Kino : Farm der Tiere

Weihnachten in der Uckermark: Ann-Kristin Reyels zauberhaftes Filmdebüt „Jagdhunde“ erzählt von Kommunikation ohne Worte

Christina Tilmann

Der Schnee knirscht, der Wind pfeift übers leere Feld, und wer unterwegs ist, zieht die Mütze tief über beide Ohren. Winterzeit. Weihnachtszeit. Und Eiszeit: Selbst eine Ratte erfriert im See.

Auch die Menschen sind innerlich erfroren, sprechen nicht mehr miteinander. So geht es Lars mit seinem Vater. Zuzüglinge in der Uckermark, wo der Vater (Josef Hader) einen alten Bauernhof renoviert. Die Einheimischen reagieren mit Misstrauen, grüßen nicht einmal. Und auch Vater und Sohn haben seit Jahren nicht richtig gesprochen. Nicht über die Trennung der Eltern. Und auch nicht über die Affäre des Vaters mit Tante Jana (wunderbar zickig: Judith Engel).

Ann-Kristin Reyels’ HFF-Abschlussfilm „Jagdhunde“ ist ein stiller Film. Ein lakonischer. Einer, der in seinen besten Momenten keine Worte macht. Und aus dieser Schweigsamkeit eine ungewöhnlich zärtliche Nähe sowie eine gute Dosis Humor entwickelt. Denn in der ganzen Winterkälte erzählt er eine Geschichte von Nähe, von Liebe, davon, wie Menschen auftauen durch eine Begegnung.

Denn Lars trifft Marie, und Marie hilft Lars. Marie, die nicht sprechen kann und doch so viel besser kommuniziert als alle kommunikationsgestörten Erwachsenen. Luise Berndt trägt den Film, mit ihrer sprühenden Fröhlichkeit, den flinken Händen, der ausdrucksstarken Mimik. Und Constantin von Jascheroff als Lars ist ihr ein ebenbürtiger Partner, der verschlossene, sensible Junge, der schweigt und beobachtet und sich seinen Teil denkt. Kein Wunder, dass er keine Schwierigkeiten hat, Marie zu verstehen. Die Funken, die zwischen beiden springen, sind nicht zu übersehen.

Ann-Kristin Reyels findet dafür wunderbare Bilder. Ein Eisballett auf dem zugefrorenen See, und beide tragen niedliche Hundemasken. Oder ein „Kinobesuch“ in einem auf einer Wiese gestrandeten Flugzeug, und der Film, der vorm Fenster abläuft, ist ein Wildschwein, das über die Wiese geht. Doch die schönste Szene ist eine Weihnachtsfeier im Dorf, uckermärkische Hausfrauen und Mütter, die in Kittelschürzen ausgelassen Tischtennis spielen. In solchen Momenten hebt der Film ab, ganz federleicht.

Dass er schließlich doch etwas stark in die Familiengroteske abdriftet, wenn die Mutter von Lars (Ulrike Krumbiegel) samt neuem Liebhaber (Marek Harloff) anrückt und sich alle zu einem höchst ungemütlichen Weihnachtsmahl versammeln – geschenkt. Auch, dass Maries Vater (hinreißend missgelaunt als Kneipenwirt: Sven Lehmann) die zarte Liebe seiner Tochter mit äußerstem Argwohn beobachtet – vorhersehbar. Mag sein, dass Reyels ihre Geschichte etwas zu rund, etwas zu deutlich und dramatisch zu Ende führt. Doch die stillen Momente dieses außergewöhnlichen Filmdebüts hängen noch lange im Herz. Heißkalt.

Hackesche Höfe, Kino in der Kulturbrauerei, Moviemento, Neue Kant Kinos

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