch der römische, in den ersten Jahrhunderten durch Klerus und Volk gewählt werden, "kreiiert" der Papst seine Kardinäle solo, ab dem 11. Jahrhundert. Sie sollen ihm beistehen gegen den verheerenden Druck der Fürsten und Patrizier und die korrekte Wahl seines Nachfolgers sichern. Das Konsistorium nennt sich so nach dem Ratssaal des Kaisers in Byzanz. Für seine Wahl- und Consulting-Aufgabe wird der Kardinal nicht "unauslöschlich" geweiht wie ein Bischof; inkardiniert wird jemand durch den Umbau aus seiner ursprünglichen in die andere Funktion, der Kardinal ist nur Funktionsträger. Sollte er dann nicht seine Würde zurückgeben, sobald er kein Leitungsamt mehr bekleidet? fragt 1964 der Konzilstheologe Karl Rahner. Und warum eigentlich keine Kardinalinnen? fragt 30 Jahre später der kongolesische Bischof Ernest Kombo.

Berufsbild und Image haben sich tatsächlich in tausend Jahren gewandelt. Noch im Jahr 1700 erhält ein Achtjähriger die - mitunter käufliche - Kardinalswürde. Das erste verbürgte Konklave von 1241 wird noch dominiert durch einen römischen Senator, der die betagten Wahlmänner einsperrt. Als ihr neuer Papst nach 17 Tagen stirbt, treten sie in den Konklave-Streik: Man habe sie beim ersten Mal an Händen und Füßen zum Wahlkerker geschleppt, Wachen auf dem kaputten Dach hätten über ihren Köpfen uriniert, jetzt wollten sie nicht mehr!

Der riskanteste aller Übergänge

30 Jahre später dagegen wird, zur Beschleunigung eines dreijährigen Konklaves, das Gebäudedach abgedeckt; man setzt die Wähler auf Wasser und Brot, sie ihrerseits delegieren ein Sechser-Komitee, das zum Papst einen Diakon kürt, der zufällig auf dem Kreuzzug ist. 1352 wiederum legen Kardinäle dem papabilen Mitbruder eine Verpflichtung vor, ihr Gremium auf 20 Köpfe zu begrenzen und ihnen 50 Prozent aller Kirchen-Einkünfte anzuweisen; der unterschreibt, wird Papst und hält sich nicht dran. Die gewachsene, zuletzt von Johannes Paul II. optimierte pontifikale Wahlordung nennt der Historiker Horst Fuhrmann "das Werk historischer Vernunft". Durch sie wird der riskanteste Übergang gemeistert: wenn ein Theokrat stirbt, ohne die Kontinuität des Systems durch seinen "zweiten Leib", die physische Dynastie, sichern zu können. Wo allerdings ein langlebiger Pontifex - entgegen der alten Ansicht, dass gute Päpste kurz regieren - über Jahrzehnte den ganzen Kardinals-Stab besetzt, entwickelt dieser sich zum quasi dynastischen Machtinstrument.

Showdown: Lehmann contra Ratzinger?

Ist die Katholische Kirche eine Diktatur - oder eine verkannte Demokratie? Von außen, als übernationaler Staat betrachtet, präsentiert sie sich als eine von Kurfürsten getragene Wahlmonarchie. Betrachtet man sie als Konzern, scheint der Vergleich schwieriger: In der Wirtschaft hält der Eigentümer die Hälfte der Aufsichtsratsstimmen plus eine, gegen die Stimmen der Belegschaft, alle gemeinsam aber wählen auf begrenzte Zeit den ihnen Rechenschaft schuldenden Vorstand. Dagegen sieht sich die ecclesia romana prinzipiell nicht als Eigentümerin ihrer selbst; ihr kardinaler Ausichtsrat wählt zwar den Vorstand auf Lebenszeit, der aber verantwortet sich vor dem (unsichtbaren) Eigentümer, nicht vor seinen Wählern.

In ihrer Selbstdarstellung wiederum beschreibt sich die Kirche selbst als eine geistige Familie, durch deren inspirierte Gruppendynamik sich jeweils zwischen Oben und Unten, zwischen Autorität und charismatischer Zustimmung neue Wege und Auswege öffnen. Oder aber sie definiert sich als das göttlich-menschliche Mysterium zwischen Himmel und Erde, als Zeichen der göttlichen Präsenz in Zeit und Raum. In den säkularen Struktur-Modellen geht es ganz klar um Macht, in den religiösen Szenarios wird dieses Thema eher fromm kaschiert.

Beim nächsten Konklave, prophezeite jüngst ein Kommentar der "Repubblica", werden Bischofsanführer Lehmann und Kurienkardinal Ratzinger im showdown aufeinandertreffen. Die Konfliktline künftiger Strukturkrisen verläuft zwischen Kollegialität und Zentralismus; zwischen den 3324 Bischöfen in weltweit 2477 Diözesen, den "Ortskirchen" - und dem päpstlichen Primat samt Kurie und Kardinälen. "Episkopat und Primat sind göttliche Vorgegebenheiten der Kirche"; es gehe nicht darum, "eines gegen das andere auszuspielen", sondern "das lebensvolle Zueinander beider verstehen zu lernen und so mit seinem Denken der Verwirklichung zu dienen, die ja durch Menschen geschieht und die allzeit menschlich gebrochene Gegebenheitsform des göttlich Vor- und Aufgegebenen ist." Das schrieb vor 40 Jahren, etwas herumeiernd um den heißen Brei, der Startheologe Joseph Ratzinger.

Damals wie heute stellte für demokratisch verfasste protestantische und für bischöflich strukturierte orientalische Kirchen das "menschlich gebrochene" Papsttum die Barriere dar auf dem Weg zur Einheit der Christen. Das Konzil, Anfang der 60er Jahre, betonte auch deshalb die Kollegialität in der Kirche; seitdem haben 20 den Papst beratende Bischofssynoden in Rom getagt. Seit 1979 jedoch wächst auch die Zahl der Beratungstreffen des Papstes mit seinen Kardinälen aus aller Welt, welche heute durchweg Bischöfe sind. Und Kardinäle leiten die Kurie. In der Führung der Kirche, die ihrem Dogma nach eigentlich den (nicht durch den Vatikan allein erkorenen Bischöfen) anvertraut ist, entsteht ein Zweikammernsystem.

Vom 13. bis 23. Februar gedachten die alten Römer ihrer Ahnen, sie stellten ihnen Speisen hin und einen Stuhl, die Kathedra. Roms Christen adoptierten den Kult, sie feierten das Lehramt ihres Ahnen Petrus. Traditionell findet zum 22. Februar, dem Fest Kathedra Petri, ein Kardinalskonsistorium statt: Die Katholische Kirche versteht es, archaische und institutionelle Bedürfnisse zu kombinieren - so wie zu ihrem Konzept der göttlichen Repräsentanz "von oben" die Teilhabe des Gottesvolks "unten" gehört. Wird sie in diesem Jahrhundert, über 185 Rotkäppchen und alle digitalen Gräben hinweg, neue Repräsentanz-Strukturen entwickeln: von der Lokalbasis zur Zentrale?

Ähnliche Fragen stellen sich der säkularen EU- oder UNO-Gesellschaft: wo der Lokalbürger seiner Globalzentrale selten näher kommt als das Schäfchen dem nächsten Kardinal; wo das demokratische Ideal dem autoritären Regime der Ökonomie und der Apparate kaum widersteht; wo man die Suche nach dem verbindenden Wertekanon, dieser entpersönlichten Form der Ahnenverehrung, als Aufgabe der Identitätsbewahrung entdeckt. Zur Ahnenverehrung übrigens gehört Legenden-Erinnerung: an ein Unschuldsstimmchen auf dem Petersplatz, das "Lehmann Kardinal!" ruft, bis die Interessen von unten und oben sich paradiesisch vereinen. Eine göttliche Intervention, so hell wie im Märchen das kindliche "Aber er hat ja gar nichts an!", die Stimme der reinen Vernunft. Doch das ist eine andere Geschichte.

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