Engel im Kino : Der Himmel auf Erden

In der Kirche treten sie meist als Kinder auf, im Film dagegen als Erwachsene. Flügel und Fesseln: über Engel im Lichtspiel und ihre Sehnsucht nach irdischen Freuden.

Hans Günther Pflaum
Ganz
Bruno Ganz in ''Der Himmel über Berlin'' von Wim Wenders -Foto: Cinetext

Zur Zeit der letzten Jahrtausendwende hatten die Mächte des Himmels genug von der Schöpfung. Verbittert hausten sie in halbdunklen Ruinen und mochten uns Menschen nicht mehr. In göttlichem Auftrag arbeitete ein gentechnisch kompetenter Engel an der Erschaffung eines neuen Menschen, der den Weltuntergang einleiten sollte. So steht es geschrieben in Harry Mulischs „Entdeckung des Himmels“.

Teleologisch betrachtet ist das der vorläufige Tiefpunkt bei der Metamorphose, die die Engel seit Erfindung des Kinos erlebten. Auch wenn es sich nicht um die erste Krise handelt: Schon in Raoul Walshs Komödie „Der Engel mit der Trompete“ soll Nathanael, eigentlich als Blechbläser im gigantischen Orchester der himmlischen Heerscharen tätig, die Existenz der Erde beenden. Das Spiel mit dem Weltuntergang war 1945, im Entstehungsjahr des Films, ebenso naheliegend wie der entschlossene Hinweis, dass das Leben nun erst recht weitergehen müsse.

Zu Barockzeiten kamen die Engel noch ziemlich nackt, leicht übergewichtig und pausbäckig daher. Als Putten zierten sie Altäre und Wände und spielten zum Lobe des Herrn allerlei Musikinstrumente. Im Kino gehen sie seltsamere Wege. Dort können sie aussehen wie John Travolta oder Nicolas Cage, wie Romy Schneider oder Bruno Ganz. Und schon zu Stummfilmzeiten ließ sich beobachten, wie wenig sie in ihrer himmlischen Existenz ernst genommen werden.

Zu Beginn von Friedrich Wilhelm Murnaus „Faust“ stellt sich der Erzengel Michael im Niemandsland zwischen Himmel und Hölle dem Teufel so entschlossen entgegen wie der Türsteher einer Nobeldisco einem Hooligan. Er tritt mit Flügeln auf, die für mehrere Albatrosse reichen würden, und umgibt sich mit strahlender Helligkeit, um dem Herrn der Finsternis zu zeigen, wo die wahren Lichtspiele stattfinden. Eine ziemlich linientreue Position, die der Himmlische da vertritt, im Sinne des alten Dualismus von Hell und Dunkel, Gut und Böse.

Dann aber gönnt sich der wackere Michael einen zumindest in frömmeren Kreisen als anrüchig geltenden Spaß. Er schließt eine Wette um die Seele eines Menschen ab, und der Preis ist die ganze Erde: ein Engel in prominenter Position, der mit dem Teufel um die Menschheit zockt! Warum tut der das? Ist ihm vor lauter Ewigkeit langweilig geworden? Oder ist er gar kein echter Mann des Himmels, sondern nur eine irdische Projektion?

Die Probleme der Engel beginnen mit ihrer Sichtbarkeit, mit dem Schritt von der Idee zur Gestalt. In der Kirche treten Engel meist als Kinder auf, als Wesen vor der körperlichen Reife. Das Kino zeigt sie dagegen bevorzugt als erwachsene Menschen, die sich von den Sterblichen einzig durch ihre Herkunft unterscheiden. Sie sind das positive Gegenstück zu jenen Aliens, die aussehen wie du und ich, aber Böses im Sinn haben und dabei vor allem die notorische Xenophobie Hollywoods bedienen. Keiner der großen Cineasten, der je ernsthaft nach Transzendenz gesucht hat – Bresson, Tarkowskij oder Dreyer – wollte sich im Kino auf sichtbare Engel einlassen. Als wären sie zurückgeschreckt vor der Trivialität der Konkretisierung.

Der in der Bewegung erstarrte Barockengel tendiert zum Ornament. Im Kino dagegen treten die Engel nicht als zeit- und geschlechtslose Wesen auf, sondern sind Entwicklungen unterworfen; das bringt sie uns nahe. Wobei sie vorzugsweise in Krisenzeiten bemüht werden – und welches Jahrzehnt seit der Erfindung des Kinos hätte keine Krisen gekannt?

Interessanterweise wollen die Engel im Film unbedingt selbst ihre Krisen erleben. Mit der Übernahme irdischer Aufgaben suchen sie Abwechslung von der Ewigkeit, vor allem im Bereich des Nachrichtenwesens und des Personenschutzes. In Frank Capras Nachkriegskomödie „Ist das Leben nicht schön?“ kehrt der Engel Clarence auf die Erde zurück, um sich die Flügel zu verdienen, die man ihm im Jenseits vorenthalten hat. Der Himmel, eine Klassengesellschaft, macht es dem liebenswürdigen alten Herrn nicht leicht: Clarence verfügt zwar über alle nötigen Informationen, jedoch nur über äußerst begrenzte überirdische Zauberkräfte, um einen unglücklichen Sterblichen vor dem Suizid zu bewahren.

In der Kirche lobpreisen die Engel den Herrn. Im Film weist ihnen die menschliche Sehnsucht nach Rettung handfestere Aufgaben zu. Sie zu erfüllen, ist meist mit irdischen Freuden verbunden. Gern erzählt das Kino von den Vorzügen der Erde: Was dem Himmel fehlt, sind die Freuden der Erotik, des Alkohols und des Nikotins. Dort oben regieren Puritaner, Prohibitionisten und militante Nichtraucher. Wenn man der Filmgeschichte trauen darf, hat sich das bis auf den heutigen Tag nicht geändert. Raoul Walshs Nathanael war nicht der einzige Engel, der sich mit Inbrunst dem Genuss einer anständigen Mahlzeit hingab. Oder einer keineswegs platonischen Liebe.

Das Problem ist nur, dass die himmlischen Sendboten in aller Regel kein Geld in der Tasche haben. In seinem Kinohit „Der Engel, der seine Harfe versetzte“ ließ Kurt Hoffmann eine überhell strahlende Blondine ihr kostbares Musikinstrument zum Pfandleiher bringen. Darüber hinaus tritt die Himmelsbotin mit bescheidenen Mitteln für den Glauben an die Menschheit ein und bewirkt Gutes. So formulierte das spießige deutsche Kino der fünfziger Jahre selbst das himmlische Glück auf die hausbackene Art.

Das musste auch Romy Schneider in der deutsch-französischen Koproduktion „Ein Engel auf Erden“ erfahren. Was diesen Film über einen Engel als personifiziertes Eheanbahnungsinstitut halbwegs erträglich macht, ist wieder die irdische Versuchung: Auch Engel mögen Champagner, sehnen sich nach Küssen und wären zu noch schlimmeren Verfehlungen bereit, stünden sie nicht unter höherer Aufsicht.

Ein Jahrzehnt später machen sich weibliche Engel rar im Kino, als hätte die Emanzipation zum Verlust ihrer Unschuld geführt. Erotische Aktivitäten dürfen sich nur mehr himmlische Männer erlauben. Vermutlich zeigen keine anderen traditionsreichen Filmfiguren die Entwicklung abendländischer Moralvorstellungen krasser als die Engel. Auch vor ihnen hat die sexuelle Revolution nicht haltgemacht, die Lichtgestalten weisen Schattenseiten auf. So ist für John Travolta als „Michael“ der Sündenfall eine Selbstverständlichkeit: Der himmlische Bote trägt blütenreine Flügel und rosa Boxershorts, kratzt sich zwischen den Beinen, fragt, wo seine Kippen geblieben sind und nimmt sich Bier aus dem Kühlschrank. Auch er bewirkt Gutes, beglückt eine stattliche Zahl junger Frauen – und stößt sich nicht die Hörner ab, sondern die Flügel.

Auch wenn im Kino eh alles Projektion bleibt, herrscht die Physis über die Metaphysik. Am ehesten vermögen die Filmengel das Handicap limitierter Möglichkeiten noch bei sportlichen Ereignissen zu kompensieren. In „Auch Engel spielen Baseball“ profitiert ein am Ende seiner Karriere angelangter Spieler privat wie beruflich von der Hilfe eines Himmlischen. Robert Redford erzählt in der „Legende von Bagger Vance“ von einem Golfchampion in der Krise, den ein dunkelhäutiger Schutzengel der Fairways wieder zum richtigen Schwung zurückführt. Und in „Heaven Can Wait“ kehrt Warren Beatty aus dem Jenseits zurück und trägt entscheidend zum Sieg seines Footballteams im Superbowl bei. Selbst Sportsfreunde müssen zugeben: Das ist alles ziemlich profan. Aber es passt: Das irdische Glück wiegt mehr als die himmlische Seligkeit.

Wenn sie nicht dem Hedonismus verfallen, befällt die Engel tiefe Melancholie. Kein Wunder, denn sie sind nur Erfüllungsgehilfen und können das Leid der Menschen nur in Ausnahmefällen verhindern. In Wim Wenders’ „Himmel über Berlin“ von 1986 stehen sie auf Türmen oder sitzen auf der Siegessäule und schauen tatenlos herab auf das städtische Treiben. Eingreifen können sie nicht, nur mitfühlen. So wächst in ihnen die Sehnsucht nach einem Menschenleben, nach Beteiligung und sinnlicher Erfahrung.

Damiel ist nicht der erste Engel, der sich verliebt und dafür den Preis der Unsterblichkeit zahlt. Wim Wenders erzählt dies nicht als Parabel eines Sündenfalls, sondern als Geschichte einer Menschwerdung. Denn die Leinwandengel dienen allesamt der Bestätigung der Erde und dem Einverständnis mit dem Leben, mag es noch so schmerzhaft und tragisch verlaufen. Kein Engel hat im Kino je unseren alten Planeten angewidert verlassen, um zurückzukehren in die gepflegte Langeweile der Ewigkeit.

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