Der Informant : Das Geschäft mit den Frühstücksflocken

Wie geschmiert: Steven Soderberghs schwarze Kapitalismus-Komödie "Der Informant" zeigt Matt Damon als verkannten Taschendieb. Der Film basiert auf einem Buch des Wirtschaftsjournalisten Kurt Eichenwald.

Christiane Peitz
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Foto: WarnerWarner Bros. Ent.

Matt Damon ist ein Schauspieler, den man leicht verkennt. Hielt man ihn anfangs für die unerotische Variante von Leonardo DiCaprio, so ist inzwischen klar, dass seine vermeintlich braven Helden es faustdick hinter den Ohren haben. Sei es der unschuldig Verfolgte mit dem Zeug zum Actionstar in der „Bourne“-Trilogie, sei es der beflissene Nachwuchs-Taschendieb, dessen herablassende Behandlung seitens der Herren George Clooney und Brad Pitt in Steven Soderberghs Komödienserie „Oceans’s Eleven“ ff. zum running gag taugt. Matt Damons Spezialität sind Männer, die man unterschätzt – und die eben deshalb gefährlich sind.

In Soderberghs pechrabenschwarzer Kapitalismus-Komödie „Der Informant“ ist Damon wieder so eine Art verkannter Taschendieb. Mark Whitacre, Biochemiker beim mächtigen Agrarkonzern ADM, kaschiert Unregelmäßigkeiten in der eigenen Abteilung, indem er dem FBI sämtliche illegalen Machenschaften seiner Firma verrät. Es geht um den Lebensmittelzusatzstoff Lysin, um Preisabsprachen und Schmiergelder, um Industriespionage im Mais-Geschäft rund um Cornflakes und andere Frühstücksflocken, um hemmungslose Profitmaximierung. Bereitwillig lässt sich der strebsame Konzernangestellte mit den knallbunten Krawatten zum mausgrauen Anzug verwanzen, um zum FBI-Topinformanten aufzusteigen. Matt Damon hat für die Rolle des hochbegabten Spießers 15 Kilo zugenommen, trägt Schmerbauch, Toupet, Schnauzbart und wieder mal eine falsche Nase – und spielt eine wahre Figur.

Soderberghs an Originalschauplätzen gedrehter Film basiert auf einem Buch des Wirtschaftsjournalisten Kurt Eichenwald über den Karrieristen Whitacre, der in den Neunzigerjahren in der Provinzstadt Decatur/Illinois den Geheimdienst ebenso verwirrte wie die Firmenleitung und die eigene Frau. Anfangs sind seine die Bilder grundierenden inneren Monologe noch von Restpartikeln moralischer Skrupel durchsetzt, bald jedoch krankt auch Whitacre an Hybris und Gier.

Der Informant nennt sich „0014“, weil er sich für doppelt so schlau hält wie 007. Ist er aber nicht. Er erweist sich vielmehr als psychopathologischer Fall, als einer, der die Verbrechen aufdeckt, die er selber begeht und dabei zwischen Naivität und Bauernschläue, Minderwertigkeitskomplex und Größenwahn jeglichen Realitätssinn verliert. Mit jeder Undercover-Aktion, jeder heimlich mitgeschnittenen Firmenkonferenz verheddert sich Whitacre mehr in den eigenen Lügenkonstrukten. Da staunen selbst die Profis vom FBI. Prominente US-Comedians treten in zahlreichen Nebenrollen auf, auch als Anwälte, Firmenbosse oder Richter – ein Extraspaß fürs amerikanische Publikum.

Am Ende blickt keiner mehr durch. Der Film droht sich im eigenen bizarren Plot zu verirren. Mit der Wirtschaftskriminalität ist es wie mit der Finanzkrise: Wer die Machenschaften der Bosse und Banker ergründen will, stößt auf ein heilloses Wirrwarr von Fakt und Fiktion und wähnt sich schnell im falschen Film. Dass Steven Soderbergh die Aufteilung des spätkapitalistischen Weltbilds in Gut und Böse, die Unterscheidung zwischen Täter und Opfer verweigert, spricht für die Wirklichkeitsnähe seiner Farce. Wo sonst soll er sie ansiedeln als jenseits jeglicher Moral.

In acht Kinos, OV im Babylon Kreuzberg und Cinestar Sony-Center

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