Behinderung im Kino : Wenn Grenzen verschwimmen

Von "Me too" bis "Renn, wenn du kannst": Wie das Kino die Vorstellung von Normalität und Behindertsein verändert.

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Hezenssache. Daniel (Pablo Pineda) und seine Arbeitskollegin Laura (Lola Duenas).
Hezenssache. Daniel (Pablo Pineda) und seine Arbeitskollegin Laura (Lola Duenas).Foto: movienet

Wenn es einen Wettbewerb um die kurioseste Filmtitel-Eindeutschung des Jahres gäbe, „Me too – Wer will schon normal sein?“ würde ihn locker für sich entscheiden. Nicht nur hat der deutsche Verleih das „Yo también“ des spanischen Originals putzig sinnfrei anglisiert, auch der angehängten Frage dürfte wohl der mit dem Down-Syndrom lebende Hauptdarsteller vehement widersprechen. Der 34-jährige Daniel (Pablo Pineda), der sich in seine hoch neurotische, aber körperlich quietschgesunde Arbeitskollegin Laura (Lola Dueñas) verliebt, sehnt sich nach nichts mehr als nach Normalität. „Warum gerade ich?“, fragt Laura, als sie sein tiefes Gefühl längst so verwirrt wie vorsichtig zu erwidern beginnt. Darauf er: „Weil ich mich normal fühle, wenn ich mit dir zusammen bin.“

Als rhetorische Frage aber, die den aktuellen Seelenzustand des Kinos beschreibt, taugt dieses „Wer will schon normal sein?“ durchaus. Auffallend viele neuere Spielfilme erforschen Gebrechen von Menschen am Rande der Normalo-Welt – und wirken dabei keineswegs als thematische Nischenprojekte, vor deren Unbequemlichkeit der Zuschauer gern mal Reißaus nimmt. Im Gegenteil, sensibel gemacht, dabei aber den Weichzeichner weitgehend beiseite lassend, erforschen sie die psychosozialen Nöte und kommunikativen Überlebensstrategien von Behinderten – und begegnen dabei einem so beträchtlichen wie aufgeschlossenen Publikum. Wenn man es denn medizinisch metaphorisieren wollte: Sie treffen den Nerv einer Gesellschaft, deren Normalitätsbegriff sich nachhaltig verändert.

Da ist etwa Ralf Huettners eigentlich klein-unauffälliges Roadmovie „vincent will meer“: Bereits vor einem Vierteljahr gestartet, zieht es noch immer wöchentlich Zuschauer in fünfstelliger Zahl an. Die turbulente, aber auch melancholische Komödie, die eine Reise im geklauten Audi von einer deutschen Klinik bis an die ligurische Küste beschreibt, versammelt gleich drei Normabweichler: Vincent (Florian David Fitz, der auch das Drehbuch schrieb) hat das tic-trächtige Tourette-Syndrom, das ihn mit jedem Gehirngewitterblitz weiter aus der NormaloWelt davonschleudert, Alexander (Johannes Allmayer) ist Zwangsneurotiker, und Karoline Herfurth spielt beeindruckend die magersüchtige Marie, die sich offenbar aus Protest gegen ihre Ärztin geradewegs zu Tode hungern will.

Sensationelle 750 000 Zuschauer wollten dieses junge Trio ungleicher Außenseiter bisher im Kino kennenlernen – dabei ist nicht nur Vincents „Clown im Kopf, der mir ständig zwischen die Synapsen scheißt“, alles andere als lustig. Trotzdem stellt sich bei der filmischen Reise bald ein zartes „Go, Audi, go“-Gefühl ein: In dem Maß, wie die drei sich füreinander öffnen, öffnen sie auch die Zuschauer für ihre Wahrnehmungswelt, wobei ruppige Ausbrüche – „du Scheiß-Spast!“ – die Binnenkonflikte der Protagonisten stets geerdet erscheinen lassen. Nur die karikaturnahe Zeichnung der Normalo-Erwachsenen, wacker verkörpert durch Heino Ferch als Vincents Politiker-Papa und Katharina Müller-Elmau als Ärztin, lässt erkennen, dass Huettner es sich in diesem Milieu mitunter etwas bequem macht.

Die Außenseiter sind die Normalen, die Normalen dagegen ganz normal verrückt, gegenseitige Annäherungen nicht ausgeschlossen. Diese simplistische Moral, mit der Hollywood-Klassiker von „Einer flog über das Kuckucksnest“ (1975) bis „Rain Man“ (1988) die komplizierte Thematik kassenkompatibel machten, führt freilich in die Irre. Denn wo das Publikum nur die Seiten wechselt, bleibt das Prinzip Ausgrenzung bestehen. Da geht eine andere aktuelle Tragikomödie, die ihre Story wie „vincent will meer“ mit allerlei romantischen Verwicklungen würzt, in ihrer Sondierungsarbeit präziser vor und kommt zu schmerzhafteren Befunden. In Dietrich Brüggemanns „Renn, wenn du kannst“, seit vergangener Woche im Kino, sind alle normal – ob querschnittgelähmt, ein bisschen neurotisch oder mustergültig ausgeglichen. Aus ihren sehr verschiedenen Augenwinkeln blicken sie in die Welt, und weil der Film diese Unterschiede in keiner Weise moralisch bewertet, ist jede Perspektive jederzeit plausibel.

Auch hier kommt ein junges Trio zusammen: der seit einem Autounfall vor sieben Jahren gelähmte Ben (Robert Gwisdek), der seinen Zivi Christian (Jacob Matschenz), zu schikanieren sucht, und die schüchterne Musikstudentin Annika (Anna Brüggemann, die mit ihrem Bruder auch das Drehbuch schrieb), in die sich beide verlieben. Ben ist ein einsames Ekel, das der Zuschauer bald zu verstehen statt zu hassen lernt. Christian entschärft diesen Giftsprengsatz von Mensch durch Entschiedenheit und Liebenswürdigkeit zugleich. Und bald sind die beiden in Bens behindertengerecht umgebautem Pontiac Bonneville zu Annika unterwegs, ohne allerdings so recht bei ihr zu landen.

„In meinem Leben stimmt nix“, sagt Ben einmal, stets so rücksichtslos gegen andere wie gegen sich selbst. Kein Glück, keine Liebe – und Sex sowieso allenfalls mit Viagra und Penispumpe und ohne Gefühl. Aber dann sitzt dieses immer selbstverständlicher gemeinsam agierende Trio aus sogenannten Behinderten und sogenannten Gesunden wieder auf Bens Hochhausbalkon, träumt vom Anderswo, und alles ist so ewig schlimm wie ewig gut. Nicht das Absonderliche ist normal und das Normale absonderlich, sagt dieser Film, sondern das Leben selbst und das Lieben sind schwer genug; also nicht normal, für niemanden. Nur wo Unterschiede ausgehalten werden, kann Nähe entstehen.

Der subtile Subtext dieser Eigenerfahrung könnte es sein, der die Leute in Scharen in solche Filme treibt. Regisseure wie Brüggemann oder Huettner suchen auch nicht den emotionalen Extremschock, wie er etwa Alejandro Amenábars „Das Meer in mir“ (2004) oder auch Julian Schnabels „Schmetterling und Taucherglocke“ (2008) prägte, noch betreiben sie lärmende Befreiungsarbeit. Ihre Geschichten spielen vielmehr mitten in einer Gesellschaft, die ihrer Normalität überdrüssig geworden scheint und sich die üblichen eigenen Abgrenzungsstrategien nicht mehr glaubt. So gehört die Lebens- und Gefühlswelt einstiger Randgruppen längst zum Allgemeingut und ist, von den Migranten bis zu den Schwulen und Lesben, geläufiger Stoff der populärsten Bewusstseinserweiterungsmaschine Kino. Kein Wunder, dass da auch die Stellvertreterfiguren jener Hunderttausende mit geistigem oder körperlichem Handicap auf die Leinwände finden, die mitten unter uns leben.

Der medizinische Dualismus von „gesund“ und „behindert“ konfrontiert zudem mit der beunruhigenden Erkenntnis, dass nur ein absurder Zufall darüber entscheidet, in welchem der beiden Felder wir siedeln – im Zweifelsfall ist es, wie beim Down-Syndrom, ein winziges Chromosom mehr oder weniger. „Me too“ von Alvaro Pastor und Antonio Naharro, in Spanien und unlängst bei der Eröffnung des Münchner Filmfests ein großer Publikumserfolg, treibt diese Gegenüberstellung auch filmisch am radikalsten voran. Denn hier spielen nicht Schauspieler Betroffene, sondern der Hauptdarsteller ist selber betroffen – Pablo Pineda ist der erste Europäer mit Down-Syndrom, der ein Hochschulstudium abgeschlossen hat.

Pineda spielt den Sozialpsychologen Daniel, der als 34-Jähriger seinen ersten Job in einer Beratungsstelle unter anderem für Behinderte antritt – und er tut das so packend, dass dem Zuschauer trotz der sichtbaren Behinderung des Protagonisten die Grenzen zwischen Normalos und Außenseitern verschwimmen. Von seinen „normalen“ Arbeitskollegen wird er zwar mit einer gewissen Extra-Umsicht behandelt, und seine hübsche Platznachbarin Laura hält ihn überdies erst mal für einen behinderten Klienten, aber Daniels Auftreten ist von einer erwachsenen Ernsthaftigkeit, die mühelos in seinem sozialen Umfeld besteht.

„Me too“ mag ein Film mit kleinen dramaturgischen Schwächen und Längen sein, aber in der Verschränkung scheinbar inkompatibler Welten bietet er eine unerhörte Wahrnehmungserfahrung. Es ist auch hier die Liebe, die die Unterschiede besonders sichtbar macht und selbst in ihrer Erfüllung nicht aufhebt. Daniel kennt nur geradliniges Fühlen, Laura nur geradlinigen Sex, der sie von Mann zu Mann treibt: zwei Sprachen, die sich nicht verstehen. Beider Annäherung geschieht dann zunächst vor allem gegen seine Familie, die sich um die Folgen seiner Gefühlsstürme sorgt, und auch im Leben Lauras sind Bekenntnisse von wunderbarer Ernsthaftigkeit ganz und gar nicht vorgesehen. Dann aber nimmt das – keineswegs romantisch verklärte – Augenblicksglück seinen Lauf, zögernd, heiter, leicht, unter Tränen, tapfer, selig, mit Trennungen und herzzerreißendem Liebeskummer: nichts normaler als das.

„Me too“ läuft ab Donnerstag im Cinemaxx, FT Friedrichshain und Kant; OmU im Babylon Kreuzberg und in den Hackeschen Höfen.

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