Kultur : Kinder dieser Zeit

Wieder entdeckt: Ernst Haffner erzählt in seinem Roman „Blutsbrüder“ von einer Berliner Jugendbande des Jahres 1932.

Erhard Schütz
Foto: ullstein bild

Die Parole lautet: „Kohldampf im Bauch. Brand in der Kehle“. Ist der Freier benebelt genug, rufen sie dem auf dessen Schoß sitzenden Blutsbruder aufmunternd ein „Zieh, Schimmel zieh“ zu. Gemeint ist die Brieftasche. Das gehört zu ihren Spezialitäten, Geldbörsen ziehen. Das klassische Modell: Der eine zieht und gibt’s an den anderen weiter, der’s an den dritten reicht. Alles wird geteilt und umgehend in Rauch, Rausch und Weiber investiert. Die Blutsbrüder sind eine Berliner Jugendbande jener Zeit, als die angeblichen goldenen Zwanziger in die braunen Dreißiger zu kippen begannen.

Das sind Jungs wie der Dortmunder Ludwig, Fred, der vor seinem strengen, postbeamteten Vater aus Schöneberg nach Mitte geflohen ist, Willi aus dem Erziehungsheim, der unter höchster Lebensgefahr auf den Achsen eines D-Zugs aus Köln kommt: „Berlin, Berlin… Der Name klingt ihm wie Musik. Als ob ausgerechnet in Berlin ein gedeckter Tisch und ein weiches Bett auf Willi Kludas warten.“ Was der Roman „Blutsbrüder“, ursprünglich unter dem Titel „Jugend auf der Landstraße“ 1932 erschienen, erzählt, ist ebenso drastisch, wie es authentisch wirkt. Der Autor Ernst Haffner kannte sich da offenbar sehr gut aus. So gut wie nichts ist bisher über ihn herauszubringen gewesen, Journalist offenbar, Sozialarbeiter möglicherweise. Das ist angesichts der doch so durch und durch erforschten Zeit der Weimarer Republik ebenso sonderbar wie der Umstand, dass dieses Buch damals so gut wie keine Resonanz gefunden hat.

Bücher des Jahres 1932 hatten es meist schwer, über 1933 hinweg Beachtung zu finden. Aber das erklärt nicht alles. Denn Georg K. Glasers „Schluckebier“ gehört ebenso in den Kanon über die Jugend jener Jahre wie Frank Thieß’ „Der Zentaur“ oder Klaus Manns „Kind dieser Zeit“. Allesamt sind sie ebenfalls 1932 erschienen. Dabei ist Haffners Buch – in seiner Lakonik atemberaubend plastisch geschrieben – ein gründlich-abgründiger Blick in ein zentrales Jugendmilieu jener Zeit. Zugleich ins Umfeld von Döblins „Berlin Alexanderplatz“.

Das hier hat so gar nichts mit den niedlichen Banden von Emils Detektiven oder aus Kais Kiste zu tun. Alles indes mit Verwahrlosung und Verrohung. Die aber reicht weiter zurück als in die aktuelle Wirtschaftskrise und die galoppierende Arbeitslosigkeit. Erik Reger, Mitbegründer des Tagesspiegels, hatte damals darauf hingewiesen, dass der Krieg nicht nur die soldatische Jugend, sondern auch die Jüngeren geprägt hatte: Sie hätten „in ihrer Kindheit zu viel Steckrüben gegessen“. Diese hier, oft noch jünger als die Steckrübenernährten, leben erbärmlich und riskant zugleich, stets darauf aus, kurzfristig armselige Befriedigungen zu finden. Die Cliquentaufe besteht darin, dass der Novize vor den Augen aller anderen mindestens viermal in einer Stunde mit einer Nutte kopulieren muss.

Vielleicht war das den Zeitgenossen zu drastisch. Neben einer Notiz im „Simplicissimus“ hat Haffners Buch damals nur noch Aufmerksamkeit bei Siegfried Kracauer gefunden. Auf den ersten Blick erstaunlich, denn er rechnet das Buch zunächst unter die von ihm so gar nicht geschätzten Reportagen. „Kneipen, Schlafstellen, Wärmehallen, Rummelplätze, Bahnhofswartesäle, Zimmer von Prostituierten, Straßen und wieder Straßen sind die typischen Aufenthaltsorte der Cliquen-Mitglieder.“ Diese Aufzählung führt jedoch direkt zu Kracauers spezifischem Interesse an Haffners Buch: Es ist der unmittelbare Anschluss an die Realität der Angestelltenwelt, der er selbst eine fulminante Studie gewidmet hatte. Und angelegt ist das Buch ähnlich wie Kracauers „Angestellte“, vergleichbar im zugleich panoramatischen und mikrologischen Blick, freilich ohne dessen pointierte essayistische Reflexionen, dafür eher erzählend und in jugendbuchartiger Spannung.

Für Kracauer steht die Arbeitslosigkeit im Zentrum. Erstaunlicherweise setzt er nicht auf sozialen Umbruch, sondern auf das „Angewiesensein der Sache auf eine bestimmte Person“, auf den „Einsatz humaner Naturen“, in der Offenlegung wie in der Abhilfe. An denen mangelte es in der damaligen Jugendfürsorge gewaltig.

Albert Lamm hatte in seinem Buch „Betrogene Jugend“ die „bedingungslose Solidarität“ der Cliquenjugend hervorgehoben. Haffners Buch illustriert das noch und noch, die ersehnte wie die erzwungene Zusammengehörigkeit, Wunsch und Terror zugleich – die Karikatur der damals visionierten Klassensolidarität, zugleich aber der Spiegel der alsbald propagierten Volksgemeinschaft. So waren diese Cliquen wohl auch weniger jene mythisierten, widerständigen Edelweißpiraten als am Ende Rekruten der braunen Schlägertrupps. Die mit zeitgenössischen Fotos illustrierte Wiederauflage ist eine Sensation: Sie bringt Vergessenes und Verdrängtes vor Augen, eine ebenso spannende wie bedrückende und erhellende Lektüre. Erhard Schütz

Ernst Haffner: Blutsbrüder. Ein Berliner Cliquenroman, Walde+Graf bei Metrolit, Berlin 2013. 264 S., 19,99 €. – Buchpremiere mit Ben Becker am 27. 8. im Babylon, Rosa-Luxemburg-Str. 30, 20 Uhr.

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