Kultur : Karl Friedrich Schinkel: Preußens Staub und Gloria

Helmut Caspar

Messbildaufnahmen des 19. Jahrhunderts zählen zu den wichtigsten Bildquellen, wenn es um die Rekonstruktion historischer Bauten geht. Unübertroffen in ihrer Schärfe, ohne stürzende Linien, allerdings auch ohne stimmungsvolle Atmosphäre und ohne Menschen, dokumentieren sie die Bauzustände. In der Tradition dieser auf großen Glasnegativen fixierten Darstellungen ist der emeritierte Berliner Geologieprofessor Hillert Ibbeken durch die Lande gefahren und hat Bauten Karl Friedrich Schinkels fotografiert. Preußisch korrekt ausgerichtet, gut ausgeleuchtet, eine Sammlung von hochkarätigen Sakral- und Profangebäuden, manchmal auch bescheidenen Landhäusern, die Preußens oberster Architekt entworfen oder an deren Gestaltung er als höchste Genehmigungsinstanz mitgewirkt hat.

Ibbekens Aufnahmen werden jetzt in der Kunstbibliothek der Staatlichen Museen am Kulturforum gezeigt, erweitert durch Pläne und Skizzen von Schinkels Hand, die nach des Meisters Tod auf königlichen Wunsch einem eigens eingerichteten Schinkel-Museum überwiesen wurden. An ihnen hat sich der Fotograf orientiert. Die zum 220. Geburtstag des Künstlers eröffnete Ausstellung "Karl Friedrich Schinkel - Das architektonische Werk heute" präsentiert auf Schwarzweißfotos nicht weniger als 150 erhalten gebliebene Schinkelbauten quer durch Deutschland sowie in den ehemaligen preußischen Provinzen, die heute zu Polen und zu Russland gehören. Nicht immer sind die Häuser als Arbeiten des Berliner Baumeisters zu erkennen, Umbauten und Veränderungen, von Ibbeken sorgsam registriert, zeigen, dass die Geschichte an ihnen nicht spurlos vorüber gegangen ist.

Ungeachtet der Wertschätzung, die der 1841 verstorbene Baumeister genoss, ging man mit seinem Werk recht ruppig um. Bereits im 19. Jahrhundert wurden die ersten Schinkelbauten beseitigt. Ein Übriges taten Bombenkrieg und - nach 1945 - die Abrissbirne. Bilderstürmerischer Eifer, mangelhaftes Kulturverständnis und blinder Erneuerungswahn ließen allen in Berlin (Ost wie West) 33 hochkarätige beschädigte oder auch nur im Wege stehende Schinkelbauten zu Staub werden. Dabei wäre ihre Rettung, wie die Ausstellung nachweist, bei guten Willen möglich gewesen. Dessen ungeachtet lässt sich das, was erhalten blieb, sehen - das Alte Museum und das Schauspielhaus in Berlin, die Neue Wache, die Friedrichswerdersche Kirche, ferner in Potsdam Schloss Charlottenhof und die Nikolaikirche.

Für seine Dokumentation - die in einem parallel erscheinenden Prachtband festgehalten ist, übrigens vom Verlag ohne jeden Zuschuss produziert - kam Ibbeken die Idee, als er vor einigen Jahren in einem dicken Schinkelbuch blätterte. Er habe nicht gewusst, sagt er, was er da auf sich lädt. Regelrechte Forschungsarbeit sei das gewesen, mühsame Spurensuche, denn manches, was in der Schinkelliteratur verzeichnet ist, steht nicht mehr. Glücklicherweise aber fand er auch das eine oder andere Bauwerk, das als verloren galt. Er habe, vor allem in Polen, hervorragend restaurierte Schinkelbauten kennen gelernt, während manche Meisterwerke hierzulande einen beschämenden Eindruck machten. Schlechtes Beispiel dafür sei die Ruine der klassizistischen Elisabethkirche, die im Norden von Berlins Mitte ein kümmerliches Dasein fristet.

Mit der Präsentation von Schinkelzeichnungen, alten Fotos, Dokumenten und Spolien zerstörter Bauwerke bietet die Ausstellung für Ibbekens "Ist-Zustände" ein bemerkenswertes Vergleichsmaterial. Ausgewählt von der Mitarbeiterin der Kunstbibliothek Elke Blauert, zeigen die Pläne und Skizzen, wie Schinkel um treffende Formen, um grandiose Ansichten rang, wie er selbst kleinste Details und figürlichen Schmuck immer wieder veränderte, um den gewünschten Effekt zu erreichen. Deutlich wird auch, wie souverän er historische Baustile von der Antike bis zum Mittelalter für das eigene Schaffen nutzte, ja wie er Vergessenes wiederbelebte. Gut zu sehen übrigens bei unverputzten Backsteinbau wie der Bauakademie, deren Wiedergeburt nach der Errichtung der ersten Mauerecke nun auch im Ganzen nicht mehr fern zu sein scheint - vorausgesetzt, die Politiker wollen sie ernstlich und es finden sich potente Investoren.

0 Kommentare

Neuester Kommentar