City Lights : Wilde Kerle

Frank Noack

Mal angenommen, ein frecher Journalist verfasst eine Polemik gegen Günter Grass, in der er dessen Werk als völlig wertlos und unlesbar bezeichnet. Solch ein Text würde bei den meisten Lesern Kopfschütteln verursachen, und vielleicht würde eine Gegenpolemik erscheinen. Aber es würden sich wohl kaum 120 Personen finden, die einen Protestbrief unterzeichnen, in dem sie sich für Günter Grass einsetzen und penibel seine Verdienste auflisten. Ein herausragender Dichter und Denker kann Kritik vertragen, und je weniger fundiert sie ist, desto leichter kann man sie wegstecken.

Für bedeutende Filme gilt dasselbe. Volker Schlöndorff, der nicht viel von der Defa hält, ist kein um Objektivität bemühter Historiker. Er hat auch kein Standardwerk verfasst, das von Studenten gelesen wird. Sicher, er hat in Babelsberg – nach dem Mauerfall – ein paar Jahre eine wichtige Funktion ausgeübt, aber vor allem ist er ein Künstler mit persönlichen Vorlieben und Abneigungen, die er einem Interviewer anvertraut hat. Einen unangenehmen Beigeschmack erhält die Anti-Schlöndorff-Protestaktion dadurch, dass einige der Unterzeichner selbst durch undifferenzierte, kenntnisarme Hollywoodschelte und antiwestliche Ressentiments hervorgetreten sind.

Respekt kann man nicht einklagen. Wer etwas für den Ruf der Defa tun will, der zeigt am besten ihre Filme. Die machen dann schon ihren Weg. Zwei wenig bekannte Produktionen aus den Aufbaujahren sind am Sonnabend im Zeughauskino zu sehen: Der aus dem Moskauer Exil zurückgekehrte Gustav von Wangenheim drehte mit Und wieder 48 einen explizit politischen Film, der – auf die Revolution von 1848 anspielend – vor Politikverdrossenheit und dem Nihilismus der Jugend warnt. Wegen seiner Theorielastigkeit erreichte das Lehrstück allerdings kein breites Publikum. Zugänglicher, weil mit handfesten Gegenwartsproblemen befasst, war Wolfgang Schleifs Und wenn''s nur einer wär'', der zeigt, wie sich Jugendkriminalität wirksam bekämpfen lässt.

Was hat Marlon Brando mit der Defa zu tun? Nun, auch er war ein typisches Produkt der Nachkriegszeit. Unter Ausgrenzung aber litt er nie, sondern genoss den Status als Bürgerschreck. Als Stanley Kowalski in Endstation Sehnsucht (1951) setzte er sprachtechnisch und modisch neue Akzente wie kein zweiter Schauspieler im letzten Jahrhundert (Sonnabend, Filmkunst 66). Der Arbeiter Stanley, Sohn polnischer Einwanderer, fühlt sich durch die Vornehmheit seiner Schwägerin Blanche (Vivien Leigh) provoziert; er erschreckt sie mit schlechten Tischmanieren, flirtet mit ihr – und zerstört sie. Trotz seiner unverhohlenen Brutalität sympathisierte ein Großteil des Publikums mit ihm. Brandos Darstellung wirkt, im Gegensatz zu so vielen anderen Provokationen, kein bisschen veraltet.

Eine Generation früher war Emil Jannings auf überlebensgroße Proll-Männer abonniert, die eine Revolution von unten ankündigen. Fünf seiner Stummfilme sind in dieser Woche zu sehen: Algol (Sonntag im Zeughaus), der Aufstieg und Fall eines Minenarbeiters schildert, und im Arsenal Das Wachsfigurenkabinett (Donnerstag und Freitag), Der letzte Mann (Sonnabend), Variété (Sonntag) und Faust (Montag). Beabsichtigt war diese Jannings-Woche nicht; Mitte der zwanziger Jahre dominierte er nun mal den deutschen Film. Wer an diese Zeit erinnert, kommt an Jannings nicht vorbei.

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