Dokumentarfilm : Ey, du bist zu dunkel

Was Flüchtlingsmädchen erleben: Alexander Riedels Dokumentation „Draußen bleiben“.

Christina Tilmann

Draußen ist gut. Da sind die Freundinnen, die Jungs, der Streetfußball. Da ist Sonne, Sommer, Eis im Park. Drinnen ist es dunkel und eng. Da wartet die Mutter, der Bruder, die Familie. Warten die Fragen nach Schule und Betragen, warten die Angst vor der Abschiebung, die Konflikte im Asylbewerberheim, herrschen autoritäre Erziehung oder Resignation.

Einerseits. Andererseits: Drinnen, das heißt dazugehören zu diesem Deutschland mit seinen Bildungsangeboten und Jobvermittlungen. Ein Schulabschluss, eine Ausbildungsstelle, ein eigenes Einkommen, das ist drinnen. Draußen aber, das heißt Duldung. Alle zwei Monate neue Aufenthaltsverlängerungen. Und immer Angst vor der Polizei. Draußen heißt: Die Leute fragen, warum du hier bist und wann du wieder zurückgehst. Draußen heißt: Du gehörst nicht dazu.

Valentina und Suli sind draußen. Valentina ist Kosovo-Albanerin, lebt seit 11 Jahren im Flüchtlingsheim, auf Duldung, immer von Abschiebung bedroht. Sie ist die Wilde, die Unangepasste mit wildlockiger Mähne. Vielleicht pöbelt sie deshalb so laut, weil ihr keiner zuhört? Suli, die Stille, Schöne mit dem ebenmäßigen Gesicht kommt aus Nordchina. Die Familie hat ein Bleiberecht – dafür wacht der Bruder über jeden Schritt, kommandiert die Mutter zu Hause herum. Kein Wunder, dass beide gern draußen sind: auf den Grünflächen in München-Pasing, wo man sich zum Fußballspielen trifft, Afghanen, Afrikaner, Albaner, ganz egal.

Ein Jahr lang hat Alexander Riedel die beiden Mädchen mit der Kamera begleitet, ist mitgelaufen, hat mitdiskutiert und die Gespräche vor und hinter der Kamera mitgeschnitten. Er hat „filmreife“ Bilder gemacht, morgens oder nachts auf den Wiesen von Pasing, mit Nebel, Sonnenaufgang und Tanz im Gras. Und hat vor allem seine so verschiedenen Protagonistinnen gut gewählt. Entstanden ist etwas wie das Münchner Pendant zum Berliner Letztjahressommerhit „Prinzessinnenbad“ – eine Dokumentation über selbstbewusste junge Frauen, die hinter ihrem klirrenden Schmuck, ihrer fetten Schminke und dem lauten Auftreten weit mehr verbergen als die alltäglichen Sorgen von Teenagern.

Eine Schlüsselszene: Beim Fußballspiel ist Streit entbrannt, und ein Wort gibt das andere: „Du hast ja kleine Augen“, sagt die eine – „Du bist zu dunkel“, kontert die andere. Prompt ist der Konflikt da, Rassismus, Hass, Vorurteile, unversöhnliche Gegensätze, alles in zwei Sekunden, und Valentina geht dazwischen, schlichtet, schimpft. „Ich muss mich einfach einmischen“, sagt sie später.

Eine Einmischung anderer Art, mit der Polizei, bringt sie schließlich für sechs Monate ins Gefängnis – Widerstand gegen die Staatsgewalt –, und als sie wieder herauskommt, wieder auf andere Weise „draußen“ ist, steht da eine vernünftige junge Frau. Sie spricht davon, endlich eine Ausbildung machen zu wollen, Geld zu verdienen, eine Wohnung zu suchen. Einen Film über Unangepasste, über Verweigerer, Schulverweigerer, Systemverweigerer hatte Alexander Riedel drehen wollen, einen Film über Freiheit und Eigensinn. Und dann passt Valentina sich an: Ihr Temperament ist gezähmt, die Freundschaft zu Suli zerbrochen. So endet das: bitter. Und stark.

Broadway, Filmtheater am Friedrichshain, Rollberg.

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