Kultur : Kasper in der Unterwelt

Zappelnd und plappernd erfüllt ein Dichter seine romantische Mission

Sebastian Handke

Es ist verdammt schwer geworden, eine Liebesgeschichte zu erzählen. Im Westen zumindest. Wo es für die Liebe nur noch wenig Schranken gibt, ist es kaum mehr möglich, eines ihrer wichtigsten Elemente zu inszenieren: den Liebesbeweis. Man kann natürlich ins Historische ausweichen, in die Beziehungsklamotte oder in den Porno. Für ein zeitgenössisches Liebesdrama aber muss man sich etwas anderes einfallen lassen.

Vom Lyriker und Poesie-Professor Attilio (Roberto Benigni) kann man zwar nicht ernsthaft behaupten, dass er ein Zeitgenosse sei, aber er lebt immerhin im Rom des Jahres 2003. Vom Irakkrieg weiß er nichts. Als aber Vittoria (Benignis Ehefrau Nicoletta Braschi) in den Irak fährt, um den Dichterkollegen Fuad (Jean Reno) zu porträtieren und dort bei einem Bombenangriff lebensgefährlich verletzt wird, fährt Attilio nach Bagdad, um die Angebetete zu retten.

Benignis neuer Film macht es einem leicht, ihn als Aufguss seiner ungewöhnlichen Holocaust-Komödie „Das Leben ist schön“ misszuverstehen. Denn wieder lässt er seine Kunstfigur, den arglos geschwätzigen Clown, durch die Apokalypse stolpern und den Tod besiegen mit nichts als konsequenter Realitätsverweigerung. Doch „Der Tiger und der Schnee“ ist kein Film über den Irakkrieg, sondern Benignis Versuch, eine klassische Liebesgeschichte zu erzählen. Der Krieg und das fremde Land sind die Requisiten, die dem Held den Liebesbeweis ermöglichen: wie Orfeo steigt er in die Hölle hinab, um seine Liebe zurück ins Leben zu holen. Und wie in Chaplins „City Lights“ hat die schöne Frau keine Ahnung, wer ihr Retter ist, bis sie am Schluss erkennt, dass er die ganze Zeit unerkannt neben ihr steht.

Der Hauptunterschied zwischen Benignis beiden Filmen liegt aber in der Rolle des gesprochenen Wortes. In „Das Leben ist schön“ ging es vor allem um die grotesken Bemühungen eines Vaters, mit immer neuen Lügen das Inferno vor seinem Sohn plappernd in ein Spiel zu verwandeln. In einem emphatischen Liebesmärchen wie „Der Tiger und der Schnee“ dagegen wirkt jedes überflüssige Wort wie ein Sargnagel für dessen poetische Wirkung. Doch Benigni kann leider nicht an sich halten. Jede Szene ist mindestens eine Minute zu lang, weil der hüpfende Kasper nicht von seiner hypermotorischen Einmannschau ablassen mag.

Traurig, eigentlich. Denn der Film hat einige komische und einige sehr schöne Momente. Nur werden sie schonungslos verzappelt und zerredet.

Capitol, Cinemaxx Potsdamer Platz, FT Friedrichshain, Kant, Kulturbrauerei; OmU im Babylon Mitte und Balázs

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