Filmfest : Vampire wie du und ich

Selbstironisch, sozial, politisch: Heute beginnt das 22. Berliner Fantasy Filmfest.

Frank Noack
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Ganz persönlich. Jean-Claude van Damme im Porträtfilm "JCVD" -Foto: mücke filmpresse

Der Held ist müde. Nachdem Jean-Claude van Damme für eine Actionszene vollen Körpereinsatz gezeigt hat und die Einstellung wiederholen muss, stöhnt er: „Ich kann nicht mehr. Ich bin 47.“ 47? Was soll Madonna dazu sagen, die diese Woche 50 wird? Oder Harrison Ford, der ist 66.

Immerhin, im zarten Alter von 47 Jahren wagt van Damme Selbstironie: Im Actionfilm „JCVD“ thematisiert er eigene Schwächen. Seit mehr als zehn Jahren hat er keinen Kassenhit mehr vorzuweisen, vier Ehen wurden geschieden, die Polizei hat ihn betrunken am Steuer erwischt. John Woo, den er einst nach Hollywood holte, beschäftigt ihn nicht, seine letzte Rolle hat ihm Steven Seagal weggeschnappt. Die eigene Tochter bittet ihn vor Millionen Fernsehzuschauern, keine Filme mehr zu drehen, damit sie nicht länger von Mitschülern gehänselt wird. Er muss sein Geld nun in einem belgischen Filmstudio verdienen. Und als er in einen Banküberfall gerät, versucht er nicht einmal, den Oberschurken mit seinem legendären Kickbox-Trick zu erledigen.

Selbstironie ist allerdings nicht abendfüllend. Regisseur Mabrouk El Mechri ist sich dessen bewusst, also erzählt er in grobkörnigen, ruckartig bewegten Bildern, wie man sie aus den Verfilmungen von Frank-Miller-Comics kennt. Der Banküberfall wird nacheinander aus drei Perspektiven gezeigt. Nebenbei wird der Rassismus im Actionfilm analysiert, und ein arabischstämmiger Filmfan hebt rühmend hervor, van Damme habe niemals Araber verprügelt. Van Damme: „Meine Filme hatten Herz!“

Der Schauspieler hat Herz, keine Frage. Van Damme war der sympathischste und sinnlichste unter den Actionstars der Reagan-Ära – ganz anders als die hölzern und roboterhaft agierenden Arnold Schwarzenegger oder Sylvester Stallone. Das völlig unerwartete Glanzstück „JCVD“ ist ein Monolog, in dem der Star seine Ängste und Hoffnungen offenlegt. Van Damme bewältigt diesen Monolog über eine lange Einstellung hinweg und moduliert dabei seine Stimme. Wer hätte ihm das zugetraut? Er sollte seine Hollywood-Ambitionen vergessen und in seiner belgischen Heimat bleiben. Da tut sich was.

Überhaupt sorgt auf dem 22. Fantasy Filmfest das europäische Genrekino für Furore. Anders als bei der US-Standardware zieht es weniger Grenzen zwischen Kunst und Konfektion, missachtet Regeln kreativ und fordert die Schauspieler stärker. In James Watkins’ Eröffnungsfilm „Eden Lake“ machen eine Kindergärtnerin und ihr Verlobter einen Wochenendausflug an den See. Doch statt den Horrortrip genreüblich zu stilisieren, mit gelangweilten britischen Jugendlichen als Monstern, setzt Watkins auf Realismus. Opfer und Täter verhalten sich genauso unbeholfen, wie es der Zuschauer an ihrer Stelle wäre, und als Waffen dienen kleine Taschenmesser anstelle der im Metzelfilm üblichen Machete. Die Gewaltdarstellungen sind nicht übertrieben; gerade deshalb aber kann man den Schrecken nicht einfach weglachen.

Bei Tomas Alfredsons „Let the Right One In“ möchte man gar nicht von einem Fantasy- oder Horrorfilm sprechen, auch wenn sich im stärksten Bild ein Schwimmbecken mit abgebissenen Köpfen füllt. Ungeachtet der grausamen Tötungen inszeniert Alfredson seine Geschichte als stilles Sozialdrama. Der zwölfjährige Oskar, der bei der berufstätigen Mutter lebt und von sadistischen Mitschülern gedemütigt wird, freundet sich mit der gleichaltrigen, auffallend blassen Eli an, die sich ebenfalls einsam fühlt. Sie lebt mit einem Mann zusammen, der Kanister voller Blut nach Hause schleppt und die Fenster seiner Wohnung mit Pappe abdeckt: Vampire also sind es, die in einer Reihenhaussiedlung bei Stockholm Angst und Schrecken verbreiten. Doch statt die Figuren zu dämonisieren, zeichnet Alfredson sie als soziale Außenseiter mit Migrationshintergrund. Eli könnte ebenso gut eine Junkiebraut sein, die Apotheken überfällt, um an Drogen zu kommen. Da sie Blut benötigt, beißt sie halt Menschen.

Die filmische Rekonstruktion realer Katastrophen wird meist als Geschmacklosigkeit empfunden, hier gilt ein unausgesprochenes Bilderverbot. Der israelische Regisseur Ari Folman, der in den achtziger Jahren das Massaker in einem palästinensischen Flüchtlingslager im Libanon miterlebt hat, umgeht in „Waltz with Bashir“ dieses Tabu mit Hilfe der Animation. Zuletzt hat die Iranerin Marjane Satrapi („Persepolis“) damit Aufsehen erregt. 100 Jahre leisteten gezeichnete Figuren einen Beitrag zur Verniedlichung der Welt. Ari Folman erfasst die Schrecken des Krieges und ist auf dem besten Weg, der Goya des Animationsfilms zu werden.

Cinemaxx Potsdamer Platz und Kulturbrauerei, bis 20. August. Weitere Angaben unter www.fantasyfilmfest.com

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