Ein Leben für ein Leben : Bis die Gespenster Ruhe geben

Paul Schrader verfilmt mit „Ein Leben für ein Leben“ den israelischen Roman „Adam Hundesohn“.

Jan Schulz-Ojala
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Antoben gegen die Scham. Jeff Goldblum als Adam Stein. Foto: 3L-Filmverleih

Es ist eine seltsame Klinik. Ein weißes Haus, menschenseelenallein in der israelischen Wüste. Drin Versponnene, Verlorene, Verrückte, Beiseitegedrückte, Überlebende. Leute, die der Ermordungsindustrie der Nazis nur knapp entronnen sind und die hier zusammenhausen am Rande der Welt, betreut von einem wenig autoritätsbedürftigen Träumer von Chefarzt und triebhaft verspielten Krankenschwestern.

Hier lebt Adam Stein – oder sollte ich sagen, hier zaubert Adam Stein? Immerhin verzückt der einstige Varietékünstler aus dem Berlin der späten Weimarer Republik, der in der Klinik nun aus vielerlei Verschlägen Schnäpse hervorzaubert, seine Mitinsassen durch ein stetes Zirkusdirektorengehabe, durch ein Lautsein auch, mit dem er sich die eigenen Gespenster und die der anderen vom Leib hält. Oder sollte ich sagen: das Gespenst, das er selber war, damals im KZ, als winselndes Hundchen seines Kommandanten Klein? Das Gespenst, das die Tötung der eigenen Familie mitansah und nun gegen seine Scham antobt Tag für Tag?

Paul Schraders „Ein Leben für ein Leben“ gründet auf dem lange als unverfilmbar geltenden, 1969 erschienenen Roman „Adam Hundesohn“ von Yoram Kaniuk. Und tatsächlich, auch der Film bewegt sich, in seiner wilden Erschütterungslust, im manischen Hin und Her zwischen den Zeitebenen, in der Parforcejagd seines Helden durch die eigenen Horrorfantasien, in seiner vieldimensionalen Dauerverrücktheit selber fortwährend am Rande des Absturzes, unerträglich, hysterisch, wild, albern, pathetisch, wütend, grausam, melodramatisch, irre und groß.

Jeff Goldblum spielt sich darin die Seele aus dem Leib – oder sollte ich sagen, nach allerhand Riesen-Routinerollen die Seele erst richtig in den Leib? Er ist dieser Stein, der sich fuchtelnd und funkelnd seiner Fantasien erwehrt, bis sie sich in einem Wolfshundejungen inkarnieren, der in der Klinik versteckt lebt; er ist es, der das Kind aus seiner Wolfshundewahnwelt und damit auch sich selbst herauslockt und erlöst. Was dann folgt, für das Kind und für Adam Stein selber, ist eine gedämpfte Restwelttauglichkeit, die Ruhe, die die Gespenster gegeben haben und die man sich doch erobert hat. Unendlich wenig lebenslang und endlich viel.

Cinemaxx Potsdamer Platz, Kurbel; OmU im Eiszeit

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