Kultur : Kieperts LAN: Virtuelle Welt der Bücher

Jörg Plath

Bald sind die Zeiten dahin, in denen Menschen eine Buchhandlung betraten und fragten: "Haben Sie den neuen Potter / Grass / Konz / die neue Pilcher da?" Bald könnte die Frage lauten: "Haben Sie LAN?" Wer sich angesichts von Büchern nach einem "Local Area Network" (lokales Computernetzwerk) erkundigt, hat sich nicht unbedingt in der Tür geirrt. Als erste deutsche Buchhandlung bietet Kiepert Berliner Kunden ab Mitte 2001 an, sich mit einem mitgebrachten Laptop oder Handheld-Computer im Haus in eigene Datenbanken und in das Internet einzuwählen; die Funkantennen liegen dann an der Kasse bereit. Möglicherweise war es früher einfacher, in die "Welt der Bücher" (älterer Kiepert-Slogan) aufzubrechen.

Computer zur Recherche sind längst ein vertrauter Anblick in Buchhandlungen. In den letzten Jahren haben größere Unternehmen auch für Kunden zugängliche Terminals eingerichtet. Was vor fünfzehn Jahren die Sitzecke mit Kaffeemaschine war, scheint heute die Computerterminalecke zu sein. Sie ist ungleich ehrlicher: Spielsüchtige Kids, ihre e-Mails abfragende Touristen oder Shophopper müssen kein Interesse am neuen Walser mehr heucheln, um ungestört zu bleiben. Mit Kieperts LAN wird es schwieriger, um das Buch herumzukommen. Das mit 80 Millionen Mark Umsatz elftgrößte Unternehmen der mittelständisch strukturierten Branche hat die Recherche-Computer seiner Buchhändler an ein Funknetz angeschlossen, in das sich bald auch Kunden im Laden mit einem eigenen Computer einwählen dürfen. Wie zu Hause oder im Büro suchen sie in den Datenbanken von Kiepert und im Internet nach Literatur, können aber unmittelbar danach an das Regal gehen, die Bücher prüfen und den Fachbuchhändler befragen.

LAN bringt die Informationen im Netz, die im Bücherregal und die in den Köpfen der Fachbuchhändler zusammen: Die Onlinebuchhandlung verschmilzt mit der traditionellen. "Früher benutzte man Zettel und Bleistift", sagt Hauke Koch, Geschäftsführer von Kiepert, "heute ruft man mit dem Handy den Kollegen oder den Auftraggeber an und berichtet von den Büchern, die man bei uns gefunden hat. Morgen wird man dafür seinen Computer benutzen und die Rechercheergebnisse gleich per e-Mail übermitteln." Die Strahlung der Funkantennen soll in 50 Zentimeter Entfernung nicht mehr messbar sein, so dass an den 230 Sitz- und Arbeitsplätzen im Kiepert-Stammhaus keine Spätfolgen zu befürchten sind.

Das Familienunternehmen ist der erste kommerzielle Nutzer eines LAN, wie es derzeit in vielen Institutionen erprobt wird. An der Universität Rostock sind Vorlesungs- und Seminarräume, über die Stadt verstreute Institute sowie Studentenwohnheime in das größte Funknetzwerk Europas eingebunden. Die interessierte Industrie beteiligt sich an den Kosten, und die alma mater verkündet erfreut, keine kostspieligen Rechnerarbeitsräume einrichten zu müssen. Offenbar kommen in den neuen Bundesländern Lehrkörper und Studenten mit einem Laptop auf die Welt. Der Kauf einer 350 Mark teuren Steckkarte darf ihnen daher zugemutet werden.

Mit dem LAN wächst zusammen, was nie eins war. Grenzen werden niedergerissen, die gestern noch unbekannt waren. Private und öffentliche Räume, in Jahrhunderten ausdifferenziert, gleiten unter der Sonne des LCD-Bildschirms wieder ineinander. Der funktaugliche Computer ist an jedem Ort zu Hause und ermöglicht alles, was im Netz angeboten wird. Lästig nur, wenn die Programmierer die unbegrenzten Möglichkeiten wieder einschränken. Beim Versuch, an einem Terminal der österreichischen Buchhandelskette Libro ein Buch auf der Internetseite des Konkurrenten Kiepert zu bestellen, stürzte der Computer kläglich ab. Es gibt also noch Grenzen.

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