Filmfestival Cannes : Chaos regiert, sagt der Fuchs

Absturz und Atemholen vor dem Höhenflug: Lars von Trier, Pedro Almodóvar und Ken Loach in Cannes.

Jan Schulz-Ojala

Filmfestivals spielen mit ihren Zuschauern gerne Achterbahn. Ihre rauschhaftesten Augenblicke sind jedoch selten die rasenden Sturzfahrten, sondern jene Strecken, auf denen sich die Wageninsassen wie von Zauberhand höher und höher gezogen fühlen, bis sie vor lauter Glück zu fliegen meinen. Nicht zu vergessen die Meter auf höherer Mittellage: zum Luftholen mitten in all dem wunderbaren Schwindel.

Den Absturz in Cannes markierte zur Halbzeit Lars von Triers „Antichrist“, der Horror-Schocker um ein Ehepaar, gegen den alle bergmanesken „Szenen einer Ehe“-Filme wie fiktive Flitterwochen anmuten. Das Zweipersonenstück mit Charlotte Gainsbourg und Willem Dafoe löste an der Croisette Gelächter und Buhs, vor allem aber Entsetzen aus – über die drastische Gewalt seiner Bilder, mehr noch aber über die sadistische Lust, mit der der Film die mentale und physische Zerstörung seiner um den Tod ihres Kindes trauernden Heldin zelebriert. Lars von Trier betrachtet die Arbeit an „Antichrist“ ausdrücklich als Selbsttherapie angesichts einer tiefen Depression; wahrscheinlicher aber hat er seiner künstlerischen Karriere damit bleibenden Schaden zugefügt.

Am Anfang steht, in kunstvollem Schwarz-Weiß und extremer Zeitlupe, die Primärszene – und gleich sie endet tödlich: Das Baby sieht zu, wie seine Eltern Sex haben, klettert aufs Fensterbrett und stürzt sich hinab. Während die Mutter in den Wochen danach, zwischen sexueller Gier und Selbstzerstörungsattacken wechselnd, an ihrer Trauer fast zugrunde geht, zieht sich der Vater, ein Psychoanalytiker, auf seine berufliche Identität zurück: Ohne jedwedes Merkmal eigener Trauer beginnt er, die eigene Frau zu therapieren. In dem Waldhaus „Eden“, das beiden gehört, soll sie ihre offensichtlich ausbrechende Angst vor der Natur überwinden.

In vier Kapiteln exekutiert „Antichrist“ einen Geschlechterkrieg, der erregt der Hinrichtung der Frau entgegensteuert. Getreu der Losung eines sprechenden Fuchses – „Chaos regiert!“ – schlägt die Frau erst mit Brettern auf die Geschlechtsteile des Mannes ein, bevor sie sich mit einer Schere selber sexuell verstümmelt, schraubt ihm einen wahren Mühlstein ans Bein, bevor er sie erwürgt und die Leiche auf einem Scheiterhaufen in Flammen aufgehen lässt. Immerhin passt dies zu einer von der Frau abgebrochenen wissenschaftlichen Arbeit, wonach die Hexen einst offenbar zu Recht verbrannt wurden: Sie sind böse, des Teufels – oder gleich Satan, also Antichrist. Am Ende steht der Mann auf einem Hügel, während von überall her die Kindlein zu ihm kommen.

Wie umgehen mit diesem maßlosen Zeugnis der Misogynie eines Regisseurs, der seine Heldinnen zwar, von „Breaking the Waves“ bis „Dancer in the Dark“, schon oft durch die Hölle gehen ließ – aber die Hölle, das waren denn doch die anderen? Soll man in Spottgelächter ausbrechen darüber, dass Lars von Trier sich ausgerechnet jetzt, vor der Presse in Cannes, als „bester Regisseur der Welt“ rühmt – ausgenommen vielleicht Andrej Tarkowski, dem er „Antichrist“ gewidmet hat? Nichts ist geblieben von dem großen Dänen, abgesehen von seinem Eigensinn und seiner stilistischen Konsequenz, die Kameramann Anthony Dod Mantle mit zuverlässigem Nachdruck umsetzt. Vielleicht hält man es am besten mit dem Sarkasmus von „Variety“: „Antichrist“, schreibt das US-Branchenblatt, sei ein „tolles Date Movie für Sado-Maso-Paare.“

Doch schon wird der Achterbahnwagen sachte hinaufgezogen, und aller Brechreiz ist vergessen. Pedro Almodóvar lässt in „Los abrazos rotos“ (Zerrissene Umarmungen) auf einer verspielten Fahrt durch die Genres nur den Trier’schen Horror aus. Dafür gibt es ein bisschen Thrill, viel Melodram, Film noir und Telenovela und, in zwei kunstvoll verschränkten Zeitebenen, besonders viel Film-im-Film. „Los abrazos rotos“ ist die zärtlichste Beschäftigung eines Regisseurs mit dem eigenen Metier seit Francois Truffauts „Die amerikanische Nacht“ – eine Milieustudie und zugleich viel mehr.

Vier Hauptfiguren sind romantisch, dramatisch, tragisch miteinander verbunden: der reiche Industrielle Martel (José Luis Gómez), seine Sekretärin und Geliebte Lena (Penélope Cruz), der Regisseur Mateo (Lluís Homar), der sie engagiert und ein leidenschaftliches Verhältnis mit ihr beginnt – und Judit (Blanca Portillo), Mateos rechte Hand am Set und Herzensfreundin fürs Leben. Die Geschichte beginnt 2008, als der Sohn Martels, der 1994 im Auftrag seines bereits eifersüchtigen Vaters das Making-of zu Mateos Film mit Lena in der Hauptrolle drehte, bei dem inzwischen erblindeten Regisseur auftaucht. Und sie geht immer wieder jene 14 Jahre zurück, als die Ménage à trois den von Martel finanzierten Dreh überschattete und das Projekt schließlich, mit tragischen Folgen für alle Beteiligten, zerstörte.

So kompliziert die Story auf dem Papier daherkommt, so ungeheuer leichthändig entwickelt sie sich auf der Leinwand. Im eleganten Wechsel der Zeitschienen entfaltet sich ein Panorama von Liebesverstrickungen, Verzweiflung und Verrat, Schuld und Glück: ein zartes Perpetuum mobile, das keine seiner Figuren je denunziert, so tragikomisch die Situationen auch immer wieder sein mögen. Und alle falschen Fährten, auf die Almodóvar seine Zuschauer beim sanften Taumel durch Genres auch schicken mag, verwischt er mit berückendster Entspanntheit – getreu seinem Alter ego Mateo, dem er hintersinnig das Schlusswort gewährt: „Filme muss man zu Ende führen, auch blindlings.“

Stets umsichtiges und in jeder Hinsicht schwindelfreies Kino garantiert dagegen Ken Loach – auch in seiner Komödie „Looking for Eric“, in der Fußball-Altstar Eric Cantona als sympathischer Mentaltrainer sich selbst spielt. Immer wieder erscheint er als Tagtraumfigur dem geschiedenen Briefträger Eric (Steve Evets); der versorgt in seinem verwohnten Häuschen zwei Stiefsöhne, die gerade heftig auf die schiefe Bahn geraten. Erics Idol Cantona macht mit allerlei guten Ratschlägen aus dem gebrochenen Mann wieder einen ganzen Kerl – und bald triumphiert, zwar ein bisschen albern, aber wie immer herzerwärmend, Loachs Lieblingstugend: die Solidarität.

So viel zur Achterbahn-Mittellage. Noch ein Höhenrausch Richtung Festivalende könnte nicht schaden.

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