Kultur : Kassenkämpfer

Jan Faktor erhält den Alfred-Döblin-Preis

Steffen Richter

Zehn Jahre nach dem Mauerfall fragte sich Jan Faktor öffentlich, „warum aus uns nichts geworden ist“. Mit „uns“ waren vor allem jene Schriftsteller gemeint, die zur so genannten Szene am Prenzlauer Berg gehörten. Der „Fluch der Verweigerung“, so Faktors niederschmetterndes Fazit, die jahrelang eingeübten „Kampf- und Abwehrstrategien“, hätten zur „Selbstsabotage“ im wiedervereinigten Deutschland geführt. Gestern erhielt Jan Faktor den von Günter Grass gestifteten und vom Literarischen Colloquium sowie der Akademie der Künste ausgerichteten Döblin-Preis. Damit wurde im neuen Gebäude der Akademie am Pariser Platz auch diese Szene geehrt, die durchaus nicht nur ein flächendeckend überwachtes und stasi-gesteuertes Biotop war. Faktor selbst ist der beste Beweis.

Bekannt wurde Jan Faktor als experimenteller Lyriker und Essayist – so bekannt, wie jemand eben werden kann, der anfangs mit dem Vorsatz schreibt, nicht zu veröffentlichen. Zumindest nicht unter den Bedingungen des sozialistischen Kulturbetriebs. Der 1951 in Prag geborene Tscheche erlebt 1968 die große Ernüchterung, als sowjetische Panzer über den Wenzelsplatz rollen. Er zieht sich zurück, arbeitet als Programmierer und kommt nach der Heirat mit der ostdeutschen Psychoanalytikerin Astrid Simon 1978 nach Ostberlin – von Husák zu Honecker. Hier schlägt er sich als Kindergärtner, Schlosser und Übersetzer durch, findet Anschluss an die Kunstszene und publiziert in alternativen Zeitschriften wie „Mikado“ oder „Ariadnefabrik“. Der Prenzlauer-Berg-Programmatik gemäß entziehen sich seine seriellen Texte dem Rauschen der offiziellen Diskurse und prüfen die Sprache auf ihren Materialwert.

Heute weiß man, dass die Überwachungsorgane in Gestalt von Sascha Anderson und Rainer Schedlinski der Szene subtil die Feder führten, die Entpolitisierung gezielt vorantrieben. Faktor hat das selbstgenügsame Sprachexperiment und die politische Harmlosigkeit der Prenzlauer-Berg-Dichter schon in den 80ern attackiert. Das machte ihn noch mehr zum Einzelkämpfer. Mit der Wende aus allen Zusammenhängen gefallen, schreibt er für die Schublade.

Dabei ist ein Roman entstanden, den man von Faktor, der für seine Verknappungen bekannt ist, kaum erwartet hätte. Obwohl „Schornstein“ die Geschichte einer Krankheit erzähle, so Laudator Jörg Magenau, gehöre das Buch zur „kräftigenden Literatur“.

Die Leseproben, die Faktor gibt, bezeugen, dass er seinem Interesse für den Konnex von Körper und Sprache, von Krise und Produktivität treu bleibt. Faktors unermüdliche medizinische Recherchen haben außerdem entstehen lassen, was Magenau einen „Roman zur Gesundheitsreform“ nennt, „Kassenkampfliteratur“ gewissermaßen. Neu ist allerdings, dass Faktor auch seine jüdische Herkunft zum Thema macht - neben den Körperdiskurs tritt das Ghetto von Theresienstadt. Insofern ist „Schornstein“ auch eine Form von Trauerarbeit, die der Verlusterfahrung jedoch mit Witz, Ironie und Lakonie begegnet.

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