Kida Khodr Ramadan im Porträt : Vom Kreuzberger Flüchtlingsjungen zum Schauspieler

„4 Blocks“, zu sehen bei den Berlinale Special Serien, erzählt von arabischen Clans in Neukölln. Den Chef gibt Kida Khodr Ramadan. Eine Begegnung.

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Ganz oben. Kida Khodr Ramadan im Sechsteiler „4 Blocks“, der ab 8. Mai auf TNT Serie läuft.
Ganz oben. Kida Khodr Ramadan im Sechsteiler „4 Blocks“, der ab 8. Mai auf TNT Serie läuft.Foto: Turner Broadcasting

Montagmorgen neun Uhr. Kreuzberger Passanten hauchen Atemfahnen in die Wintersonne. Der Pate von Neukölln sieht ein bisschen gestresst aus, als er wiegenden Schritts auf das Café in der Großbeerenstraße zusteuert. Was mag er an diesem Morgen schon für einen heiklen Deal ausgekungelt haben?

Kida Khodr Ramadan entschuldigt sich. War schwer, einen Parkplatz zu finden. Parkplatz, wieso? Das ist doch sein Kiez hier. „Ich hab’ die Kinder in die Montessori-Schule gebracht.“ Bamm, Klischeedenken, nimm’ diese Schelle! Zerstoben ist das unzulässige Herbeifantasieren von Parallelen zwischen dem notorischen Gangsterdarsteller Kida Khodr Ramadan und seinem wirklichen wahren Leben.

Das Typecasting der vom Bezahlfernsehsender TNT produzierten Serie „4 Blocks“, die auf der Berlinale Premiere feiert, macht es einem aber auch gar zu schwer. Rund um Ramadan, der den arabischen Clanchef Ali „Toni“ Hamady spielt, gruppieren sich bewährte Filmfaltengesichter wie Oliver Masucci und Frederick Lau. Und für die nötige streetcredibility im Milieu rivalisierender Drogendealerbanden sorgen die Gangsterrapper Veysel Gelin und Massiv. Schon die dynamische Eingangsszene, eine mit Rap-Beats unterlegte Drogenübergabe per Mofafahrt über die Sonnenallee zeigt, dass die von Marvin Kren in sechs Episoden inszenierte Clan-Saga vor allem eins sein will: cool, naja und echt, also echt cool.

Und, will Kida Ramadan wissen, „bist Du geflasht, hat’s dich weggefetzt?“ Jetzt spricht der Autodidakt, den man trotz seiner unzähligen Türken- und Araberrollen, die er seit dem Debüt 2003 in Neco Çeliks Film „Alltag“ gespielt hat, nie mehr als lebendes Klischee betrachten wollte, auch noch so. Ein steter Fluss aus Füllseln wie „Alta, Dicker, ich schwöre, verstehst du, so krass, ich danke Gott“ würzt den Flow seiner Rede.

Und dann dieses Leben! Noch ein Klischee. Vom Kreuzberger Flüchtlingsjungen zum Schauspieler, der in diesem Jahr in sieben Kinofilmen mitspielt. Mit „Volt“, „Mein Blind Date mit dem Leben“ und „Offline“ laufen gerade drei. Vom Fernsehen mal ganz zu schweigen. Und das als der Schulabbrecher ohne Ausbildung, der der 40 Jahre alte Vater von fünf Kindern ist. Ramadans Eltern fliehen 1977 vor dem Bürgerkrieg aus Beirut nach Berlin. Ramadan wächst als eins von sieben viel geliebten Kindern in der Forster Straße auf. Der Vater macht ein Restaurant auf. In Ramadans Hauptschulklasse sind 20 Kinder – 18 Türken, zwei Araber. „Ich hab’ Glück gehabt und auch deutsche Freunde gefunden.“ Zwischen ihm und seinen Kumpels gehen VHS-Kassetten von Hand zu Hand, allesamt Gangfilme. Fatih Akins „Kurz und schmerzlos“, „Hass“ von Mathieu Kassowitz“ und „Blood in Blood out“ sind die Hits.

Dass da überall Autodidakten mitspielen, findet Ramadan geil. „Früher dachte ich, im Film muss man reden wie am Burgtheater.“ Dann sieht er, dass es auch anders geht. Und da er als Berufswunsch eh immer „Künstler“ genannt, aber weder als Graffitisprayer noch als Breakdancer so richtig abräumen konnte, ist er sofort dabei, als Neco Çelik – damals noch Sozialarbeiter im Jugendclub Naunynritze – ihm von einer Filmidee erzählt.

"Ich will immer oben sein“

Schauspielern? Klar kann er das. Da ist er sich sofort sicher. „Wenn du nicht groß denkst, bleibst du dein Leben lang ein Verlierer. Ich war ein mittelmäßiger Fußballer und wurde trotzdem Mannschaftskapitän. Ich habe meinen Mitschülern 50 Pfennig gegeben, damit die mich zum Klassensprecher wählen."

"Ich will immer oben sein.“ Wenn Ramadan so was sagt, ist es keine Plattitüde, es ist die Sprache eines Menschen, der sich entschieden hat, aus dem Klischee ein fettes saftiges Leben zu machen. Wenn du es träumen kannst, kannst du es tun, hat schon der große Philosoph Walt Disney gesagt. Nur hat er bei seiner Vision nicht an diesen Deutschlibanesen gedacht.

Und wie fühlt es sich an, der „Kanake vom Dienst“ des deutschen Films zu sein? Der sei er nicht, schüttelt Ramadan den Kopf. „Ich bin der Schauspieler vom Dienst.“ Klar, habe er sich als Schauspieler für Gangster und Migranten etabliert. „Aber ich mache daraus Gold. Ich kann das so verpacken, dass die Klischees auf hohem Niveau beiseite treten.“ Mal gebe er den Icke-Berliner und gewinne dadurch Sympathien. Mal sage er dem Regisseur, dass die Figur ein liebevoller Familienvater sein müsse. „Die Ambivalenz ist sehr wichtig.“

Er kombiniert die Marienpose mit persönlichem Witz und Treuherzigkeit

Genau darin ähnelt sein Clanchef Toni Hamad der positiv besetzten Rolle des Elektrohändlers Abbas in „Ummah – Unter Freunden“, mit der Ramadan für den Deutschen Filmpreis nominiert war. Auch Toni ist fürsorglich. Ein Familienvater, der lieber heute als morgen aus der Kriminalität aussteigen und ins legale Immobiliengeschäft wechseln möchte. Wäre da nur nicht der soziale Druck des Clans und die Abwärtsspirale der Schuld.

Dass er mit dieser Geschichte wieder mal das übliche Neukölln-Bild bedient, bestreitet Kida Khodr Ramadan. „Die Leute denken doch über die Araber in Neukölln, dass wir noch nicht mal Deutsch können.“ Das sprechen sie in „4 Blocks“ in der Tat. Klar, gebe es dort auch solche Clans. „Doch was ist ein Clan? Eine Familie, die zusammenhält. Die vielleicht auch andere Wege geht, um Geld zu verdienen.“ Nicht, dass er Kriminalität entschuldigen wolle, beeilt er sich hinterherzuschicken. „Aber wenn man in eine Ecke gedrängt wird, werden die Menschen vielleicht so.“ Zumal nicht jeder so eine schmutzabweisende Gemütsimprägnierung wie er aufzuweisen hat.

Ramadan kombiniert die Marienpose schauspielerisch wie persönlich mit Witz und Treuherzigkeit. Er müsse aufpassen, sich nicht ständig auf Gastauftritte in den Filmen seiner Freunde einzulassen, merkt er an. „Ich kann nicht Nein sagen. Ich weiß, wie es ist ohne Geld. Ich denke mit dem Herz, nicht mit dem Kopf.“ Letzteres erledigen seine Agentin – „meine Chefin“ – und seine Ehefrau. „Sie ist mein Gehirn, ich bin nichts ohne sie.“ Ist das jetzt Klischee oder einfach nur Charme?

15.2., 18 Uhr (Haus d. Berl. Festspiele). Am 17.2., 16 Uhr, gibt es ein Filmgespräch mit Ramadan und dem „4 Blocks“-Team in der Audi Lounge vor dem Berlinale Palast.

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