Das weiße Band : Unter Untertanen

Mit seinem neuen Film "Das weiße Band - Eine deutsche Kindergeschichte" hat Regisseur Michael Haneke ein Schwarz-Weiß-Epos über eine zutiefst patriarchalische Gesellschaft durchdrungen von Gewalt und Missgunst gedreht.

Nadine Lange

Unschuld und Reinheit – daran soll das weiße Band die Geschwister Klara und Martin erinnern. Sie müssen es auf Geheiß ihrer Eltern tragen, weil sie deren Regeln missachtet haben. Es ist tiefschwarze Pädagogik, die hier an ihnen ausgeübt wird. Der Vater (beängstigend gut: Burghart Klaußner) hat ein großes Repertoire an seelischen und körperlichen Grausamkeiten im Angebot. Als Pfarrer eines norddeutschen Dorfes sieht er sich als wichtige Autorität und verhält sich dementsprechend streng.

Es ist eine zutiefst patriarchale Gesellschaft, durchdrungen von Gewalt und Missgunst, die Michael Haneke in seinem großartigen Schwarz- Weiß-Epos skizziert. Die Handlung beginnt im Sommer des Jahres 1913 und ist episodisch aufgebaut. Sie wechselt zwischen den Familien des Gutsherren, des Verwalters, des Arztes, des Pfarrers, eines Bauern und wird aus dem Off vom Lehrer des Dorfes erzählt. Er hat als lediger Zugereister eine Außenseiterposition inne. Doch auch durch seine sanfte Art unterscheidet er sich von den anderen Männern im Ort, die ihren Kindern unvermittelt ins Gesicht schlagen, sie sexuell missbrauchen oder mit Worten demütigen.

So wird in den Kindern genau der autoritäre Charakter herangezüchtet, den Theodor W. Adorno in seiner berühmten Studie beschrieben hat und der als grundlegend für die große Resonanz der nationalsozialistischen Ideologie in Deutschland anzusehen ist. Bereits gut ausgeprägt ist bei den Dorfkindern etwa das Muster des Nach-oben-Buckelns und Nach-unten-Tretens. Kleinere Kinder müssen sich vor den Älteren in Acht nehmen. Bald drängt sich sogar die Frage auf, ob der Nachwuchs nicht etwas mit einigen unheimlichen Vorgängen im Dorf zu tun hat: Wer spannte den Draht, mit dem der reitende Arzt zu Fall gebracht wurde, wer quälte den Sohn des Barons und wer den behinderten Jungen der Hebamme?

Die Fälle werden nie aufgeklärt, obwohl der Lehrer einige recht plausible Verdachtsmomente hat. Doch dem Gewalt- und Psychoterrorspezialisten Michael Haneke („Funny Games“ „Caché“) geht es mit seinem in Cannes mit der Goldenen Palme ausgezeichneten Drama nicht um den simplen Krimieffekt. Er weiß, dass es viel gruseliger und wahrscheinlicher ist, dass die Mechanik der Grausamkeiten einfach weiterläuft. Hellsichtiges Psychogramm.

„Das weiße Band“, D/Ö/F/I 2009, 145 Min.,

R: Michael Haneke, D: Ulrich Tukur, Steffi Kühnert, Christian Friedel, Susanne Lothar

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