Dokumentarfilm : Kick it like Nalan

Mädchen am Ball: Aysun Bademsoy findet im türkisch-deutschen Alltag den Stoff für Dokumentarfilme.

Silvia Hallensleben
Ich gehe jetzt rein
Seitenlinie. Aysun Bademsoy (2.v.l.) Regisseurin von "Ich gehe jetzt rein", beobachtet das Spiel von der Ersatzbank aus. -Foto: Peripher Film

Berlin„Überhaupt kein Problem“ habe er damit, wenn seine kleine Tochter später einmal Fußball spielen wolle, sagt der türkische Vater in die Kamera. „Wenn sie will, will sie.“ Aber vielleicht solle sie erst einmal andere Sportarten ausprobieren, irgendwie passe Fußball doch nicht zu einer Frau. Während sich der junge Mann mit einigem Charme durch das Dickicht eigener Vorurteile und emanzipatorischer Ansprüche kämpft, sitzt Ehefrau Nalan hinter ihm auf dem Sofa. Ihre Worte sind leise, doch viel klarer. Sie würde sich freuen, sagt sie. Deutlicher noch ist ihr Nicht-Sprechen: Wenn sich der Gatte vorne in Widersprüche verheddert, schickt sie von hinten ein komplizinnenhaften Lächeln zu uns in den Zuschauerraum. Gerichtet ist es eigentlich an die Frauen hinter der Kamera, besonders an Regisseurin Aysun Bademsoy, die den Dokumentarfilm „Ich geh jetzt rein“ gedreht hat und davor schon zwei andere Filme mit Nalan. Nalan war einmal der „Littbarski“ der Mädchenmannschaft vom Kreuzberger Verein Agrispor.

„Aysun abla“, große Schwester, wird Bademsoy von Nazan und den anderen fünf jungen Ex-Fußballerinnen genannt, die sie jetzt zum dritten Mal in einem Film versammelt. Und wirklich hat die als Kind mit ihren Eltern aus der Türkei nach Berlin eingewanderte Regisseurin ihnen an Lebensalter und Bildung etwas voraus. Mitte der neunziger Jahre, als Bademsoy ihre Heldinnen kennenlernte, waren Arzu, die Zwillinge Nalan und Nazan, Safiye und Türkan um die 17 Jahre alt. Sie hatten die aufmüpfige Mädchenpower, die multikulturell bewegte Deutsche sich von muslimischen Teenagern erträumten. Die Filmemacherin war fasziniert und belagerte monatelang den Bolzplatz im Görlitzer Park, wo die Agrispor-Mädchen trainierten.

Einfach war die Annäherung nicht in einer patriarchalen Kultur, die Frauen traditionell von der Öffentlichkeit fernhält. Wie bewegt man sie dazu, offen über ihre Wünsche zu reden? Als Nicht-Türkin wäre ihr das nie gelungen, erzählt Bademsoy in einem Kreuzberger Café. Sie schmunzelt, als sie erzählt, welch Kulturschock für die jungen Deutschtürkinnen der erste Besuch in ihrer damaligen Wohngemeinschaft war. Hochgradig irritierend die Vorstellung, in einer Wohnung mit einem fremden Mann zu leben, mit dem man nicht verlobt ist.

1995 entstand „Mädchen am Ball“, zwei Jahre später folgte „Nach dem Spiel“, der den Kampf um den Aufstieg in die Regionalliga beschrieb. Dann war mit der Filmerei erstmal Schluss. In der Zwischenzeit geriet Arzus Leben aus der Bahn, mühsam rappelte sie sich wieder auf und entwickelte dabei erstaunliche Kraft. Auch andere der jungen Frauen hatten schwere Lebenskrisen durchgemacht, Familiensachen meist. Eine bittere Bilanz: Vor zwölf Jahren noch hatten die Mädchen von einem anderen, selbstbestimmten Leben geträumt. Jetzt waren sie alleinerziehende Mütter ohne Job, Geschiedene, unausgebildete Ehefrauen. Nur Safiye, die als Trainerin eine neue Mädchenmannschaft aufbaut, scheint geradlinig ihren Weg gegangen zu sein.

Bademsoy sieht diese Lebensgeschichten beispielhaft für eine Generation türkisch-deutscher Frauen, die in der Gesellschaft nur unter enormem Energieverzehr ihren Ort finden. Den Anteil der deutschen Mehrheitsgesellschaft daran spricht zu Anfang des Films die arbeitslose Türkan deutlich aus: „Ja, ich bin hier geboren. Nein, ich bin nicht deutsch. Ich habe einen deutschen Pass, aber die Leute behandeln mich türkisch“. Türkan hat es geschafft, vom Arbeitsamt einen Ein-Euro-Job zu bekommen. Arzu findet Halt in einer Kombination aus Laufsport und Religion, sie sitzt beim Ramadan abends mit Datteln und Wasserglas vor dem Fernseher, wo der TV-Imam das abendliche Fastenbrechen einbetet.

Es mache sie wütend, sagt Bademsoy, wenn das Leben muslimischer Migrantinnen auf Kopftuch und Koran reduziert werde, ob nun von deutscher oder türkischer Seite. Die Biografien der jungen Frauen zeigen, wie sich Tiefpunkte und Aufbrüche auseinander ergeben. Im Film sind Ausschnitte aus den früheren Dokumentationen eingearbeitet: Für jede Minute von „Mädchen am Ball“ hätte die Produktion rund 1000 Euro an die Rechte-Firma zahlen müssen, zum Glück konnte man sich auf eine niedrigere Summe einigen. Aus Rechte-Gründen ist auch das Projekt einer DVD-Edition aller drei Filme in weite Ferne gerückt, was besonders schmerzt, weil die Sender selbst keine Anstalten machen, das Material zu veröffentlichen.

„Ich gehe jetzt rein“ läuft nur im fsk am Oranienplatz. Heute, 20 Uhr, Vorstellung in Anwesenheit von Aysun Bademsoy und ihren Protagonistinnen.

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