Kultur : Karneval der Terroristen - In der Schiller-Werkstatt

Christoph Funke

Hat Heinrich Böll mit seiner Erzählung "Die verlorene Ehre der Katharina Blum" einen agitatorischen Text geschrieben, der Gute von Bösen sauber trennt? Margarethe von Trottas Bühnenbearbeitung hinterlässt in der Aufführung des carrousel-Theaters diesen Eindruck. Wenn ein Blick genügt, die Spreu vom Weizen zu trennen, kann man mit der umfassenden Gefährdung bürgerlicher Rechtsordnung durch die terroristische Bewegung und die folgende Medien-Hysterie in der Bundesrepublik der siebziger Jahre nicht mehr ernsthaft umgehen. So einfach aber hat es sich Heinrich Böll nicht gemacht. Ihm ging es um die verstörende Unsicherheit menschlichen Zusammenlebens in einem Klima wahnhafter Angst. Um den Umschlag braver Normalität in die Lust an Verleumdung. Um Dummheit, Arroganz, Karrierismus - aber nicht um sie allein. Genau sind Umstände beschrieben, die Täter und Opfer aus der Bahn werfen. "Wenn ... die Gesellschaft als Ganzes aus dem Gleichgewicht kommt, kann das für den Einzelnen, vielleicht zufällig Betroffenen, die Hölle bedeuten". So steht es in der Erzählung.

Auf der Bühne der Schiller Theater Werkstatt aber findet lärmender Karneval statt. Maskierte Spaßprofis ziehen durch ein Bierzelt mit Bänken und Tischen, eine Rumms-Kapelle spielt auf. Terrorismus und Fasching werden eins. Lärm ist angesagt, das Deftige setzt sich durch. Thomas Keller, der mit dem Saxophon nachdenkliche Pausen gegen die aufgesetzte Fröhlichkeit der Drei-Mann-Kapelle setzt, steht auf verlorenem Posten. Regisseur Klaus-Peter Fischer will die Machtgierigen, Justiz- und Polizeiheinis und Medienganoven richtig schön vorführen. Helmut Geffkes brüllender Staatsanwalt setzt da den ersten Akzent, und dieses Vordergründige wird die Inszenierung nicht wieder los. Die Figuren um Katharina Blum herum sind Abziehbilder, mit denen sich keiner auseinandersetzen muss - die Geschichte der Entehrung wird zum Schattenboxen.

Glücklicherweise bleibt Birgit Berthold in der Titelrolle vom Auftrumpfenden des Spiels unberührt. Sie macht das Traumwandlerische einer Frau glaubhaft, die mit freundlicher Naivität in die Mühlen der Justiz und der Medien gerät. Sie behält das Staunen im Gesicht, bewegt sich wie in einem Traum. Will man Geschichte in Geschichten aufarbeiten - und das ist die Absicht des carrousel-Theaters für eine Reihe von fünf Inszenierungen - dann muss man feinfühliger auf Ursachen und Umstände eingehen.Wieder vom 3. bis 7. April, jeweils 19 Uhr 30.

0 Kommentare

Neuester Kommentar