Filmdebüt : Das wahre Leben ist anderswo

Drei Reisen, die in Genf beginnen, drei Bewegungen, drei Begegnungen, die Regisseur Frédéric Choffat für sein Spielfilmdebüt behutsam miteinander verwoben hat. Ein Film voll federleichter, schwebender Melancholie.

Christiane Peitz

Es sind Unterwegsgeschichten, Transitgeschichten. Draußen fliegt die Landschaft vorbei, drin halten sich flüchtige Existenzen auf, Halbwachheiten, Namenlose. Eine Winternacht, die Bahnhöfe liegen gottverlassen, im Schlafwagen funktioniert die Heizung nicht.

Drei Reisen, die in Genf beginnen, drei Bewegungen, drei Begegnungen, die Regisseur Frédéric Choffat für sein Spielfilmdebüt behutsam miteinander verwoben hat. Eine Geschäftsfrau spendiert im Zug nach Marseille einem Mitreisenden das TGV-Ticket und nimmt ihn mit ins Hotel. Ein frischgebackener junger Vater fährt nach Berlin, wo die junge Mutter ihn ungeduldig erwartet, verpasst seinen Anschluss in Dortmund und gerät dort an eine vagabundierende Tschechin. Eine in der Schweiz aufgewachsene Italienerin zieht samt Katze nach Neapel um und wird im Nachtzug von einem geschwätzigen Schaffner behelligt.

Die Stille, der Nervöse, die Bedrängte. Der Bedrückte, die Verrückte, der Übergriffige. Drei Paare wider Willen, die der Zufall ein paar Stunden zusammenbringt. Der französische Regisseur, der das Drehbuch gemeinsam mit Julie Gilbert und den sechs Schauspielern erarbeitet hat, entwickelt daraus einen anrührenden Versuch über die Schwierigkeit, sich zu verständigen. Jede Szene eine feine Miniatur über das Schweigen und das Plappern, über gestörte, stockende, kollidierende Kommunikation, scheue Blicke, brüchige Identität und den heiklen Moment, in dem Nähe entsteht.

Wer reist und nicht gleich dort ankommt, wo er hin will, ist unvermittelt allein, verloren, ausgeliefert. Angst haben sie alle: Die Geschäftsfrau vor ihrem Termin, der Vater vor dem Vatersein, die Italienerin vor ihrer italienischen Zukunft. Die Zeit dehnt sich auf dieses langen Lebens Reise in eine einzige Nacht, und dann geht plötzlich alles ganz schnell, wenn der Mann im Hotel die Geschäftsfrau berührt, wenn das schöne tschechische Mädchen vor dem Güterzug auf die Gleise springt und wenn es dem Schaffner auf dem Bahnsteig in Neapel doch noch die Sprache verschlägt. Man sieht sich nie wieder.

„Das wahre Leben ist anderswo“? Ein viel zu bedeutungshuberischer Titel für die federleichte, schwebende Melancholie dieses Films.

fsk am Oranienplatz (OmU)

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