Eigenbrötler-Porträt : Im Park: Wiederentdeckung der Humanität

Für "Ein Sommer in New York" hat Tom McCarthy dem Schauspieler Richard Jenkins die Rolle des depressiven Endfünfzigers auf den Leib geschrieben.

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Jenkins
Richard Jenkins spielt Walter Vale. -Foto: Pandastorm

Die Lippen verschwinden im reglosen Gesicht. Der Mund ist so gerade, als hätte man ihn mit dem Lineal gezogen. Nur widerwillig öffnet er sich gelegentlich, um knappe Worte zu formen. Tom McCarthys „Ein Sommer in New York“ ist noch keine fünf Minuten alt und man kann sich keinen anderen als Richard Jenkins in der Rolle des vereinsamten Universitätsprofessors vorstellen. Richard Jenkins? Nie gehört? Aber mit Sicherheit schon oft gesehen. Über siebzig Filme hat er für Kino und Fernsehen gedreht und ist doch ein ewiger Nebendarsteller geblieben. Militärs, Politiker, Anwälte, Vorgesetzte aller Art, Typen, die wenig Spaß verstehen oder in kurzen Auftritten ein Maximum an Seriosität ausstrahlen – darauf ist Jenkins in Hollywood abonniert. Tom McCarthy hat ihm die Rolle des depressiven Endfünfzigers auf den Leib geschrieben.

McCarthy ist ein geduldiger Erforscher der Einsamkeit. In seinem letzten Film „Station Agent“ verbannte er einen zwergenhaften Einsiedler zur Selbsterkundung in ein verlassenes Bahnwärterhäuschen. Den depressiven Akademiker Walter Vale schickt er nun zu einer Konferenz nach New York, wo Walter feststellen muss, dass in seine Zweitwohnung der Syrer Tarek (Haaz Sleiman) und dessen senegalesische Freundin Zainab (Danai Gurira) eingezogen sind. Und so findet sich der wortkarge Witwer plötzlich in einer Wohngemeinschaft wieder. Tarek trommelt auf seiner Djembé in einer Jazz-Fusion-Band und die Musik wird zur Verbindung zwischen Untermieter und Gastgeber. Zunächst nur mit einem Finger, dann mit den Händen und schließlich mit leichtem Kopf-Wippen lässt Walter sich auf den Rhythmus ein.

Als beide eines Tages von einer Drum-Session zurückkehren, wird Tarek von Zivilpolizisten festgenommen und landet in Abschiebehaft. Weder Tareks Freundin noch die aus Michigan heranreisende Mutter (Hiam Abbass) können ihn im Gefängnis besuchen, da sie selbst die Abschiebung fürchten müssen. So bleibt Walter sein einziger Kontakt zur Außenwelt. Tareks Mutter bezieht in Walters Wohnung Quartier und zwischen beiden entwickelt sich eine verhaltene Liebesgeschichte.

Es ist die Wiederentdeckung der Humanität, von der McCarthy erzählt. Sicherlich ist die Entwicklungslinie der Hauptfigur überschaubar und auch der Plot hat außer zwei markanten Wendepunkten wenig zu bieten. Aber die Qualität von McCarthys Eigenbrötler-Porträt liegt in der Konzentration auf seinen Protagonisten. Wie Jenkins den langsamen Auftauprozess mit kleinsten Gesten, Blicken und Kopfdrehungen verkörpert – das ist einfach brillant. Ihm gegenüber steht mit Hiam Abbass eine Meisterin subtiler Schauspielkunst, die dieser scheinbaren Nebenrolle Textur und emotionale Tiefe verleiht.

Broadway, Cinemaxx, Filmtheater Friedrichshain, Passage, OmU im Central, fsk und Kant, OV im CineStar Sony Center

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