Béla Tarr, ungarischer Regisseur : "Die Regierung muss weg. Nicht ich"

Ein Bär, kein Wort. Mit dem Tagesspiegel spricht Béla Tarr über Politik in Ungarn und seine Zukunft ohne Filme.

Um ehrlich zu sein, ich bin hier, um Ihnen zu sagen: Sie dürfen nicht mit dem Filmemachen aufhören.

(lacht) Ich denke, ich habe in meinen Filmen alles gesagt, was ich sagen kann. Wollen Sie, dass ich mich wiederhole oder Kopien meines Stils anfertige?"A Torinói Ló" schließt definitiv mit meiner Arbeit ab. Ich kann keinen neuen Béla-Tarr-Film mehr machen.

Und wenn Sie als Nächstes einfach mal keinen Béla-Tarr-Film drehen?

(lacht) Unmöglich!Mal sehen, was jetzt kommen wird. Ich bin 55 - zu alt, um ein ganz neues Leben anzufangen und zu jung, um in Pension zu gehen. Ich bin ein freier Mann. Aber leider nicht mehr aus einem freien Land. Ungarn war die letzten 20 Jahre frei, das war beglückend, aber jetzt ist das wieder vorüber. Ein schlimmes Déjà-vu.

Wie engagieren Sie sich gegen die rechtsnationale Regierung von Viktor Orbán und ihre Kulturpolitik?

Wir ungarischen Künstler protestieren dagegen. Vor kurzem hat der Pianist András Schiff eine Erklärung gegen die Regierung und ihre rassistische Hetze formuliert. Unterschrieben haben der Dirigent Adam Fischer, die Philosophin Agnes Heller, der Schriftsteller György Konrád, mein Regisseurskollege Miklós Jancsó und ich. Eine andere Protestresolution - gegen die Zerstörung unserer Arbeitsbedingungen - haben neun ungarische Filmemacher unterzeichnet. Wir wurden unterstützt von 40 internationalen Kollegen, darunter Andrzej Wajda, Theo Angelopoulos, Aki Kaurismäki, Jim Jarmusch und Gus van Sant.

Wie hat sich das kulturelle Klima in Ungarn verändert?

Bei uns passiert gerade, was man in Deutschland "Kulturkampf" nennt. Die Regierung hasst die Intellektuellen, weil sie liberal und oppositionell sind, sie beschimpft uns als Vaterlandsverräter. Agnes Heller werfen sie sogar vor, sie habe dem Staat Geld gestohlen. Dabei ist sie 81, sie weiß gar nicht, was Geld ist!

Und wie werden Sie als Filmemacher konkret in Ihrer Arbeit behindert?

Die Regierung hat jede Unterstützung für uns gestoppt. Die Hälfte der Produzenten ist schon pleite, Kinos schließen, auch drei meiner eigenen Produktionsprojekte liegen auf Eis, obwohl mit den finanziellen Partnern alles vorbereitet ist. Aber die von staatlicher Seite unterschriebene Förderzusage ist jetzt bloß noch Klopapier. Dabei hatten wir ein gutes Fördersystem, es war sogar besser als das deutsche: Das Kuratorium der Stiftung wurde demokratisch von den Filmemachern gewählt. Jetzt gibt es einen Regierungsverwalter, eine Art Zensor, der selbstherrlich entscheiden kann.

Irgendwie erinnert das an den Monolog des Nachbarn in "A Torinói Ló", der das Schweigen in dem Einödhof bricht: "Sie kommen, sie zerstören die Welt."

Wenn man bedenkt, dass mein Co-Autor László Krasznahorkai diesen Text schon Anfang der neunziger Jahre geschrieben hat! Wir dachten, das ist Fiktion. Jetzt ist es ein Dokument.

Wie haben Sie die erste Einstellung hingekriegt, wo der Pferdewagen lange über einen Feldweg jagt, und die Bilder wackeln überhaupt nicht?

Das war recht einfach. Auf einer parallelen Straße hatten wir auf dem Lastwagen einen Kran montiert, mit einer Art Steadycam zum Ausgleich der Erschütterungen, die bewegten wir via Joystick und Monitor. Manchmal war die Kamera nur 20 Zentimeter vom Boden entfernt. Die Eröffnungsszene dauert übrigens sechs Minuten, genauso lange wie in "Sátántangó".

Und wie haben Sie das Pferd gefunden, Ihren dritten Hauptdarsteller neben Vater und Tochter?

Bei einem Pferdemarkt der Zigeuner in der ungarischen Tiefebene, es war ein Sonntagmorgen. Ich sah die Stute, ein junges Tier, sieben Jahre alt, ich sah ihren traurigen Blick, und ich wusste, das ist mein Pferd. Sie war gerade verkauft worden, und wir zahlten dem Käufer das Doppelte seines Preises. Dabei hatte es nicht einmal einen Pferdepass!

Der Augenblick, als der Mann dem sterbenden Tier das letzte Geschirr vom Schädel abnimmt, ist sehr berührend ...

... auch für mich. Ich habe drei Tage gegrübelt, wie ich den Tod des Pferdes erklären kann, ohne zu emotional zu sein oder den Zuschauer zu nötigen. Erst arbeitet es nicht, dann frisst es nicht mehr, dann trinkt es nicht mehr. Erst dachten wir, es auf dem Boden liegend zu zeigen, aber das wäre nicht gut gewesen. Dann kam ich auf die Lösung: Wir müssen es nackt werden lassen.

Darf ich fragen, wo Sie in Ungarn leben?Ich stelle mir eine große Altbauwohnung in Budapest vor.

Ganz falsch!Eine große, ruhige Wohnung hatte ich 1989/90 als Gast des Berliner DAAD-Künstlerprogramms. Nachher wollte ich nicht mehr in meine 76 Quadratmeter mitten in Budapest zurück. Auf dem Land fand ich ein sehr altes, ehemaliges Gasthaus, restaurierte es, und dort bin ich geblieben. Es gibt im Innenhof auch eine Stelle für die Pferde.

Haben Sie damals schon an das Sujet für "A Torinói Ló" gedacht?

Ja, und es war das zweite Mal. Mitte der Achtziger hatte László Krasznahorkai mich schon auf die Geschichte mit Nietzsche neugierig gemacht, der in Turin das geschundene Pferd umarmt. Und zuletzt kam er darauf zurück, als wir für ein ganzes Jahr den Dreh zu "The Man from London" unterbrechen mussten. Unser französischer Koproduzent Humbert Balsan war gestorben, und alle Verträge der für meine Verhältnisse aufwendigen Produktion waren an seinen Namen gebunden. Also stoppten die Banken das Projekt. Dieses Jahr Pause war furchtbar.

Noch einmal zu Ihren heutigen Arbeitshindernissen: Spielen Sie mit dem Gedanken, ganz ins Ausland zu gehen?

Ich bin Ungar. Diese Regierung ändert gerade die Verfassung und stellt sich auf 20 Jahre Amtszeit ein. Aber sie muss weg. Nicht ich.

Das Gespräch führte Jan Schulz-Ojala.

Zur Person
Béla Tarr, geboren 1955 in Pécs, ist neben István Szabó der bekannteste ungarische Filmregisseur. Er debütierte 1977 mit "Family Nest" und wurde mit "Kárhozat/Verdammnis" 1987 weltbekannt. Es folgten der legendäre Siebeneinhalbstünder "Sátántangó" (1994), "Werckmeister Harmóniák" (2000) und "The Man from London" (2007). Mit dem stillen Drama "A Torinói Ló" (Wettbewerb) will Béla Tarr seine Laufbahn als Regisseur beenden. Für den Film wurde er mit dem Großen Preis der Berlinale-Jury geehrt.