Europäischer Filmpreis : Kuscheln gegen die Mafia

Ein politsches Statement: Der italienische Beitrag "Gomorrha" triumphiert beim Europäischen Filmpreis 2008. Aber wer will hier feinsinnig dahergehen und etwa Ari Folmans umwerfende Kriegserinnerung "Waltz Witz Bashir" gegen dieses neapolitanische J’accuse! ausspielen?

Jan Schulz-Ojala
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Wirklichkeit überwältigt Fiktion. Sagt Roberto Saviano, Autor des Romans „Gomorra“, auf dem der gleichnamige Film basiert. Foto:...

Es weihnachtet sehr, besonders puderzuckrig aber weihnachtet es in Kopenhagen. Diese fast noch mitteleuropäische Metropole, die merkwürdig am Rande der Verkehrsströme liegt, beherbergt eine Altstadt voller Adventskalenderfensterchen, die bereits im Tagesdämmerlicht heimeligste Wärme verströmen; alles echte Patina und zugleich wie ein ferner Kindermärchentraum. Und wenn sich der Abend über die Marktstände am Nyhavn senkt und die Menschen ganz ins Licht der gebastelten Weihnachtssterne treten, dann verwandeln sich sogar die putzig durchlöcherten Münzen, mit denen man hier bezahlt, für eine Traumsekunde in blitzblanke Schmuckstücke. Hau weg den Euro, her mit der Krone!

Es weihnachtet sehr, besonders gruselig aber weihnachtet es in Süditalien. Da haben sich die örtlichen Granden eine sehr eigene Adventsaktion einfallen lassen: Bis Weihnachten wollen sie das Auto Roberto Savianos in die Luft sprengen, und zwar per Fernzündung auf der Autobahn zwischen Rom und Neapel. Denn dieser erst 29-jährige Autor hat nach jahrelanger Recherche ein Buch über die Camorra geschrieben, das der Camorra gar nicht gefällt – und dass er es auch noch „Gomorrha“ nannte, hat den Gottähnlichkeitsanspruch der Mafiosi aufs tiefste beleidigt. Dass wiederum ein gewisser Matteo Garrone das Buch auch noch verfilmte und nun mit dem Ergebnis erfolgreich um die Welt tourt, macht die Sache für die Mafia auch nicht besser.

Verrücktes Europa. Hier kuschelt es sich in aller Gemütlichkeit ein wie in jene gigantischen Wolldecken, mit denen die Dänen in ihren Gassencafés den mageren Plusgraden trotzen; dort verhängen die Ayatollahs des neuen Jahrtausends die Fatwa gegen einen Schriftsteller, der sich seit der Veröffentlichung seines Erstlings verstecken muss oder allenfalls unter Polizeischutz auftritt wie vor zwei Wochen mit Salman Rushdie in Stockholm. Ein Individualterror, der Saviano bereits zu zermürben scheint: Er zweifelt rückwirkend an seinem damaligen Mut, der ihm inzwischen die Lebensfreude abschnürt; er liebäugelt damit, vor dem Druck ins Ausland zu fliehen; er sehnt sich danach, eine schlichte Liebesgeschichte zu schreiben, aber – so gab er unlängst zu Protokoll – „die Wirklichkeit überwältigt immer wieder die Fiktion“.

Ob kraftvolle Solidaritätsaktion oder Gewissensberuhigung: Der Europäische Filmpreis für Matteo Garrones „Gomorrha“ ist vor allem ein politisches Statement. In allen fünf Kategorien, für die er nominiert war, setzte sich der Film, der in fünf verschränkten Episoden von der Totalverseuchung des Kleineleutealltags rund um Neapel erzählt, gegen künstlerisch gleichwertige oder gar überlegene Konkurrenten durch. Aber wer will hier feinsinnig dahergehen und etwa Ari Folmans umwerfende Kriegserinnerung „Waltz Witz Bashir“, einen zwischen Traum und Doku oszillierenden Geniestreich im Gewande des Animationsfilms, gegen dieses neapolitanische J’accuse! ausspielen – zumal wenn Garrone nach der Preisverleihung kundtut, Saviano wolle „weitermachen“ im Kampf gegen die Mafia, denn dies sei sein „einziger Weg“?

Bleiben wir also artig, so artig wie die Dänen am Sonnabend in der riesigen Konzerthalle namens Forum, in der sonst Berserker wie Metallica gegen den Rest der Welt andröhnen. Erheben wir uns von den Plätzen, wenn Kronprinz Frederik nebst Gemahlin Mary ihren Plätzen entgegenstreben. Applaudieren wir artig, wenn das verblüffend artige Quartett der Dogma-Gründer rund um Lars von Trier seinen schon irgendwie spät kommenden „Preis für den Beitrag zum Weltkino“ entgegennimmt. Oder schauen wir den artigen, per Videowand eingespielten Versöhnungsversuchen des Gala-Moderators Mikael Bertelsen zu. Einmal versucht er die Besucher des jüngsten Bond höflich zum Wechsel in einen mongolischen Erstlingsfilm zu überreden, weshalb er sogleich vor heranfliegenden Popcorneimern Reißaus nehmen muss. Ein anderes Mal geht sein telefonischer Verkuppelungsversuch zwischen Oscar-Academy und Europäischer Film-Akademie daneben: Die Dame in Los Angeles – „I don’t make phone calls“ – hat für die vermeintliche Anruferin von der alteuropäischen Konkurrenz nur ein verächtliches Lachen übrig.

Immerhin: „Gomorrha“ gehört zu jener seltenen Spezies innereuropäisch exportfähiger Filme, denen dieser Preis tatsächlich helfen kann. Großes, überall verständliches Thema, starke Schauspieler (Toni Servillo wurde in Kopenhagen auch für seine herausragend gruselige Andreotti-Karikatur in „Il Divo“ ausgezeichnet), eine Story mit klarer örtlicher Verwurzelung. Das sind die Ingredienzen, die einen europäischen Film im zerklüfteten Vielvölkergebilde Europa zumindest mittelgroß machen können. Nach dem Großen Preis der Jury in Cannes stellt nun der Europäische Filmpreis den „Gomorrha“-Erfolg womöglich auf eine breitere Basis. In Deutschland hat der Film bereits beachtliche 150 000 Zuschauer angezogen.

Und der deutsche Auftritt selbst in Kopenhagen? Ein Total-Flop, doch einer der zarteren Art. Im Schatten etwa von Laurent Cantets packendem Schul-Soziogramm „Die Klasse“ oder Mike Leighs ebenso philosophischer wie federleichter Komödie „Happy-Go-Lucky“ hatten deutsche Filme schon bei den Nominierungen keine Chance. Dass in den Nebenkategorien Andreas Dresen mitsamt seiner „Wolke 9“-Darstellerin Ursula Werner baden ging, ebenso Jürgen Vogel („Die Welle“) und Elmar Wepper („Kirschblüten“): Die deutsche Filmfamilie, die jahrelang von den 1800 Akademiemitgliedern mit höchsten Auszeichnungen gehätschelt wurde, wird es verschmerzen. Good Bye, Dresen! Gegen die Wand, Vogel! Das Leben der Anderen war diesmal wichtiger. Zum Beispiel das von Roberto Saviano.

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