Dokumentarfilm : Mein Raum, dein Raum

Ein faszinierender Einblick in die real praktizierte Marktwirtschaft, so erhellend in Szene gesetzt, dass man das Ganze für ein raffiniert inszeniertes Lehrstück halten möchte. Im Kino: der Dokumentarfilm "Perestroika – Umbau einer Wohnung".

Silvia Hallensleben
Perestroika
Besichtigungstermin. Ist die Decke auch dicht? -Foto: Buechner Filmproduktion

Sie waren ein höchst reales Symbol sowjetischer Zwangs- und Mangelwirtschaft: die Kommunalkas, ehemals großbürgerliche Altbauwohnungen, die nach der Revolution enteignet und zimmerweise Familien zugewiesen worden waren. Mürrisch geteilte Gemeinschaftsküchen und mit Schrankwänden notdürftig abgetrennte Wohnbereiche prägten das Bild des Kommunalka-Lebens. Nach dem Ende des Sozialismus wurden auch die Zwangs-WGs privatisiert und – wieder zimmerweise – ihren jeweiligen Bewohnern als Eigentum übergeben. Das macht das Leben in ihnen nicht attraktiver. So werfen sich die meisten der neugebackenen Eigentümer irgendwann in den freien Wohnungsmarkt, um sich in Zimmergröße, Komfort, Lage oder der Zusammensetzung der Mitbewohner zu verbessern. Allein im Haifischbecken sind sie nicht. Erschwerend kommt hinzu, dass alle Teileigentümer der Wohnung mit ihren unterschiedlichen Interessen Käufer und Kaufpreise akzeptieren und gleichzeitig akzeptable neue Teilwohnungen finden müssen. Dort gibt es selbstverständlich ähnliche Komplikationen.

Eine Herausforderung für das russische Maklerwesen, das sich zum größten Teil aus ehemaligen Wohnungsverkäufern rekrutiert. Die Kölner Filmemacherin Christiane Büchner begleitet in „Perestroika – Umbau einer Wohnung“ eine Petersburger Immobilienvermittlerin bei dem Versuch, eine 4-Zimmer-Gemeinschaftswohnung im Auftrag einer Teileigentümerin zu verkaufen. Ira, diese ursprünglich verkaufswillige Person, wohnt gar nicht im Haus, sondern vermietet ihr Zimmer. Das schafft schon mal Neid. Doch auch sonst gibt es Intrigen reichlich. Besonders Familie Jaroschenja ist Meister in der eigennützigen Vorteilsverschaffung. Am schlimmsten wird die junge alleinerziehende Marina von ihnen gemobbt. Aber es gibt auch Tatjana, die sich in ihrem nach Feng-Shui-Prinzipien vollgestopften Zimmer autark eingerichtet hat und eigentlich gar keine Veränderung des Status Quo möchte.

Wie in einem Laboratorium beobachtet Büchners mit kleinen, illustrativ-spielerischen Einlagen angereicherter Film die unfreiwillig auf den freien Markt geworfenen Spieler bei ihren Versuchen, ihre Interessen mehr oder weniger erfolgreich durchzusetzen, oder zumindest nicht unterzugehen. Das Ergebnis ist ein faszinierender Einblick in die real praktizierte Marktwirtschaft, so erhellend in Szene gesetzt, dass man das Ganze für ein raffiniert inszeniertes Lehrstück halten möchte. Fast unheimlich wird solche Treffsicherheit, wenn am Ende auch die Neukäuferin der Wohnung die Erwartungen bis zur Karikatur übertrifft. In einem Spielfilm müsste man das wohl übertrieben und aufgesetzt finden. Aber, auch das ist das Schöne am Dokumentarfilm: Hier darf man sich einfach erstaunen lassen von den unglaublich platten Volten, die die Wirklichkeit manchmal schlägt.

In Berlin in den Kinos fsk, Hackesche Höfe, Krokodil, alle OmU.

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