Film : Kinder im Knast

120 Jungen sitzen im Kindergefängnis Tscheljabinsk im Ural. Die Doku "Allein in vier Wänden" zeigt, wie aus ganz normalen Kindern die Verbrecher von morgen werden.

Kerstin Decker

Was hätte aus diesem eloquenten Sechzehnjährigen werden können? Ein Manager, ein Politiker vielleicht – erfolgreich in einer Welt, in der scharfer Verstand und ein gewisses Machtstreben nicht beargwöhnt werden. Aber wahrscheinlich wird gar nichts aus Tolja. Denn er ist ein junger Mörder. Einer von 120 Jungen im Kindergefängnis Tscheljabinsk im Ural. Neun von zehn der hier Gefangenen blicken bald wieder durch Gitterstäbe. So weiß es die Statistik.

Wer Alexandra Westmeiers großartigen Film „Allein in vier Wänden“ sieht, will dieser Statistik am liebsten keinen Glauben schenken. Die in Tscheljabinsk geborene Regisseurin zeigt die russischen Verbrecher von morgen – und doch würde uns nichts auffallen, brächten die eigenen Kinder sie als Freunde nach Hause. Es sind: eben ganz normale Kinder. Das zu sehen, ist in jedem Moment das Ereignis dieses Films. Sozialarbeiterkino? Eher das Gegenteil. Es erklärt nichts, spiegelt keine Lösbarkeiten vor.

Die Kinder artikulieren sich vor Inigo Westmeiers behutsamer Kamera, als sei sie bester Freund oder Mutter und Vater zugleich – all das also, was sie hier nicht haben. Diese Kinder, früh so hart, so rücksichtslos geworden wie die russische Gesellschaft von heute, wissen doch genau, wann sie zuletzt Besuch oder Post bekommen haben. Und wie viel Härte gehört dazu, vor der Kamera einzugestehen, was man vor sich selbst gern verborgen hätte: Die Mutter ist nicht zu Besuch gekommen, noch nie in zwei Jahren.

Die Jüngsten hier sind elf Jahre alt, die Ältesten 16 wie Tolja. Fast alle haben ein Strafmaß zwischen zwei und drei Jahren, ob es sich um Diebstahl von Konservendosen handelt oder um dreifachen Mord. Es gibt viel, was die Jungen in diesem schönen russischen Gefängnis nicht haben. Ja, ganz richtig, es ist ein schönes Gefängnis, wahrscheinlich hätten Alexandra und Inigo Westmeier sonst dort nie drehen dürfen. Seine Häftlinge, obwohl alles in ihnen dagegen rebelliert, wissen das genau. Sie könnten gar nicht wünschen, morgen entlassen zu werden. Hier gehen sie in die Schule und können sich sogar darauf konzentrieren, hier gibt es jeden Tag etwas zu essen.

Und wenn der Kamerablick großartig hässlichschön auf Tscheljabinsk fällt, fragt man sich: Ist die graue WohnblockStadt da draußen nicht auch nur ein Kerker mit anderen Mitteln?

Andere haben ein Zuhause, die 120 Jungen von Tscheljabinsk haben das Gefängnis. Vielleicht waren sie noch nie so frei wie hier und werden es nie wieder sein. Kerstin Decker

fsk (auch OmU), Eiszeit

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