Kultur : Kenne deinen Feind

Die RETROSPEKTIVE „The Weimar Touch“ folgt den Spuren des Filmexils nach 1933.

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Der Titel ist eine Wortneuschöpfung: „The Weimar Touch“. So nennen die Macher die Retrospektive, die 80 Jahre nach Hitlers Machtantritt die Spuren verfolgt, die die Filmwunder der Weimarer Republik im Weltkino hinterließ. Darin klingt der „Lubitsch-Touch“ nach, die musikalische Leichtigkeit jener Komödien, die der Berliner Regisseur Ernst Lubitsch schon in den zwanziger Jahren nach Hollywood gebracht hatte. Dieser Touch läutete den Siegeszug der Screwball Comedies ein und strahlte von Amerika wieder nach Europa zurück.

Selbst dem Zweiten Weltkrieg vermochte Lubitsch noch sprühenden Witz abzugewinnen. Sein Meisterwerk „To Be Or Not To Be“, ein Höhepunkt der Filmreihe, handelt von Schauspielern, die im besetzten Warschau in deutsche Uniformen schlüpfen und die Nazis lächerlich machen. Legendär die Erwiderung des Bühnen-Hitlers auf die „Heil Hitler“-Rufe der Subalternen: „Ich heile mich selbst“.

„To Be Or Not To Be“ entstand 1942, vor dem Kriegswendepunkt von Stalingrad, als die Deutschen beinahe ganz Europa erobert hatten und es für die Alliierten tatsächlich um – so der deutsche Titel – „Sein oder Nichtsein“ ging. Sein Humor, der über das Böse einfach hinwegzulachen versucht, sollte einen Beitrag leisten zur Mobilisierung gegen Hitler und seine Helfershelfer wie jenen Film-Schergen namens „Konzentrationslager-Erhardt“. Lubitschs Satire läuft in einem Segment der Retrospektive mit der Überschrift „Know Your Enemy“. Zu sehen sind dort Werke von Regisseuren, die den Feind schon deshalb gut kannten, weil sie einst selbst für dessen Filmindustrie gearbeitet hatten, wie der Russe Anatole Litvak („Confessions of a Nazy Spy“) oder der Ungar Michael Curtiz („Casablanca“).

Die Künstler, die vor den Nationalsozialisten geflohen waren, hatten zu den größten Talenten des deutschen Kinos gehört. Der Exodus vollzog sich nicht schlagartig, sondern auf Raten. So drehte Douglas Sirk noch bis 1937 unter seinem Geburtsnamen Detlef Sierck in Deutschland Zarah-Leander-Melodramen und verschaffte der Ufa mit „Schlussakkord“ einen ihrer größten Kassenerfolge, bis er die Lage so „unerträglich“ fand, dass er sich mit seiner jüdischen Frau in die USA absetzte.

Sein erster Hollywood-Film „Hitler’s Madman“ verwandelte 1943 aktuelle Kriegsschlagzeilen in eine große patriotische Dorfgeschichte von Widerstand und Opfergeist. Bei dem Madman handelt es sich um Reinhard Heydrich, der als „Reichsprotektor“ in der besetzten Tschechoslowakei bei einem Attentat ums Leben kam. Das Dorf ist Lidice, das von den Deutschen zur „Vergeltung“ dem Erdboden gleichgemacht wurde. Als fanatische Nazi-Chargen treten zwei deutsche Emigranten auf, Peter van Eyck und Ludwig Stössel. Allerdings bekommt Stössels NS-Dorfbürgermeister beinahe menschliche Züge, als ihm ein Telegramm mitteilt, dass seine beiden Söhne gefallen seien. Sirk hatte selbst einen Sohn in Deutschland zurücklassen müssen, der 1944 an der Ostfront sterben sollte.

Interessanterweise zeigt die Retrospektive einen zweiten Film, der aus demselben Stoff etwas ganz anderes macht, einen harten Krimi voller Action und Suspense. Während „Hitler’s Madman“ mit der Erschießung der Männer von Lidice endet, schildert „Hangmen Also Die!“, Fritz Langs siebter in den USA entstandener Film, wie ein Attentäter in Prag unterzutauchen versucht.

In einer Szene flieht er in ein vollbesetztes Kino, in dem die tschechischen Zuschauer auf die Flüsterparole vom Tyrannenmord mit donnerndem Applaus reagieren – und einen Kollaborateur mit Hakenkreuz-Armbinde einfach niederschlagen. „Hangmen Also Die!“, an dessen Drehbuch Bert Brecht mitgewirkt hat, ist eine Studie über das Böse. Das Böse trägt auch hier das Gesicht von aus Deutschland stammenden Darstellern, die genüsslich die menschliche Niedertracht und Grausamkeit in all’ ihren Facetten ausspielen.

So gibt Reinhold Schünzel einen stiernackigen Gestapo-Offizier mit randloser Himmler-Brille, der seine Verhöre im säuselnden Tonfall führt, dabei mit der Reitpeitsche spielt und die Delinquenten anschließend in den Folterkeller werfen lässt: „Runter mit ihr!“ Und Alexander Granach, ein Theatergigant auf Porzellanfüßen, stattet seinen Bowler-Hut-Agenten mit tänzerischer Eleganz aus, jeden Geistesblitz mit einem Fingerschnipsen betonend. Es war das Schicksal vieler Exil-Schauspieler, sich vor der Kamera in jene Menschen verwandeln zu müssen, denen sie im letzten Moment entkommen waren. Seine Karriere als Regisseur konnte Schünzel in Hollywood nach zwei Flops nicht mehr fortsetzen. Die Retrospektive zeigt seinen Ufa-Geniestreich „Viktor und Viktoria“ (1933), eine Komödie über zwei die Geschlechterrollen wechselnden Schauspieler – und das britische Remake „First a Girl“ (1935).

Das Kino von Weimar warf lange Schatten – im wörtlichen Sinne. Wenn Lang in „Hangmen Also Die!“ Gestapo-Männer nur als Schattenrisse an der Wand zeigt oder einen um sein Leben flehenden Denunzianten die Gesichter seiner Zuhörer in Großaufnahme gegenüberstellt, zitiert er aus seinem Tonfilmdebüt „M – Eine Stadt sucht einen Mörder“ von 1931. Künstler wie Fritz Lang – von ihm ist auch der Selbstjustiz-Thriller „Fury“ zu sehen –, Anatole Litvak oder Robert Siodmak transportierten eine neue Ästhetik nach Hollywood, hart ausgeleuchtete Schwarz- Weißdramen, die sich dort mit den Gangsterfilmen der Prohibitionsära paarten. Weil es in diesen Krimis kaum einmal hell wird, erfanden französische Kritiker nach dem Krieg einen neuen Begriff für das Genre: Film noir.

„Das Weimarer Kino zwischen 1918 und 1933 war eines der Vielfalt“, schreibt Rainer Rother, der Direktor der Deutschen Kinemathek, in der Begleitbroschüre. Den Nationalsozialisten war diese Vielfalt ein Dorn im Auge, sie forcierten die vollständige Gleichschaltung der Filmindustrie unter der Aufsicht von Propagandaminister Goebbels. Doch eine Zeit lang gab es noch Freiräume, wie die Retrospektive mit der Aufschneider-Klamotte „Einmal eine große Dame sein“ (1934) von Gerhard Lamprecht und Paul Martins Swing-affinem Musiklustspiel „Glückskinder“ (1936) demonstriert.

Ansonsten stammen die 31 Filme aus Ungarn, Frankreich, Großbritannien, Portugal, den Niederlanden und den USA. Mehr als 2000 Künstler aus der Filmbranche verließen nach 1933 Deutschland. Viele fanden in der Fremde keine neue Heimat. „Wenn du entwurzelt bist in fremdem Land / Bleibt nur, was menschlich ist, das Allgemeine / Gelegentlich noch eine Freundeshand / Doch in der Zwischenzeit bist du alleine“, dichtete der Exil-Schauspieler Norbert Schiller.

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