Kino : Die Wurzellosen

Region ohne Heimat: Beim 17. Filmfestival Cottbus dominiert das Kino Ex-Jugoslawiens

Christina Tilmann

Heimkehrer. Grenzgänger. Überläufer. Alles in Bewegung in der Region, die in diesem Jahr im Fokus des 17. Filmfestivals Cottbus stand: den Nachfolgestaaten Jugoslawiens. Als ob ganze Ortschaften permanent unterwegs sind, von Albanien nach Griechenland oder Italien, von Deutschland oder England zurück nach Serbien oder Kroatien und von Kroatien weiter nach Slowenien. Entwurzelte, Heimatlose, die in Länder zurückkehren, die sie nicht kennen – oder nicht mehr wiedererkennen. Fremd sind sie überall. Doch immer ist der andere der noch Fremdere.

So zum Beispiel Viola, die in „Mein Bruder, der Terrorist“ nach drei Jahren in Amerika zurück nach Skopje kommt. Die Stadt ist zerstört, die Familie entwurzelt, der Bruder kämpft im Untergrund. Allein schon eine Busfahrt über Land ist lebensgefährlich: Heckenschützen beschießen den Bus, Aufständische kapern ihn schließlich. Ähnlich geht es Igor, der in „Hadersfild“ aus dem englischen Huddersfield zurück nach Belgrad kommt – auch er findet zerrüttete Familien vor und eine traumatisierte Gesellschaft. Kiki (Stipe Erceg) wiederum ist in „Kiki & Tiger“ ein vor den Serben nach Stuttgart geflohener Albaner, sein bester Freund Tiger ein Serbe. Erst der Militärdienst in der Heimat bringt die beiden auseinander, macht sie zu Feinden. Und Sani, ein Elfjähriger aus Mostar, reist in „Auf der Sonnenseite“ wie jeden Sommer mit seinem Bruder zum Onkel nach Ljubljana – nur, dass es diesmal keine Rückkehr für ihn mehr gibt: Die Eltern sind ums Leben gekommen. „Die Hälfte aller Jungs bei uns haben keine Eltern mehr“, erklärt er den neuen slowenischen Freunden. Kinderalltag im Nachkriegsland.

Es ist die Generation der heute Dreißigjährigen, die in diesen Filmen ihre Erfahrungen verarbeitet. Eine Generation, die den Krieg als Kinder und Jugendliche miterlebt hat, die sich im deutschen oder englischen Exil arrangiert hat, perfekt mehrsprachig agiert und der Heimat und den Traditionen, die die Elterngeneration noch verkörpert, fremd gegenübersteht. In den Jahren 2003/2004 hat es eine ganze Reihe solcher Heimkehrer-Filme gegeben, die die noch frische Erfahrung von Entwurzelung und Kriegstrauma widerspiegelten. Nun, vier Jahre später, sieht die Welt schon wieder anders aus: Die Filme, die im aktuellen Programm des Cottbuser Filmfests liefen, beschäftigen sich eher mit Korruption und Kriminalität in den Nachfolgestaaten Jugoslawiens. So der schon auf der Berlinale gefeierte und jetzt in Cottbus, wo er 2005 beim Produzentenmarkt „Cottbus Connects“ vermittelt wurde, mit dem „Discovery Award“ ausgezeichnete Thriller „Klopka“ von Srdan Golubovic: Hier wird ein Vater zum Mörder, um das Geld für eine kostspielige Operation seines Sohnes aufzubringen. Oder, auch schon auf der Berlinale gelaufen, der Kinderfilm „Armin“ von Ognjen Svilicic: ein Vater begleitet seinen Sohn zu einem Casting als Kinderschauspieler nach Zagreb, bäuerliche Lebensart und moderne Medien- und Großstadtwelt prallen unvereinbar aufeinander.

Verglichen mit der Dringlichkeit, dem Sprengstoff, der Bitterkeit in diesen Filmen aus einer immer noch nicht befriedeten Krisenregion zeigt sich das übrige osteuropäische Kino, das in Cottbus traditionell seine Plattform findet, eher altersmüde. In der Reihe „Nationale Hits“, die Blockbuster der einzelnen Länder vorstellt, sind Ungarn und Tschechien mit leichtgewichtigen Alterswerken vertreten: Gábor Rohonyi schickt mit „Konjez“ ein Rentnerpärchen wie Bonnie und Clyde auf einen Raubzug samt Polizistenentführung – die Sympathie der um ihre Renten bangenden Bevölkerung ist den beiden wackeren Alten sicher. Und der tschechische Altmeister Zdenek Sverák und sein Sohn Jan knüpfen mit „Leergut“ an ihren Erfolg mit „Kolja“ von 1996 an. Diesmal geht es um einen verbitterten Lehrer (gespielt von Zdenek Sverák selbst), der als Frühpensionär einen Job in der Leergutannahmestelle des örtlichen Supermarkts annimmt und mit seinem Witz die ganze Umgebung verzaubert. Die sympathische Altmännerfantasie, die im Januar auch in den deutschen Kinos anläuft, gewann in Cottbus den Publikumspreis.

Ansonsten zeigte sich die Ausbeute dieses Festivaljahres eher schwach. Den Hauptpreis gewann, völlig zu Recht, der kühle, höchst ökonomisch erzählte bulgarische Gerichtsthriller „Die Untersuchung“, in dem die Regisseurin Iglika Trifonowa eine einsame Kommissarin und ihren schweigsamen Verdächtigen in langen Verhörsituationen mit ihren Ängsten und Lebenslügen konfrontiert.

Mit fünf Preisen groß abgeräumt jedoch hat ein Film, der eine uralte Geschichte berückend neu erzählt. In „Reise mit Haustieren“ von Vera Storoschewa entdeckt eine junge Frau (die Theaterschauspielerin Xenia Kutepowa in ihrer ersten Filmrolle) nach dem Tod ihres Mannes die simplen Freuden des Lebens, kauft sich einen Farbfernseher, eine Ziege und ein Hochzeitskleid und wirft die liebeshungrigen Männer selbstbewusst aus ihrer Hütte. Eine romantische Emanzipationsgeschichte, die von ihren surreal traumverlorenen Bildern lebt. Man wünscht dem osteuropäischen Film insgesamt mehr Mut zu solchen Reisen. Es muss nicht überall Grenzen geben im Kino.

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