Kultur : Kettensägenmöbel: Aus Matthias Hickls Skulpturen werden immer wieder Möbel

Nora Sobich

Matthias Hickls Wilmersdorfer Altbauwohnung sieht aus wie eine Galerie. Im großen Mittelraum mit den minnesängerartigen Stuckbemalungen verteilen sich die Arbeiten Hickls zum fantasievollen Arrangement. An der einen Wand lehnt ein meterhohes Gemälde in dunklen Rottönen, aus dem ein gelber Jägermeisterhirsch stiert. Gegenüber schwebt der heilige Lazarus an zwei Eisenstangen. Seine geschnitzte lila Zunge streckt er so energisch aus dem Rachen, als wäre sie beweglich und weich.

Auch die Möbel gehören zur Kunst. Der große Tisch mit der geschliffenen Glasplatte, die auf einem mächtigen, hohl gegossenen Bronzegestell liegt, das allein schon über 200 Kilo wiegt. Oder der verspielte Stuhl-Hocker "Sputnik", den Hickl für den Flagship-Store von Otto Kern in Kaiserslautern entworfen hat, und der aussieht wie eine plüschige Stockfigur, bestehend aus einem bauchigen Schmuckkissen auf steif gespreizten Stahlrohrbeinen. Der Platin-Hocker mit dem Samtpolster und den langen, mit Blattgold beschichteten Eichenholzbeinen entstammt einer Serie, die Hickl Anfang der 90er in einer Tweed-Version für einJoop-Geschäft im Frankfurter Flughafen gebaut hat.

Matthias Hickl interessieren Gegensätze. Das Verbinden von unterschiedlichen Materialien und Formen, von Strenge und Verspieltheit, von Kitsch und Schlichtheit, von Kunst und Nutzobjekt. Gelernt hat Hickl den Gürtlerberuf in Hamburg. Anschließend absolvierte er ein Industrie- und Produktdesignstudium an der HdK in Braunschweig. Heute entwirft er Möbel, die wie Skulpturen wirken, oder Skulpturen, die sich als Möbel nutzen lassen. "Auch wenn meine ersten Skulpturen Figuren werden sollten, entwickelten sie sich zum Möbel" erzählt Hickl. Das klingt nach Geisterhand. Und ein bisschen davon ist seinen Objekten anzusehen.

Etwa dem Stuhl, mit der einarmigen Rückenlehne, die sich wie ein Kopf zur Seite wendet. Hickl hat hier einen alten Holzstuhl mit Mullbinden und Gips umwickelt, von dem Ganzen dann einen Abguss genommen und ihn in Aluminium gegossen. Die Sitzpolster sind hier wieder aus pompösem Samt. Die Beine erinnern an Huftiere, mit organisch knochigen Wölbungen, spukig in den Gliedern. Jedes Stück wird einzeln von Hand abgeformt und gegossen.

Das Materialerlebnis im Schaffensprozess ist Grund dafür, dass Hickl bisher noch keinen seiner Entwürfe aus der Hand gegeben und an Firmen für eine Großserie verkauft hat. Neben Bronze verarbeitet Hickl vorwiegend Eiche. "Das Holz überlebt alles", meint Hickl. Eichenholz lässt sich zwar nicht so leicht wie Weichhölzer schnitzen, doch das ist unwichtig, da Hickel seine Objekte sowieso mit "der Kettensäge heruntersäbelt".

Die Möbel-Skulpturen von Hickl schaffen durch die Lebendigkeit ihrer Formen eine eigenartige Beziehung zum Betrachter und Benutzer, sind Objekte, mit denen man gern umgeht und die man gern berüht. Wunderschön haptisch ist die Oberfläche der kniehohen Hocker "Multi-X", die Hickl kürzlich in einer Kleinserie hergestellt hat und die bei "Minimum" vertrieben werden. Einem raketenförmigen Schrank, gesägt aus einem dicken Stück Stamm, ist noch die Erhabenheit eines alten Eichenbaums anzusehen. Zwei Türen lassen sich hier wie bei einem Schrein aufklappen. Für die einen ist das Objekt eine perfekte Hausbar. Für andere ein Phallusproblem, meint Hickl. Tatsächlich sei ihm einer dieser Schreinschränke etwas sehr in die Phallusecke gerückt. Er habe zwar versucht, das zu verhindern, aber der Schrank hätte es sich nicht nehmen lassen.

Hickl, der erst vor zwei Jahren aus Hamburg nach Berlin gezogen ist, bearbeitet ein weites Feld, hat mit seinen Möbelobjekten, Skulpturen und Bildern an zahlreichen Ausstellungen teilgenommen, Art-ConsultingProjekte gemacht oder für Anhänger seiner Arbeiten "auf Bestellung" Einzelaufträge ausgeführt. Anfang der 90er betrieb er mit einem Freund zwischenzeitlich ein eigenes Möbel-Label, "styx", benannt nach dem Fluss der Unterwelt in der griechischen Mythologie. Und für das von Norman Foster gebaute Medienzentrum in der Hamburger Rothenbaumchaussee entwarf er zwei Skulpturen. Ein Wunschprojekt für die Zukunft wäre es, für einen guten Science-Fiction- oder Fantasie-Film einmal die Ausstattung zu machen. Monster müssten aber nicht unbedingt mitmachen, sagt Hickl.

Zur Zeit arbeitet er an seinem neuen Katalog. Die Bildfolien dafür hängen bereits in den Fenstern seiner Altbauwohnung wie auf der Wäscheleine: Eine Stehleuchte mit Plissee-Schirm auf verschlungenem Bronzefuß. Ein massiver Eichentisch, in dessen Platte ein schmales, langgezogenes Bassin für Moose oder Seerosen eingelassen ist. Eine Wandleuchte, die mit ihren Bronze-Flügeln und den grünen Steinen, die wie Eulenaugen im kastigen Edelstahl-Korpus sitzen, aussieht, als flöge sie gleich davon.

Eine kleine, aber schwere Bronze-Wandleuchte, deren Form in geschlossener Stellung an einen Vogelkopf erinnert, ist bereits ausgeführt. Vierzig Stück hängen in einer Privatbank in Tel Aviv. Öffnet man die zwei Flügel-Türen des Kopfes, lässt sich das Licht wie bei einem Dimm-Schalter regulieren. Eine italienische Leuchtenfirma hat kürzlich angefragt, ob sie die Lampe produzieren könnte. Und zum ersten Mal ist es auch für Hickl vorstellbar, den Vogel fliegen zu lassen und den Entwurf für eine Serienproduktion aus der Hand zu geben.

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