''Der goldene Kompass'' : Jugend ohne Gott

Die Katholiken Amerikas laufen Sturm gegen den Weihnachts-Fantasyfilm „Der goldene Kompass“ mit Nicole Kidman.

Sebastian Handke
071205kidman Foto: Warner
Nicole Kidman als Marisa Coulter. So verführerisch wie böse. -Foto: Warner

Als Harry Potter vor Jahren in einigen US-Schulen als „heidnisches Werk“ eingestuft und aus den Regalen verbannt wurde, wunderte sich Philip Pullman. Er staunte darüber, dass sein eigenes Werk verschont wurde: „His Dark Materials“, eine millionenfach verkaufte Fantasy-Trilogie, ist nicht nur dunkler, widersprüchlicher und vielschichtiger als das simple „Herr der Ringe“, der niedliche „Harry Potter“ oder gar die biederen „Chroniken von Narnia“. „In meinen Büchern“, stellte der ehemalige Oxford-Dozent fest, „geht es doch um den Tod Gottes.“

Hätte er das mal lieber für sich behalten. Damals dachte noch keiner daran, dass später mal eine Filmversion des Stoffs zu vermarkten sein könnte. Jetzt kommt der Auftakt seiner Trilogie ausgerechnet zu Weihnachten in die Kinos – und Pullmans Äußerungen fallen auf ihn zurück. Die „Catholic League“ hat in ihm ihren Salman Rushdie gefunden und ruft in den USA lautstark zum Boykott auf, weil der Film Kinder dazu verführt, Pullmans „gefährliche“ Bücher zu lesen. Und die haben es tatsächlich in sich.

Die Handlung des ersten Bandes, Grundlage des Films: Das rebellische Waisenkind Lyra (Dakota Blue Richards) lebt im Oxford eines Paralleluniversums, das unserem recht ähnlich ist. Allerdings sitzt die Seele der Menschen nicht im Körper, sondern in seinem „Daemon“, einem lebenslangen Begleiter in Tiergestalt. Auch unterjocht das herrschende Magisterium die Menschen. Kinder verschwinden spurlos. Lyra macht sich auf die Suche nach ihrem Freund Roger. Ihre Verbündeten: eine Hexe des Nordens (Eva Green), ein texanischer Aeronaut (Sam Elliot) und der Kampfeisbär Iorek, der allerdings auch schon bessere Tage gesehen hat (Ian McKellen). Und dann sind da ihr Onkel Lord Asriel (Daniel Craig) und die zwielichtige Marisa Coulter (Nicole Kidman): Beide Forscher beschäftigen sich mit „Staub“ – einem Element, dessen bloße Erwähnung unter Strafe steht und das immer auftritt, wenn Kinder erwachsen werden und ihr „Daemon“ feste Gestalt annimmt.

Philip Pullman, Ehrenmitglied der britischen „National Secular Society“, ist Skeptiker und Atheist, aber keiner von der kalten Sorte: Sein Zweifel ist der Zweifel eines moralischen Humanisten. Den Titel seiner Trilogie entnahm er einem Vers aus John Miltons epischem Gedicht „Paradise Lost“ von 1667. Miltons Nacherzählung der Schöpfungsgeschichte inspirierte Pullman zu einem Epos, das als Märchen, als Abenteuerreise oder auch als Bildungsroman gelesen werden kann. In seinem Kern aber ist „His Dark Materials“ eine kritische Umschrift der Genesis, von der sich die katholische Kirche durchaus angesprochen fühlen soll.

Wie in einem langen Crescendo läuft das Buch auf ein Finale zu, in dem Gott, der nur ein Engel ist, einen jämmerlichen Tod findet und Lyra für ihre Welt den Sündenfall wiederholt: Ein Kuss im Wald hat weitreichende Konsequenzen – erfreuliche allerdings. Der Verlust der Unschuld, so Pullmans Botschaft, ist keine Tragödie, sondern ein heller Moment, den man feiern sollte. Der Kuss macht Lyra zum freien Menschen: Sexuelles Erwachen entfacht das Selbst-Bewusstsein und damit auch den freien Willen. „Alles ändert sich“, sagt Lord Asriel am Ende des ersten Buches zu Lyra, „wenn Unschuld zu Erfahrung wird.“ Zu viel für ein Kinder- und Jugendbuch?

Das dachten wohl zumindest die Produzenten vom New-Line-Studio („Herr der Ringe“). Die Schlussszenen des ersten Bandes, in denen der Sinn der Trilogie erstmals angedeutet wird, fehlen im Film – obwohl sie gedreht wurden (in einem Trailer sind Ausschnitte zu sehen). Hollywood ist mit dieser herrlichen Vorlage so verfahren, wie leider zu erwarten war: „Der goldene Kompass“ wurde verharmlost. Nun wirkt er fast genauso banal und diffus wie all die andere Fantasy-Ware.

Ganz misslungen ist der „Goldene Kompass“ aber nicht. Zwar hat Regisseur Chris Weitz („About A Boy“) offenkundig mit Unternehmen dieser Größe keine Erfahrung, und so wirkt das Ergebnis ein wenig gehetzt. Die Bildwelten sind allerdings bezaubernd und die Darsteller in guter Form – allen voran Dakota Blue Richards in der Hauptrolle und Nicole Kidman als verführerisch-böse Mutterfigur. Vor allem aber ist das Herzstück der Geschichte glaubwürdig, die Freundschaft zwischen Lyra und ihrem Kampfbären Iorek: Er ist die eigentliche Attraktion dieses trotz allem sehenswerten Films.

Ab Donnerstag in 24 Kinos; OV im Cinestar Sony-Center und im Colosseum

0 Kommentare

Neuester Kommentar