Kultur : Kerr lesen

Das Theatertreffen endet Montag mit Preisverleihung

Der Schauspieler Bruno Ganz wird am Pfingstmontag zum Abschluss des Berliner Theatertreffens den Alfred-Kerr-Darstellerpreis verleihen. Über die von den Kindern des legendären Berliner Kritikers und Schriftstellers Alfred Kerr (1867–1948) zusammen mit der Pressestiftung Tagesspiegel 1991 ins Leben gerufene Auszeichnung für einen jüngeren Schauspieler oder eine Schauspielerin, die in einer der zum Theatertreffen geladenen Aufführungen besonders hervorgetreten ist, entscheidet Bruno Ganz wie alle seine Jury-Vorgänger/innen allein.

Die Wahl gilt dieses Jahr als besonders spannend. Zuvor spricht die aus London angereiste Tochter des Preis-Patrons, die Schriftstellerin Judith Kerr („Als Hitler das rosa Kaninchen stahl“), und der Schauspieler Ulrich Matthes, 2005 selbst Juror des Kerr-Preises, liest aus noch unveröffentlichten biografischen Schriften von Alfred Kerr. Zwischen Kaiserzeit, Weimarer Republik, Exil und Nachkrieg sind es „Schlaglichter auf ein bedeutendes Leben“, so Matthes.

Die Texte hat Günther Rühle, Herausgeber der Kerr-Gesamtausgabe im S. Fischer Verlag, im Nachlass gefunden. Rühle und seiner im letzten Jahr verstorbenen Frau Margret sowie Deborah Vietor-Engländer ist es auch zu verdanken, dass über den Theaterkritiker oder Kulturflaneur hinaus der Blick auch auf den geradezu detektivisch neugierigen Leser Alfred Kerr fällt. Dieser jüngste Band der Kerr-Ausgabe heißt „Sucher und Selige, Moralisten und Büßer“, mit dem Untertitel „Literarische Ermittlungen“. Und tatsächlich war es Kerr, der beispielsweise Schnitzlers skandalösen „Reigen“ und Robert Musil mit seinem zunächst verkannten Prosadebüt „Die Verwirrungen des Zöglings Törleß“ entdeckt hat, dem die Lyrikerin Else Lasker-Schüler als Erstem ihre Gedichte schickte und dessen englischer Nachruf auf James Joyce hier erstmals im Original und in deutscher Übersetzung zu lesen ist. Brillant auch, was Kerr über Dostojewski, Ibsen, Hauptmann oder auch Marx und Disraeli schreibt, denen er im Londoner Exil eine Doppelbiografie widmen wollte (bei S. Fischer, Frankfurt a. M., 518 Seiten, 49 €). P.v.B.

Alfred-Kerr-Darstellerpreis, 24. Mai, 15.30 Uhr, Bornemann-Bar im Berliner Festspielhaus, Schaperstraße 24 (Eintritt frei). Anschließend gibt es eine Schlussdiskussion mit der Jury des Theatertreffens.

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