Kultur : Karneval der Leitkulturen

Parallelgesellschaften gibt es bei uns seit dem Dreißigjährigen Krieg. Und sie haben sich bewährt

Michael Rutschky

Klar, Multikulti – ein Wort wie aus dem Kinderladen – war eines der vielen verschwärmten Projekte der Linken. Die Ausländer, die als Gastarbeiter in die Bundesrepublik gekommen waren, die Asylbewerber, die mit allzu guten Gründen politischer ebenso wie ökonomischer Art einströmten, sie galten als neueste Version des Edlen Wilden, der die verkommene Nation auf den Weg der Tugend zurückführen könnte. Wie die Linke gegen die Revision des Asylparagraphen im Grundgesetz kämpfte, das wies eschatologische Züge auf, als gelte es nicht bloß den Edlen Wilden, sondern schon das Volk Gottes zu verteidigen. Noch heute strahlt der „Karneval der Kulturen“, der im Sommer regelmäßig durch Kreuzberg zieht, so bunt und lustig er sich gestaltet, etwas manisch Ostentatives ab.

Bei Multikulti war stets, geben wir es zu, viel Selbsthass im Spiel, ein heftiger, wenn auch negativer Nationalismus. „Liebe Ausländer“, lautete eine Parole, „bitte lasst uns mit den Deutschen nicht allein.“ Ist das unverständlich? Nach der schönen Beschreibung von Leonardo da Vinci scheinen die Dinge dem Auge am größten, welche ihm im Raum am nächsten sind. Das gilt ebenso für die Zeit. Und welche Dinge lauerten da am größten und bedrohlichsten in der Nähe, wenn man zurückblickte in der deutschen Geschichte? Die Bedrückung war ja nicht das Ergebnis von Reeducation oder antideutscher Agitation – man brauchte doch bloß hinzusehen.

Die Multikulti-Schwärmerei auf der Linken hatte einen entscheidenden Vorteil: Sie brachte Ideen, vielleicht auch bloß Bilder und Fantasien ins Spiel, mittels derer das Zusammenleben der Deutschen mit ihren vielen Ausländern bearbeitet werden konnte. In dieser Hinsicht nämlich fiel das Lager gegenüber, die Rechten oder Konservativen – oder wie man sie nennen will – komplett aus. Was sich noch an den absurden Vorschlägen in der aktuellen Debatte zeigt: Der Imam predige auf deutsch, jeder Ausländer beeide seine Loyalität auf das Grundgesetz etc. Das rechte oder konservative Lager ignorierte die Ausländer, so gut es ging; hin und wieder tauchten Überfremdungsängste auf (die sich unmöglich in Umsiedlungs-, gar Vertreibungsplänen konkretisieren ließen), irgendwann gab es einmal Rückkehrprämien, was auch nicht fruchtete; dann wächst periodisch Gras drüber.

Zur traditionellen Auseinandersetzung gehört, dass die Rechte der Linken ihr Schwärmen ankreidet, Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit – der schlimmste Vorwurf war „Humanitätsduselei“. Die Rechte dagegen hält sich stolz für realistisch; das „Konkrete“ ist, wie Karl Mannheim gezeigt hat, das Schibboleth, das Losungswort des konservativen Denkens, es geht gegen die Ideale und die Prinzipienreiterei der französischen (und amerikanischen) Revolution. Dagegen bot man Blut, Rasse, den angestammten Raum, die eingefleischte Lebensweise auf – was die Differenzen „seinsmäßig“ (Carl Schmitt) macht.

Aber die Nazis machten Blut und Rasse zum Thema brutalstmöglichen Schwärmens – und hinterher zeigte sich, dass es ohnedies Fantasmen waren, alles andere als konkret (welche seltsame Signifikanz dem Blut im deutschen Staatsbürgerrecht auch immer noch zukommt). Der angestammte Raum und die eingefleischte Lebensweise gingen dank der Mobilität, die in der modernen Welt herrscht, sukzessive flöten, und der Rückschlag von Hitlers Vertreibungspolitik, die Flüchtlings- und Vertriebenenströme aus dem Osten, konfrontierten kernprotestantische Regionen mit Katholiken aus Schlesien, katholische Kernlande mit Protestanten aus Ostpreußen. Dazu die fremden Dialekte. Lange Jahre lebten die Einheimischen und die Zugereisten in Parallelgesellschaften, jawohl: Die Bayern kodifizierten die Sudentendeutschen als „vierten Stamm“, was es denen erlaubte, ihre immer noch rumorenden Rückkehr- und Entschädigungsfantasien zu kultivieren, „unsere Palästinenser“.

In der kleinen nordhessischen Stadt, in der ich aufwuchs, redete man genau so über die schlesischen Katholiken, wie man jetzt über die (türkischen) Muslime spricht: Der Geistliche bläst ihnen ihre Überzeugungen ein, ihre Loyalitäten binden sie aneinander und an Rom statt an die Heimatstadt und Hessen. Michal Bodemann hat (in der „Süddeutschen Zeitung“) gezeigt, wie diese Redeformen immer wieder mit den Juden ausgefüllt wurden. Nach dem Ersten Weltkrieg gerieten die frisch gebildeten Nationalstaaten Mitteleuropas sofort in heftigste Konflikte mit ihren Minderheiten, weil die als Parallelgesellschaften fortexistierten, statt sich dem neuen ethnischen Souverän zu unterwerfen – der sie daraufhin als inneren Feind, als fünfte Kolonne drangsalierte. Wie in den Neunzigerjahren Jugoslawien sich selbst zertrümmerte (statt die serbische Hegemonie anzuerkennen), daran konnte man den Mechanismus in seiner militarisierten Form noch einmal genau studieren.

Es zeigte sich, dass die Einheit der Nation – blutmäßig – alles andere als konkret ist. Die Rasse ist ein Fantasma, der angestammte Raum und die eingefleischte Lebensweise lassen sich zwar blutig gegen die Mobilität der modernen Welt verteidigen, aber das schafft der ethnischen (früher sagte man: völkischen) Einheit der Nation keine neue, übergreifende Geltung, im Gegenteil, das vergossene Blut aktiviert einen archaischen Mechanismus: Es schreit nach Rache.

Inzwischen redet das rechte oder konservative Lager freilich auch gar nicht mehr von Blut und Rasse, sondern von Kultur und Patriotismus. Allerdings nimmt die Kultur dabei etwas seinsmäßig Unverrückbares an, als wäre Kultur bloß ein anderes Wort für Blut und Rasse. Wenn Frau Merkel oder Herr Stoiber (oder wer gerade das Wort hat), das Christentum verwenden, um die Grenze zu markieren, die muslimische Mitbürger oder die Türkei insgesamt in ihrer Position draußen fixiert, dann scheint es sich um einen schweres Zeichen zu handeln, das allem Kulturrelativismus widersteht und substanzielle Einheit erzeugt.

Aber seien wir ehrlich: Nach dem Dreißigjährigen Krieg kehrte in Deutschland der Friede ein, weil Katholiken und Protestanten einander als Parallelgesellschaften ertragen lernten. Wer heute als norddeutscher Protestant – auch wenn er gar nicht praktiziert – für längere Zeit in München zu leben hat, findet sich im Ausland wieder (was ihm ja behagen mag). Ein Wallfahrtsort wie Altötting erzeugt kaum weniger Befremden als ein japanischer Shinto-Schrein.

Zu dieser eingefleischten Differenz zwischen Nord und Süd kommt jetzt noch die zwischen West und Ost hinzu, die zwar nicht auf Religion gründet, aber lange fortwirken wird. Die Nation besteht, statt eine seinsmäßige Einheit zu bilden, aus Parallelgesellschaften. Zu denen die Türken, Libanesen, Tamilen, Schwarzafrikaner hinzukommen.

Selbstverständlich gibt es übergreifende Regelsysteme. Stellen wir uns vor: Wenn ein evangelikaler Schwarzafrikaner den bekannten Theatermann Gauguin wegen seines obszönen Jesus-Spektakels in seiner Wohnung überfällt und erwürgt, selbstverständlich wird er dann nach deutschem Strafrecht verurteilt. Den Multikulti-Schwärmer, der den Mörder als Helden der Alterität verteidigt, überhören wir einfach.

Im Übrigen aber ist es, wie soll ich sagen – ungesund, ein solches Verbrechen so „hochzumodulieren“ (Erving Goffman), dass daraus eine symbolische Aussage über das vermeintliche Scheitern der multikulturellen Gesellschaft wird. Um so ungesünder ist das, wenn die Debatte der Idee folgt, solche Verbrechen ließen sich in Zukunft durch irgendwelche politischen oder pädagogischen oder polizeilichen Bastelarbeiten verhindern. Außerdem bin ich der Meinung, dass das, was der böse Imam in der Kreuzberger Moschee gesagt hat – die Deutschen stinken und sind ohne Nutzen für die Welt – in nichts über die Kulturkritik hinausgeht, mit der sich ein normales Abendessen unter Freunden, der sprichwörtliche Stammtisch oder eine beliebige Vereinsversammlung erfreut, wenn man über den aktuellen Feind herzieht.

Über Kardinal Ratzinger ärgere ich mich viel mehr. Aber das Toleranzgebot fordert ja gerade das zu ertragen, was man missbilligt. Diese Einsicht macht es unnötig, wegen Kopftüchern Gesetze zu erlassen. Religion ist Privatsache, aber Mord bleibt natürlich Mord.

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