Kinderroman : Leben heißt sich durchbeißen

Kauziger Realismus: Kirsten Reinhardts märchenhafter Außenseiter-Roman „Der Kaugummigraf“.

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Kirsten Reinhardt hat einen höchst amüsanten Roman für Kinder geschrieben.
Kirsten Reinhardt hat einen höchst amüsanten Roman für Kinder geschrieben.Foto: Carlsen

Der Anzug, der seit Jahrzehnten im Kleiderschrank hängt, ist nicht einfach blau. Sondern nachtblau. „Ein schöner Anzug, sehr elegant. Aus Schurwolle. Schmal geschnitten und trotzdem komfortabel.“ Geeignet für beste, allerbeste Gesellschaften. Für Eberhart von Eberthausen wird die nachtblaue Textilie zum Kampfanzug. Und zum Requisit einer Verwandlung. Der Emerit mit Stoppelbart, zerlumpten Kleidern und vollgekleckertem Morgenmantel entpuppt sich, frisch gebadet und neu eingekleidet, als Mann von Welt. Luxus ist seine Form der Kriegsbemalung.

Graf Eberhart will sich nicht mehr herumstoßen lassen, nie wieder. „Die Wut strömte durch meinen ganzen Körper, bis sie in die Spitze meines äußersten Zehs angekommen war – und dann erstarrte sie und wurde zu Mut“, so lautet ein Schlüsselsatz in Kirsten Reinhardts so kämpferischem wie komischem Roman „Der Kaugummigraf“. Seit plusminus vierzig Jahren haust der Held der Geschichte zusammen mit einem Hund namens Schmitt in einem stillgelegten Bahnhof. Das vernagelte Gemäuer ist sein Home, sein Castle, sein Schloss.

Bei Eberhart handelt es sich wohl wirklich um einen Adligen, das zeigt sich am verblassten Wappen, das auf seinen Pantoffeln prangt. Aber jetzt soll er raus und am liebsten gleich ins Heim. Denn die „Große Königin“, wie die Bürgermeisterin des Kleinstädtchens zutreffend genannt wird, hat ambitionierte Pläne. Dafür soll der Bahnhof abgerissen werden. Eigentlich heißt die Frau, die ein menschliches Rollkommando ist, Eleonore Madenbach, bekannt auch als Made junior. Sie ist die Tochter von Made senior, dem Direktor des Internats, auf dem Graf Eberhart um seine Kindheit gebracht wurde.

„Stark, hinterlistig und grausam war sie“, erinnert er sich. „Sie lieferte ihrem Vater nur zu gern Vorwände für den großzügigen Einsatz von Stock, Strafkammer und Strafdiensten.“ Eberhart ist traumatisiert, die Angst aus Schülertagen wurde er nie wieder los. Von sich selber spricht er als „komischem Typen“, Mut gehört zu seinen Mangelerscheinungen. Den Alltag bewältigt er mit einem strengen Zeitplan, der „Staub beobachten, Morgengymnastik im Bett“ (um 7.30), „am Schreibtisch sitzen“ (9.30) und „Kontrollgang durch den Bahnhof“ (18 Uhr) vorschreibt.

Manche Behauptung entpuppt sich schnell als Fake

Aber kann man dem Bahnsteig-Adligen über den Weg trauen? Als Erzähler erscheint Erberhart überaus unglaubwürdig. Spinnt er Seemannsgarn? Aus dem Internat, der üblen Anstalt, will er weggelaufen sein, um als Schiffsjunge zur See zu fahren. Vom Erbe seines Onkels Wetterquist habe er sich statt Schloss oder Goldtruhe bloß dessen abgekautes Kaugummi ausgesucht, das zum Grundstock einer beeindruckenden Kaugummisammlung wurde, die im Bahnhof einen Raum voller Kistchen und Schächtelchen füllt. Und Schmitt, versichert er, brachte er vor vierzig Jahren aus Istanbul mit.

Doch kann ein Hund überhaupt so alt werden? Kann Schmitt wirklich sprechen? Und wenn ja, wieso nur mit Graf Eberhart? Immer stärker driftet „Der Kaugummigraf“ ins Fantastische und Märchenhafte. Der Roman bewegt sich in einem kauzigen Realismus, verorten lässt es sich irgendwo zwischen Seldwylla, Schloss Neuschwanstein und Springfield, der Reihenhausheimat der „Simpsons“.

Manche Behauptung entpuppt sich schnell als Fake. Nicht nur Eberhart kann Schmitt verstehen, sondern auch Eli, eine Ausreißerin, die der Graf zähneknirschend in seinem Reich aufnimmt. Eigentlich, das bekommt Eli vom Hund zu hören, heißt er Mustafa. Das Mädchen hat keine „Benimmse“, futtert wie ein Bauarbeiter, gibt „Örps“ von sich, Rülpser, und hat, ihrem Duft nach, wohl auch lange keine „Grundreinigung“ mehr bekommen.

„Gewisse Dinge müssen getan werden, gewisse Zeiten müssen eingehalten werden“, solche Regeln sind heilig für den Grafen. Deshalb wirft er Eli raus, doch als sie wieder auftaucht, wird sie zu seiner Retterin. Als Motivationstrainerin hilft sie ihm, seine Kraft wiederzuentdecken. Gib niemals auf!, das ist die Botschaft von Reinhardts menschenfreundlichem Buch. Courage lässt sich auch mit 70 Jahren noch erlernen. Christian Schröder

Kirsten Reinhardt: Der Kaugummigraf. Roman. MitVignetten von Marie Geißler. Carlsen, Hamburg 2017. 223 S., 12,99 €. Ab 10 Jahren.

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