Berlin Biennale : Katzen, Hühner, Kommunarden

„Was draußen wartet“: Die 6. Berlin-Biennale sucht nach der Wirklichkeit – und landet in Kreuzberg.

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Der Maler Adolph Menzel zeichnete 1866 zwei tote Soldaten (Ausschnitt). Was den Künstlern heute die Kamera ist, war dem Realist Block und Bleistift.
Der Maler Adolph Menzel zeichnete 1866 zwei tote Soldaten (Ausschnitt). Was den Künstlern heute die Kamera ist, war dem Realist...Bild: J.P. Anders/SMB

Die rote Fahne flattert auf dem Dach. Der rote Teppich ist ausgerollt. Darauf steht „Kommune“, in Großbuchstaben. Die Zeichen sind gesetzt, Aufbruch wird signalisiert, doch die Signale widersprechen einander. Der Fahne von Marcus Geiger auf dem First des ehemaligen Kaufhauses am Oranienplatz fehlt ein Stück, sein bedruckter Teppich im zweiten Stock wirkt reichlich abgelatscht. Geht es nun endlich voran nach einer Zeit der Betulichkeit in der Kunst, des Rückzugs in die Ateliers, der Verliebtheit in die Moderne – oder geht es doch nur wieder zurück ins Gestern der alten Kommunarden?

Die sechste Berlin-Biennale bewegt sich zwischen diesen beiden Polen, das ist ihr Dilemma. Sie versucht abzurechnen mit der Vergangenheit, will wieder politisch sein und die großen Einschnitte des vergangenen Jahrzehnts reflektieren, das geprägt ist durch das Attentat auf die Twin-Towers 2001 und den Börsencrash 2008. Doch die Beiträge der 46 Künstler – so einfühlend, subtil, mitreißend sie auch sind – verharren größtenteils in ihrer eigenen Sphäre, selbst wenn sie von Krieg, Migration oder Armut handeln. „Was draußen wartet“ hat Kuratorin Kathrin Rhomberg ihre Biennale genannt. Nur in den wenigsten Fällen kommt diese Außenwelt jedoch auch an einen heran. Wie die Vorgänger-Ausgabe mit dem demütigen Titel „Wenn Dinge keine Schatten werfen“ bleibt diese Biennale blass, obwohl sie die besten Voraussetzungen besitzt.

Mit Rhomberg hat sie eine erfahrene Ausstellungsmacherin, außerdem ein packendes Konzept und hoch interessante Orte. Die gebürtige Österreicherin, die lange Zeit die Wiener Secession leitete und immer schon junge Kunst aus Ost- und Mitteleuropa im Visier hatte, versucht erklärtermaßen hinter die Oberflächen, die sichtbare Ebene der Wirklichkeit zu gelangen. Ein Anspruch, den die Berlin Biennale seit ihren Anfängen besitzt, wurde sie doch als Gegenspielerin zu den erstarkenden Galerien in der Stadt und den schwächelnden Institutionen gegründet. Rhomberg aber geht weiter zurück. Anders als an den Grenzen Europas seien die Veränderungen nach ’89 bei uns kaum angekommen, glaubt sie. Von den dortigen Künstlern mit ihren migrantischen Erfahrungen könnten wir lernen.

Mit der Bespielung des leerstehenden Kaufhauses am Oranienplatz als wichtigster Ausstellungsstätte der diesmal auf sechs Plätze verteilten Biennale ist Rhomberg ein Coup gelungen. Die Biennale hat sich immer an der Stadt, ihrem rauen Charme, ihrer Geschichtlichkeit entzündet. Bislang diente die Vorkriegszeit, die DDR-Patina als Reibungsfläche. Nachdem Berlin-Mitte fast vollends saniert wurde, die Leerstellen sich geschlossen haben, ist die Biennale mit dem Kaufhaus in Kreuzberg angekommen, an der Endstation des alten Westens. Zugleich beginnt mit dem Einzug der Künstler in die seit zehn Jahren unbenutzte Immobilie ein Gentrifizierungsprozess, wie er aus Mitte bekannt ist. Heute besitzt der Kiez Modellcharakter. Hier spielt sich auf der Straße die gesellschaftliche Zukunft ab, eine Durchmischung aller Ethnien. Der Vietnamese Ron Tan hat dafür ein einfaches Bild gefunden, indem er die Bänke auf dem Platz zusammenrückte, wo nun im Sonnenschein geplauscht, gepicknickt, gespielt wird.

Und noch einen Erfolg kann Kathrin Rhomberg verzeichnen: Sie zeigt Zeichnungen und Gouachen von Adolph Menzel, dem großen Realisten des 19. Jahrhunderts, kuratiert in einer exquisiten Schau in der Alten Nationalgalerie durch den US-Experten Michael Fried. Zwar braucht man Menzel nach seiner großen Retrospektive 1993 ebenfalls in der Alten Nationalgalerie wahrhaftig nicht mehr neu für Berlin zu entdecken, wie sich Rhomberg und Fried rühmen, die ausgewählten Blätter sind hier sämtlich bestens bekannt. Aber mit diesem manischen Zeichner des Alltags, diesem Seismographen seiner Zeit, hat die Biennale ihre historische Bezugsgröße gefunden. Auch Menzel erlebte eine Epoche großer Umwälzungen und Unsicherheit.

Was dem Maler des 19. Jahrhunderts Block und Bleistift war, ist den Künstlern heute die Kamera. Michael Fried kehrt vor allem Menzels körperliche Empfindung des Gesehenen heraus, die Betonung des Physischen. Auch darin besteht eine Verwandtschaft mit den heutigen Kollegen: Wenn sie filmen, gehen sie ähnlich unvermittelt mitten ins Leben hinein. Zu den zärtlichsten Beobachtungen gehören Margaret Salmons Aufnahmen von Besuchern im Londoner Hyde Park, zu den drastischsten die Szenen mit israelischen Soldaten, die Avi Mograbis Kamera abzuwehren versuchen und damit ihre Unfähigkeit zum Gespräch demonstrieren. Ähnlich besessen vom Alltag wie Menzel ist auch der amerikanische Filmemacher George Kuchar, eher bekannt als Comiczeichner, doch eigentlich ein Held des Undergroundkinos. Dem Endsechziger hat Rhomberg in einer alten KFZ- Werkstatt nahe dem Mehringdamm eine Mini-Retrospektive eingerichtet: Kuchar filmt seine Familie, seine Freunde, seine Katzen, den alljährlichen Besuch in einem billigen Motel in El Reno, um von dort aus die Tornados zu beobachten. In ihrer Banalität rühren diese Szenen aus der Mitte des Lebens schon wieder an.

Film und Fotografie, das sind die wichtigsten Medien dieser Biennale. Malerei findet nicht statt, Zeichnungen vornehmlich in Gestalt der großformatigen Blätter von Sven-Ake Johansson, der in kindlicher Manier Hubschrauber zeigt, denen alle Bedrohlichkeit fremd ist. So kommt es, dass die Skulptur eine große Rolle spielt als Kontrapunkt zu den vielen dokumentarischen und halbdokumentarischen Kamerabildern.

Ein Schlüsselwerk stellt die Installation des jüngsten Biennale-Teilnehmers dar, des gerade 24-jährigen Kosovaren Petrit Halilaj, der in der Haupthalle der Kunst-Werke, dem Ausgangspunkt aller Berlin-Biennalen in der Auguststraße, die Betonverschalung seines nahe Pristina wieder aufgebauten Elternhauses rekonstruiert und sogar die Außenwand des Hauses durchstößt. In den aseptischen White Cube dringt plötzlich der Geruch des Holzes, der Gestank frei herumlaufender Hühner. Nicht brutal, sondern poetisch bricht hier die Wirklichkeit eines im Krieg zerstörten Landes ein. Aus der Haltung des Genießers, die Kathrin Rhomberg beim westeuropäischen Publikum beklagt, scheucht auch Halilaj, der Flucht und Wiederkehr in seinen Werken verarbeitet, den Besucher nicht heraus.

Diese Biennale führt nahe heran an die Frage: Was vermag Kunst überhaupt noch, wenn sie mit solchen Ansprüchen überladen wird? Sie kann bestenfalls überraschen als frühe Warnung wie Mark Boulos in seiner Zwei-Kanal-Installation in den Kunst-Werken. Auf der einen Seite werden hektische Broker gezeigt, die an der Chicagoer Börse mit Erdöl handeln, auf der anderen Einwohner des Nigerdeltas, die durch die Raffinerien von Shell ihrer Fischgründe und Bodenschätze beraubt werden. Sie schließen sich zusammen zum Kampf, beschwören archaisch den Geist Egbisu und erklären in die Kamera allen Weißen den Krieg. In diesen Tagen und Wochen vergeblicher Versuche, das Bohrloch im Golf von Mexiko zu schließen, wirken die Rituale auf beiden Seiten wie ein Tanz auf dem Vulkan.

Berlin Biennale: Kunst-Werke, Auguststr. 69, Oranienplatz 17, Dresdner Str. 19, Kohlfurter Str. 1, Mehringdamm 28, Alte Nationalgalerie, Bodestr. 1-3; 11.6. bis 8.8.; Di-So 10-19, Do bis 22 Uhr. Katalog 14,95 €.

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