Kendrick Lamars neues Album : Hat auch einen Traum

Warmer Sound, klare Botschaft: Kendrick Lamar begibt sich mit seinem Rap-Meisterwerk "To Pimp A Butterfly" in die Spuren von Martin Luther King und Nelson Mandela

Fabian Wolff
Talent und Tradition. Kendrick Lamar, 27, wuchs im berüchtigten Compton auf und veröffentlichte 2012 sein Debütalbum
Talent und Tradition. Kendrick Lamar, 27, wuchs im berüchtigten Compton auf und veröffentlichte 2012 sein DebütalbumUniversal

Die Formel „Rap ist wie Poesie“ ist ein Missverständnis. Rap ist nicht Poesie, Rap ist Rap. „Human music“, sagt Kendrick Lamar. Sein Album „To Pimp A Butterfly“, vermutlich nach einem Leak eine Woche früher als geplant veröffentlicht, ist keine vertonte Sammlung von Gedichten, sondern ein Rap-Album. Ein sehr gutes sogar, das bisher beste in diesem Jahr. Darunter macht Lamar es nicht, er ist der technisch versierteste Rapper seiner Generation. Schon sein Debüt „Good Kid, m.A.A.d City“ von 2012 war so ein instant classic, auf den jetzt wieder alle warten.

Kendrick Lamar ist 27 Jahre alt, er wurde 1987 in Compton, California geboren. Der Vorort von Los Angeles ist einer der mythischen Orte des Hip-Hops: Von hier aus warfen NWA in den späten achtziger Jahren ihre Rap-Bomben, fast noch gefährlicher und radikaler als Public Enemy von der Ostküste. Noch immer ist die Stadt Sammelpunkt für Gangs: für die Bloods, die Crips, die Pirus. „Good Kid, m.A.A.d City“ beschrieb diese Welt. Am Ende stand die Läuterung: Kendrick Lamar ließ sich taufen. Das Album präsentierte sich selbstbewusst als „Illmatic“ (das epochale Debüt des Ostküsten-Rappers Nas von 1994) unserer Tage, und Compton-Legende Dr. Dre gab ihm als Produzent den Glanz der Straße.

Auf „To Pimp A Butterfly“ konkurrieren zwei große Themen miteinander. Lamar gibt den Prediger, Anführer, Visionär, der Black America etwas mitzuteilen hat. Er hadert aber auch mit seinem Erfolg, will eigentlich in Ruhe gelassen werden – und sucht doch die Öffentlichkeit.

Kendrick Lamar trägt seinen Vornamen wegen Eddie Kendricks von den Temptations

Das Album beginnt mit einem Sample des Lovers-Rock-Sängers Boris Gardiner: „Every Nigga Is A Star“, was bereits eine Bearbeitung von „Everybody Is A Star“ von Sly & The Family Stone war. Solche Bezüge auf die Geschichte schwarzer Musik nicht nur in Amerika ziehen sich durch die Platte, auf der mit George Clinton und Ronald Isley einige große Helden sogar höchstselbst mitwirken. Kendrick Lamar – der seinen Vornamen wegen Eddie Kendricks von den Temptations trägt – stellt sich mit ihnen in eine Reihe. Die Single „King Kunta“ mit seinem rumorenden Basslauf und einem „Payback“-Sample ist eine Hommage an James Brown. Lamar verwandelt sich geradezu in ihn, imitiert seine Stimme und seinen Rhythmus und klingt trotzdem wie er selbst.

Der Titel spielt auf Kunta Kinte aus Alex Haleys Siebziger-Jahre-Bestseller „Roots“ an, der seine innere Freiheit dadurch erhält, seinen Sklavennamen abzulehnen, ohne je äußere Freiheit zu erleben. König und Sklave gleichzeitig – das scheint die richtige Formel für ein Leben als schwarzer Top-Entertainer zu sein. Kendrick Lamar schüttelt solche Beschwörungen wie nichts aus dem Ärmel. Gut möglich, dass er ein Genie ist. Scheinbar ohne jede Mühe folgt double time auf double time. Dazu kommt seine extreme vokale Dehnbarkeit. Er drängt nach vorne, entblößt sich – und bleibt doch immer der abwägende Künstler, der genau weiß, was er tut. Lamar ist kein storyteller, eher ein Verdichter von Momenten, der immer versucht, das Große mit dem Kleinen zu verbinden. Vor allem ist er Traditionalist. „To Pimp A Butterfly“ hat einen warmen, vage dumpfen Sound, der vom Jazz geprägt und sehr einladend ist – und manchmal unangenehm nah an dem Ideal von Hip-Hop, an das sich Menschen klammern, für die Rap 1999 zu Ende ging. Oder 1994. Oder 1989. Dass Jazzpianist Robert Glasper am Album mitgewirkt hat, bestätigt diesen Eindruck.

„Wir sind keine niggas“, sagt Lamar, wir sind „Negus“ – das altäthiopische Wort für König.

Schon jetzt kann man „To Pimp A Butterfly“ in eine Reihe stellen mit „Run The Jewels 2“ des Hip-Hop-Duos Killer Mike und EL-P und D’Angelos „Black Messiah“ – beides Werke, die in jüngster Zeit ebenfalls „black politics“ reflektierten. „Martin had a dream – Kendrick had a dream“ verkündete Lamar schon auf „Good Kid m.A.A.d City“. Jetzt sollen seine flows Mandelas Geist beschwören, sagt er in dem Stück „Mortal Man“. Ist das jetzt Größenwahn? Wo doch der sonst so vernünftige und scheinbar emotional stabile Rapper ohne die Megalomnaie eines Kanye West auskommt? Der eigentliche Wahnsinn: Lamar scheint für diese Rolle groß genug zu sein.

In seinem Part des 2013 veröffentlichten Songs „Control“ von Big Sean bezeichnete er sich als besten Rapper neben Jay-Z und Nas. Alle anderen – von Drake bis J. Cole – sollen doch bitte mal zeigen, was sie können. Er, Lamar – mit Leib und Seele Westküste – sei jetzt der King of New York. Später erklärte er, dass er alle Rapper dazu bringen wollte, sich mal richtig anzustrengen. Ich erwarte mehr von dir, sagt er zu ihnen, zu seinen Hörern, zu sich selbst.

Als in Ferguson der 18-jährige Schüler Mike Brown erschossen wurde, fragte Lamar in einem Interview: Wie sollen sie uns respektieren, wenn wir uns selbst nicht respektieren? Jetzt legt er in „The Blacker The Berry“ in Form einer Mahnung an das schwarze Amerika nach: Wie kann man um Trayvon Martin weinen, den schwarzen Schüler, der von einem hispanischen Wachmann erschossen wurde, wenn in Gangs dauernd Schwarze andere Schwarze umbringen? Er spuckt ein „hypocrite!“ aus und schweigt dann für den Rest des Songs. Damit ist er irritierend nah dran an jenen, für die das größte Problem nicht der weiße Rassismus darstellt, sondern die Black Community selbst. Die Existenz von rassistischen Institutionen akzeptiert Lamar als Fakt. Die Straße in eine bessere Welt führt quasi um sie herum – dafür sind Einigkeit, Selbstrespekt und Selbstliebe unabdingbar. „I love myself“, proklamiert Lamar in „I“ und hofft, dass alle anderen ihm nachsprechen. „Wir sind keine niggas“, sagt er, wir sind „Negus“ – das altäthiopische Wort für König.

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Am Ende des Albums befragt Kendrick Lamar seinen Helden, den toten Tupac Shakur. Er liest ihm die Geschichte eines Freundes vor: über eine Raupe, die auf den Straßen gefangen ist, die den Schmetterling hasst, weil er nachdenklich und schön ist. Die Straßen sind ein Kokon – bis der Kokon aufbricht und aus der Raupe auch ein Schmetterling wird.

Die Straße als Trauma. Kendrick Lamar formuliert ohne Militanz den Lebensentwurf für eine ganze Generation. Die Ernsthaftigkeit, die Empathie, die Schonungslosigkeit mit sich selbst und anderen lassen hoffen. Und doch: Aus einem Traditionalisten kann auch schnell ein Konservativer werden.

Kendrick Lamar: „To Pimp A Butterfly“ erscheint bei Universal.

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