City Lights : Verblühte Landschaften

Silvia Hallensleben atmet gesamtdeutschen Braunkohlemief

Silvia Hallensleben

Es ist ein Reich aus Schrott und wortkarger Zuneigung, das Heinz und Fred bewirtschaften, ein Vater und sein Kind gebliebener Sohn, nach dem frühen Tod der Mutter auf väterliche Fürsorge angewiesen. Es geht geschäftig zu: Alte Wohnwagen werden umgebaut, es wird repariert, gewerkelt und geschraubt. Ihre Tätigkeit ist den beiden Selbstzweck – und scheint so weit jenseits von Lohnarbeit wie der Märchenerzähler aus dem Off vom regulären Hochdeutsch. Ein Sprachfehler oder dämlicher Affekt? Nein, das ist Mansfelder Mundart. Extra deswegen ist Heinz und Fred, bei seinem Kinostart im Herbst eher übersehen, Sonntag und Dienstag in einer Reihe des Zeughaus-Kinos zu sehen. Sie widmet sich Filmen, „in denen die Sprache Deutsch und ihre zahlreichen regionalen Dialekte eine ungewöhnliche Rolle spielen“ – dazu gehört auch eine stumme Schillerbiografie, sinnigerweise mit schwäbischen Zwischentiteln (Sonnabend).

Im Mansfelder Land sieht man heute noch den Abraum der Kupfergruben, die dort einst in die Erde getrieben wurden. Einer in Ostdeutschland noch präsenten Realität des Bergbaus widmet sich die Doku Erinnerung an eine Landschaft von Kurt Tetzlaff, der 1984 Gegenwart und Folgen des DDR-Braunkohlenabbaus vier Jahre lang begleitete (Brotfabrik, bis Mittwoch). Aus ähnlicher Zeit kommen die ersten Langfilme eines Künstlers, den manch Jüngere nur noch durch seine Theaterarbeiten kennen dürften. Christoph Schlingensief hat die ersten selbstständigen künstlerischen Schritte in einer Art filmischen Vorhölle zwischen Experimentalfilm und Horror-Trash unternommen. Seit drei Wochen läuft sein neues Medien-Satyrical „Die Piloten“ im Kino, nun lädt das HAU am Dienstag zur langen Schlingensief-Nacht – mit drei Filmen des katholischen Oberhauseners. Damals brachten sie schön bösen Wind in die muffige deutsche Filmszene, heute taugen sie gut zur Reaktivierung verblasster Erinnerungen an die Kohl-Ära.

Neben „Menu Total“ und „Egomania“ (1986) ist auch der letzte Teil seiner Deutschland-Trilogie dabei: „Terror 2000“ aus dem Jahr 1992 ist eine damals schon mediensatirische exorzistische Performance – eine Collage aus deutschen Geschichtstraumata, Gladbecker Geiseldrama und den rassistischen Übergriffen gegen die Asylheime der frisch wiedervereinigten Republik.

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