Kultur : Kathedralen zu Kabaretts

Vor achtzig Jahren: ein Besuch bei Max Reinhardt / Von Marcellus Schiffer

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Marcellus Schiffer, der 1932 im Alter von nur 30 Jahren starb, gilt als der „große Unvollendete“ im „lasterhaften Berlin“ der Weimarer Republik. 1892 als Sohn eines jüdischen Holzhändlerpaars in Berlin geboren, begann er eine Ausbildung als Illustrator bei Emil Orlik an der Kunstgewerbeschule. Berühmt wurde Schiffer aber als Chansontexter für Werner Richard Heymann, Friedrich Hollaender oder Rudolf Nelson und mit den Revuen, die er mit Mischa Spoliansky herausbrachte („Es liegt in der Luft“, „Alles Schwindel“). Seine berühmtesten Songs dichtete er für seine spätere Frau Margo Lion. Aus dem Besitz von Sylvie Lion, der Nichte Margos, ist jetzt ein wichtiger Teilnachlass des Autors an das Archiv der Akademie der Künste gegangen. Zu dem Konvulat gehört auch Schiffers nachfolgende Reportage über einen Besuch bei Max Reinhardt, der erstmals 1926 in der „Weltbühne“ erschien.

Ich läutete. Ich hatte geläutet und wartete. Die Kettenbrücke wurde herabgelassen, ein Pförtner mit dem Gesicht des alten verstorbenen Pagay fragte mich nach meinem Begehr. „Ich bitte um ein Interview mit Max Reinhardt“, sagte ich. Der alte Pagay schüttelte zweifelnd den Kopf. „Wir werden sehen, ob es möglich ist“, sagte er. „Max Reinhardt ist grade sehr beschäftigt!“Dann winkte er mir. Wir schritten durch das hohe gotische Portal und dann Freitreppen hinauf und hinab. Endlich öffnete er eine Tür. „Hier ist das Wartezimmer“, sagte er und ließ mich allein. Ich sah mich um ich befand mich in einem riesenhaften Saale, sehr prächtig eingerichtet: halb mittelalterlich, halb chinesisch.

Ich wartete drei Tage und drei Nächte. Endlich fasste ich mir Mut und klingelte. Der alte Pagay - es kann auch Friedrich Kühne gewesen sein - trat ein und fragte mich erstaunt, was ich wolle. Ich fragte ihn, wann ich Max Reinhardt sprechen könnte. „Ich sagte Ihnen doch, dass er stark beschäftigt ist“, lautete die Antwort. „Aber Sie sind vorgemerkt. In einer Woche werden Sie empfangen werden. Wenn Sie wünschen, können Sie vorher das letzte Abendmahl bekommen.“ Ich dankte für seine Aufmerksamkeit. Als ich wieder allein war, dachte ich mir: Allerhand Achtung! So beschäftigt möchte ich auch mal sein! Er vertut seine Zeit nicht und ruht auch nicht auf seinen Lorbeern aus!

Vor lauter Aufregung konnte ich zehn Nächte nicht schlafen. Dann wurde die Türe weit geöffnet, und ein Heer von kostbar gekleideten Dienern ergoß sich in den Saal. Sie bildeten ein Spalier, und hindurch schritt der alte Pagay - oder Friedrich Kühne - als Großinquisitor verkleidet. Durch ein Kopfnicken gab er mir zu verstehen, dass meine Prüfzeit beendet sei, und ich folgte ihm hinaus. Es ging wiederum Freitreppen hinauf und hinab. An manchen Stellen war das Schloß schon etwas verwittert. Oben auf einer Leiter stand mit Maltopf und Pinsel Ernst Stern und besserte die schadhaften Stellen aus. Endlich hörte ich Orgelklänge. Ein breites Kirchenportal öffnete sich. Ich trat ein und war von der Pracht geblendet. „Blenden Sie ab“, sagte Max Reinhardt zu Karl Freund und trat auf mich zu. „Man hat mich direkt gezwungen, mich jetzt auch noch mit dem Film zu beschäftigen“, sagte er entschuldigend zu mir.

Ich sah ihn an. Er war als Heinrich der Vierte gekleidet, aber nicht von Pirandello, sondern von Shakespeare. Er bot mir einen Platz an. Ich setzte mich auf eine alte Kirchenbank und versank dabei in Kissen, Kissen, nochmal weichen Kissen! Brokatstoffe und antike Muster umwallten mich. Ich saß ganz tief und klein und häßlich unter ihm. „Bitte, sagen Sie mir, welche Pläne Sie für die kommende Saison haben“, stammelte ich.

„Ich beschäftige mich mit dem Problem“, antwortete er sinnend, „den Kölner Dom zu einem Kammerspielhaus umzubauen.“ „Was wird das kosten?“ stammelte ich noch mehr. „Das ist ebenso nebensächlich, wie es gar nicht auszudenken ist“, antwortete der Meister lächelnd, „aber es wird mir gelingen. Tausend Baumeister und Ingenieure arbeiten Tage und Nächte an der Ausführung dieses Plans. Die Erben von Stinnes beteiligen sich daran mit den Resten ihres Vermögens. Die Erlaubnis der Entente steht noch aus. Aber was will das besagen! Ich habe schon größere Schwierigkeiten überwunden, indem mir gelungen ist, mich von der Regietätigkeit am Großen Schauspielhaus zu Berlin zurückzuziehen. Auch dieser Plan wird mir nach Tagen und Jahren gelingen.“

„Welche Arbeit, welche Mühe!“ stöhnte ich, „Welch ein Kostenaufwand! Wird es sich denn verlohnen? Muss es denn sein?“ Reinhardt sah mich etwas verächtlich an. „Dieser Umbau ist einfach eine Notwendigkeit für mich und das ganze deutsche Volk. Es ist die einzige Möglichkeit, das Theater zu entwickeln.“ „Und was denken Sie dort aufzuführen?“ fragte ich, wieder ganz bescheiden. „Das ist es ja grade“, fuhr er fort. „Glauben Sie denn, daß ich diesen Umbau vornehmen würde, wenn ich nicht vorher ganz genau wüsste, was ich dort aufzuführen gedenke!? Der ganze Umbau geschieht doch nur, um dort Das aufzuführen, was mir zu einer inneren Notwendigkeit geworden ist.“

„Aber es gibt doch keine neuen Dichter“, sagte ich, wie Alle es sagen. Max Reinhardt lachte nur kurz auf. „Was geht das mich an! Meine Pläne werden dadurch nicht beeinflusst.“ „Also was werden Sie aufführen“, fragte ich in einer atemlosen Spannung, „wenn Sie den Kölner Dom zu einem Kammerspielhaus umgebaut haben werden?“ Es entstand eine schwere Pause - dann sagte Max Reinhardt: „Was ich dort aufführen werde? Ich will es Ihnen verraten. Eine Neueinstudierung von Sumurun.“ In diesem Augenblick fing die Orgel an zu erbrausen. Victor Barnowsky und Eugen Robert drückten vierhändig die Bälge, und durch den Raum scholl der erschütternde Choral: „Wenn Du nicht kannst, laß uns mal alle Drei.“

Den Text haben wir dem von Viktor Rotthaler herausgegebenen Band „Marcellus Schiffer. Heute nacht oder nie. Tagebücher, Erzählungen, Gedichte, Zeichnungen“ entnommen (Weidle Verlag, Berlin 2002. 248 Seiten. 23 Euro). Das Buch wird heute Abend um 20 Uhr in der Akademie der Künste, Hanseatenweg 10, vorgestellt.

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