Cottbus : Freiheit für die Wale!

Das 19. Filmfestival von Cottbus lenkt den Blick auf die Schwarzmeer-Region. Doch das Highlight ist die Wende-Retrospektive

Christina Tilmann

Für Banu war das prägende Ereignis 1989 die Geburt ihrer Zwillingsbrüder. Jöns hingegen musste die Trennung der Eltern verkraften. Ester in Israel freut sich auf den ersten Regen. Konrad hat einen betrunkenen Punk auf der Straße beobachtet und klebte sich mit ZahnpastaWasser das Haar zum Irokesenschnitt. Nur Josephine und ihr Bruder haben auf der Montagsdemo in Leipzig wirklich etwas begriffen: „Gorbi, Gorbi“ skandieren die überdrehten Kinder auf der Heimfahrt, und dazu die Hauptforderung der Demonstranten: „Freie Wale“. Die Wale zu befreien führt im Badezimmer schnell zur Überschwemmung.

Sie waren vier, fünf, sieben Jahre alt, die heutigen Studenten der HFF Konrad Wolf in Potsdam, die in „Mein 89“ sechs Kindheitserinnerungen an das Wendejahr visualisieren. Zwar kommt Politik nur am Rande vor, aber die Kinderträume erhellen in ihrer Harmlosigkeit doch jene Zeit, wenn sie etwa im Kurzfilm des Tschechen Stepan Altrichter den „Anstoß“ für die Samtene Revolution in Prag geben. Ein kleiner Junge, der mit Flagge auf dem Fahrrad den Polizeikordon durchbricht: Das ist das stärkste Bild.

Die Filmstudenten vor zwanzig Jahren waren ganz anders drauf. Ab 1986, dem Amtsantritt von Lothar Bisky, war an der Hochschule in Babelsberg plötzlich Vieles möglich. So fuhren beispielsweise sechs Absolventen mit der Kamera nach Dresden, um im Oktober 1989 die Ereignisse am Hauptbahnhof zu filmen. „Aufbruch 1989 – Dresden“ ist ein Zeitdokument, wie man es selten findet: Schwankende Kamerabilder mitten aus dem Getümmel dokumentieren die Brutalität des Einsatzes, unmittelbar Beteiligte wie der Kaplan, der zu vermitteln sucht, oder zwei Jugendliche, die als vermeintliche Rädelsführer in Haft gerieten, kommen zu Wort. Und weil die Gegenseite, die Polizei, sich nicht angemessen berücksichtigt fand, gab es im Januar 1990 einen Epilog. Da versuchen Einsatzleiter sich als Beförderer des Dialogs hinzustellen, andere sitzen hilflos, sprachlos vor der Kamera und bekennen, dass sie selbst nicht wussten, was sie tun.

Sie ist das eigentliche Highlight des diesjährigen Cottbuser Filmfestivals: die Retrospektive, die die Ereignisse des Jahres 1989 aus der Sicht von Amateurfilmern und Filmstudenten zeigt. Unzensierte, ungefilterte Bilder, oft auch unfreiwillig komisch, wie in Andreas Dresens Hochschulfilm „Jenseits von Klein-Wanzleben“, der drei DDR-Familien beim Entwicklungseinsatz in Simbabwe zeigt. Man hatte der Enge der DDR entkommen wollen – und baut sich im Busch eine Klein-DDR auf, mit Polstergarnitur, Schrankwand und Schnitzel zum Mittagessen, und die drei blonden Kinder lernen in der Schule FDJ-Parolen.

Ein paar Jahre zuvor hatte Dresen ganz andere Erfahrungen gemacht. Er hatte 1984 einen Film über die Ausreisewelle in der DDR drehen wollen, und war daraufhin mit dem gesamten Drehstab von der Stasi abgeholt worden. „Der kleine Clown“, ein Zehnminüter, der 1985 entstand, war als Trost gedacht, für die ganze Truppe.

Die Wende, und was seitdem geschah: Auch der Wettbewerb des traditionell auf osteuropäisches Kino ausgerichteten Festivals ist in diesem Jahr stark mit Aufarbeitung beschäftigt. Allein drei von zehn Filmen thematisieren die Kriege und Konflikte der Neunziger- und frühen Zweitausenderjahre. Da wird, in dem Siegerfilm „Ordinary People“ von Vladimir Perisic aus Serbien, ein junger Berufssoldat (Relja Popovic erhielt auch den Darstellerpreis) mit der Aufgabe konfrontiert, gefangene „Feinde“ zu eliminieren.

Der Film, erläutert der Regisseur, war als Experiment gedacht, mit Laiendarstellern, die nicht wussten, was auf sie zukommt. Wie reagiert ein normaler Mensch auf extreme Situationen, war die Ausgangsfrage. Auch in „Die Schwarzen“ aus Kroatien geht es um Kriegsverbrechen kurz vor dem Waffenstillstand 1995. Und „Die Konfliktzone“ aus Georgien spielt zur gleichen Zeit in der Region zwischen Georgien, Armenien und Aserbaidschan, wo krimineller Kleinhandel die Konflikte überlagert und wo doch bedenkenlos abgedrückt wird, wenn der Feind am Boden liegt.

So viel Hass, so viel Schuld, so viel Nicht-Vergessen-Können. Da wirkt es erfrischend, als der serbische Regisseur Srdjan Dragojevic – der mit der Weltkriegsfarce „St. Georg tötet den Drachen“ einen nationalen Hit gelandet hat – bekennt, dass man in Resteuropa von diesen Kriegen wahrscheinlich nichts mehr hören will. Er wolle daher lieber die aktuellen Kriege thematisieren, die überall in Osteuropa gegen Minderheiten geführt werden. Als nächstes dreht Dragojevic einen Film über eine homosexuelle „Pride Parade“ und die Anfeindungen, denen sie ausgesetzt ist.

Verglichen mit den Balkanländern, in deren Filmen es um Krieg und Konflikte oder auch um Blutrache geht, wie in dem albanischen Beitrag „Alive“ oder in „Svani“ aus Georgien, sind Polen oder Ungarn ganz im kapitalistischen Hier und Jetzt angekommen. „Shopping Girls“ von Katarzyna Roslaniec erzählt eine großartige Coming-of-Age-Geschichte im heutigen Warschau. Da treiben sich die Schulmädchen in Shopping Malls herum, auf der Suche nach einem „Sponsor“, der ihnen gegen sexuelle Dienste Handys und Klamotten kauft – und die 14-jährige Ala (zu Recht als beste Hauptdarstellerin ausgezeichnet: Anna Karczmarczyk) will so unbedingt zur Clique dazugehören, dass sie darüber alles andere vergisst. In Polen haben schon über 500 000 meist jugendliche Zuschauer „Shopping Girls“ gesehen.

Etwa fünfzehn Jahre älter sind die Protagonisten im ungarischen Beitrag „Ich bin nicht dein Freund“ von György Pálfi. Der Film beginnt mit Dokumentaraufnahmen aus einem Kindergarten, wo das Spiel „Du gehörst dazu, du nicht“ schon von den süßen Kleinen gnadenlos betrieben wird. Im Film sind es dann erwachsene Laiendarsteller, die in einem Reigen aus Betrug und Verrat jede Liebesbeziehung ruinieren. Das gleiche böse Spiel läuft in Irland, wohin in Mira Fornays „Kleine Füchse“ die Schwestern Beta und Tina aus ihrer slowakischen Heimat ausgewandert sind. Anpassung, Heimweh und die Suche nach dem schnellen Geld bestimmen das Leben. Eine trostlose Bilanz.

Trostlos fällt auch der Rückblick im bulgarischen Schauspielerexperiment „Wohin heute“ aus. 1988 hatte der Theaterregisseur Rangel Valchanov in einer Art Big-Brother-Show 26 junge Schauspieler ins Theater geladen, zu einem Casting im geschlossenen Raum. Zwanzig Jahre später treffen sie noch einmal aufeinander. Schauspieler sind die wenigsten geblieben, der eine ist Gartendesigner in Paris, der andere Seriendarsteller in Schweden, eine ist den Zeugen Jehovas beigetreten und hat heute sieben Kinder, eine andere heiratete einen amerikanischen Millionär. Wenig ist geblieben von den Träumen von einst; schnell kommen Neid und Missgunst an die Oberfläche. Eine gefilmte Midlife-Crisis, mit der Systemwende als Katalysator.

Man hätte gern auch die Potsdamer Studenten der Wendejahre heute noch einmal befragt.

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