Fill : Glamour der Armut

Das Märchen zur Krise: Der oscargekrönte Film "Slumdog Millionaire".

Sebastian Handke
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Kopf hoch, Kleines. Die Schauspieler Dev Patel (als Jamal) und Freida Pinto (Latika). -Foto: dpa

Jamal Malik wird verhaftet, denn er weiß zu viel. Eben saß er noch auf dem heißen Stuhl von „Wer wird Millionär?“, jetzt grillt ihn der Inspektor: Wie kann es sein, dass ein Kind der Slums schwierigste Fragen zu beantworten weiß? Und überhaupt: Dieser Junge (Dev Patel) scheint sich für Geld herzlich wenig zu interessieren. Dauernd spricht er nur von einer gewissen Latika (Freida Pinto). Und rollt dabei seine bewegte Lebensgeschichte auf.

Was macht „Slumdog Millionaire“ eigentlich so unwiderstehlich? Ein Film aus den Elendsvierteln von Mumbai, mit Laiendarstellern und Untertiteln? An Mord, Folter und den anderen Grausamkeiten kann es nicht liegen. Auch nicht an Bruderzwist, Armut und Verrat. Und doch hat dieser kleine Film, der es um ein Haar gar nicht in die Kinos geschafft hätte, bereits über 200 Mio. Dollar eingespielt. 63 Auszeichnungen hatte „Slumdog“ schon eingeheimst, bevor er schließlich auch bei den Academy Awards achtfach triumphierte. Regisseur Danny Boyle, sein Autor Simon Beaufoy und vor allem Schnittmeister Christopher Dickens ist ein perfektes Stück Kino-Unterhaltung gelungen. Der Erfolg aber hat auch einen anderen Grund: „Slumdog Millionaire“ ist das Märchen zur Krise.

In Indien selbst gab es zunächst allerdings heftigen Unmut. Ausgerechnet ein Brite, so beschwerten sich Journalisten und Filmschaffende, würdige das prosperierende Indien wieder zum Drittweltland herab. Außerhalb Indiens wird umgekehrt argumentiert: „Slum Dog“ sei ein Armutsporno, weil er das Elend beschönige und wie ein Ornament für eine harmlose Liebesgeschichte benutze. In diesen Chor stimmt auch Salman Rushdie ein, der in der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ moniert, dass der Film einen „romantisch bollywoodisierten“ Blick auf das unromantische Leben der Allerärmsten werfe.

Es stimmt: Die Handlung beruht auf absurden Zufällen, die Figuren sind eindimensionale Karikaturen, das Ende ist süß. All das ließe sich aber auch über Geschichten von Charles Dickens sagen. Und gibt es das überhaupt – den korrekten Weg, Armut abzubilden? Als ob man diesen Menschen gerechter würde, wenn man sie in trauriges Grau hüllt statt in Boyles lebhaft drängenden Bilderstrom.

„Slumdog Millionaire“ entstand mit einem kleinen indischen Filmteam. Eine Digitalkamera in der Hand, die Festplatte auf dem Rücken des Kameramannes, bewegte man sich teils ohne Dreherlaubnis durch die engen Slums von Mumbai. Die anfängliche Jagd durch das Viertel Dharavi, zur Musik von A.R. Rahman und M.I.A., ist einer jener Slumdog-Momente, an die man sich erinnert, lange nachdem man den Saal verlassen hat.

Dafür hat Danny Boyle sich von Anurag Kashyap, einem der interessantesten unabhängigen Regisseure Indiens („Black Friday“), beraten lassen. Mit seiner rastlosen Dringlichkeit, der Wackelkamera, den schnellen Schnitten, den verwobenen Zeitebenen, erinnert „Slumdog“ aber auch an brasilianische Filme wie „City of God“ oder „Tropa de Elite“ (Berlinale-Gewinner 2008). Doch Boyle, der diese Filmsprache 1996 in „Trainspotting“ zumindest miterfunden hat, verwendet sie untypisch: für ein berauschend hyperrealistisches Feel-Good-Märchen.

Denkbar verschiedene Filme hat Boyle bereits gemacht: einen Drogen-Clip („Trainspotting“), Science-Fiction („Sunshine“), Zombie-Horror („28 Days Later“) und ein romantisches Abenteuer („A Life Less Ordinary“). Doch egal was und wo Boyle dreht – alles wird ihm zur Quelle für Farbe und Bewegung. Auch seine Darstellung des Slum-Elends ist impressionistisch. Leid und Zwang treiben die Handlung voran, sind aber kaum erfahrbar als etwas, das die Menschen betrifft. Die Slums für ein eskapistisches Märchen zu nutzen, das ist durchaus fragwürdig. Doch so ist Boyle: Humanist und Ästhet zugleich. Er macht sich nicht zum Anwalt seiner Slumdogs. Er lässt sie strahlen.

Es wäre ohnehin nicht angebracht, die Bewohner von Dharavi gönnerhaft als Opfer zu vereinnahmen. Das 213 Hektar große Slumgebiet im Herzen der Stadt ist ein brummendes Zentrum improvisierter Kleinstunternehmen. Die Schätzungen über den Umsatz, der hier jährlich gemacht wird, schwanken zwischen 100 und 600 Millionen Dollar. Seine Bewohner haben wenig, und doch begreifen viele sich als Unternehmer. Vielleicht ist das der Vorwurf, den man Danny Boyle machen muss: Sein Film unterschlägt diese Realität. Denn dann hätte Boyle einen anderen Film machen müssen, die Geschichte eines Underdogs nämlich, der sich hocharbeitet. „Slumdog Millionaire“ aber ist gerade deshalb das Märchen zur Krise, weil der Tellerwäscher es darin nicht zum Millionär bringt, indem er gerissen ist, hartnäckig oder erfindungsreich. Jamal hat kein Talent und keine Geschäftsidee. Er hat Dusel. Und Hoffnung.

Nicht das Streben nach Entfaltung treibt ihn voran, sondern das undurchschaubare Spiel von Zufall und Schicksal. Später im Film begegnet Jamal einem Jungen, mit dem er einst betteln ging, bevor ihm selbst die Flucht gelang. Dem Jungen ist seither Schreckliches widerfahren. Zu Jamal aber sagt er: „Du wurdest gerettet. Ich nicht. Das ist alles.“ Hoffnung ist im real existierenden Kapitalismus keine belastbare Anlage. In der Krise aber, wenn der heroische Egoismus des Marktes und das Prädikat self-made anrüchig geworden sind, wenn Unsicherheit herrscht und das Gefühl, von etwas getroffen zu sein, das man nicht hat kommen sehen – dann wird Hoffnung zur Strategie. Sie führt nicht unbedingt zum Erfolg. Aber zu einem Leben, dass auch im Tumult von Glück und Stolz erfüllt sein kann.

Ab Donnerstag in vielen Berliner Kinos.

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