Filmfestival Cannes : Politik und Poesie

jan@cannes, das Festival-Tagebuch: Der Endspurt in Cannes wird politisch, mit Filmen über den Algerien- und den Irakkrieg. Nur Apichatpong Weerasethakul setzt auf Poesie – aber was fragen einen die Leute, wenn man aus Thailand kommt?

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Jan Schulz-Ojala, Filmkritiker des Tagesspiegels, berichtet in seinem Festival-Tagebuch aus Cannes.
Jan Schulz-Ojala, Filmkritiker des Tagesspiegels, berichtet in seinem Festival-Tagebuch aus Cannes.Foto: Mike Wolff

Morgens um acht ist die Welt nicht in Ordnung. Schon auf Straßenniveau, etwa 50 Meter Luftlinie vom Festivalpalast, wird den ersten Kinogängern erbarmungslos das Mineralwässerchen aus der Tasche gefilzt. Am Eingang dann sorgfältige Abtasterei mit Metalldetektoren und – nach eher laxer Kontrolle in den letzten Tagen – eine weitere emsige Tascheninspektion. Bei der Pressekonferenz schließlich stieren, fein links und rechts des Podiums postiert, zwei beträchtlich muskelbepolsterte Männer in die Runde.

Hat sich Al Qaida auf dem Roten Teppich angekündigt?

Was ist los in Cannes am Freitagmorgen, hat sich Al Qaida auf dem Roten Teppich angekündigt? Hier wird doch bloß ein Film gezeigt. Einer, um den allerdings ein Skandalrummel sondergleichen tobt. Rachid Boucharebs „Hors la loi“ (Außerhalb des Gesetzes) behandelt das wohl blutigste und letzte Kapitel französischer Kolonialgeschichte: vom Massaker französischer Truppen im algerischen Setif im Mai 1945 bis zur Unabhängigkeit Algeriens nach langem Krieg und Terror im Juli 1962.

Seit einem halben Jahr machen alte Kämpfer und Rechtsradikale massiv Front gegen den Film. Das sie ihn noch nicht kennen – na und? Für einen zünftigen Protest reicht locker aus, dass französisches Geld in der aufwendigen Produktion des algerischstämmigen, 1959 in Paris geborenen Bouchareb steckt – und vor allem, dass Cannes den Film mit dem Lorbeer seines Wettbewerbs schmückt. Zur Gala-Premiere am Abend ist folglich gar eine Demo mit über tausend Teilnehmern im friedlichen Touristenstädtchen an der Côte d'Azur angekündigt.

Etwas Kunstinteresse, dokumentierbar etwa in einem schlichten Kinobesuch, könnte den Furor vertreiben. Denn die Story, die Bouchareb anhand der Brüder Abdelkader (Sami Bouajila), Messaoud (Roschdy Zem) und Said (Jamel Debbouze) spannungsreich in großem historischen Bogen entspinnt, erweist sich keineswegs als nachgetragener Propagandafilm für die gute antikolonialistische Sache. Vielmehr zeigt „Hors la loi“ subtil, wie der jahrzehntelange Einsatz für die notwendige Revolution auch deren Helden entmenschlicht, die allesamt von Frankreich aus den Befreiungskampf führen.

Der unbeugsame Abdelkader, der auf jegliches Privatleben verzichtet und andere am liebsten kasteit wie sich selbst, stirbt ebenso bei einer Schießerei wie Messaoud, der sich die vielen Morde im Namen der Freiheit Algeriens nicht verzeihen kann. Nur Said, der es in Paris zum Betreiber eines Cabarets und eines Boxstalls bringt, überlebt – weil er im Zweifelsfall grundvernünftig handelt. Befindet er sich etwa in einer aussichtslosen Situation, opfert er sich nicht um des Opfers willen, sondern wählt das Nachgeben oder die Flucht.

„Hors la loi“ macht – Überraschung! - völlig unkontrovers Eindruck in Cannes, ganz wie sein leidenschaftlich versöhnungswilliger Regisseur. Seinen Film betrachte er nicht als „Waffe in einer Schlacht“, sagt Bouchareb vor der Presse, sondern als Mittel, einen „Abszess aufzuschneiden“, um nach der Heilung „zu anderem überzugehen“. Nur müsse dafür auch Frankreich das „neurotische Verhältnis“ zu seinen ehemaligen Kolonien endlich klären. Antifranzösisch sei seine Haltung übrigens ebenso wenig wie in „Indigènes“. Sein 2006 in Cannes preisgekrönter Film sensibilisierte ein Massenpublikum für das Schicksal der Kolonie-Soldaten, die im Zweiten Weltkrieg auf französischer Seite gekämpft hatten. Mit politischen Folgen: Die Regierung stellte ihre Veteranenpensionen denen der Franzosen gleich.

„Auf dem Vergessen kann man nichts aufbauen“, schreibt der in Paris lehrende Historiker Mohammed Harbi am Freitag in „Le Monde“. In der Tat: Anders als Deutschland, wo inzwischen das kritische Geschichtsbewusstsein zur Staatsräson gehört, leistet sich die „grande nation“, ob in Sachen Kollaboration oder Kolonialismus, eine reichlich unbewältigte Vergangenheit – weshalb die Wunden bei der erstbesten Gelegenheit wieder zu bluten beginnen. In zwei Jahren ist Algerien 50 Jahre unabhängig - eine schöne Gelegenheit für Algerier und Franzosen, bis dahin ein paar Schritte auf dem von Bouchareb gewiesenen Weg zu gehen.

Doug Limans "Fair Game" und Ken Loachs "Route Irish"

Zumindest kinematografisch bewältigt, um nicht zu sagen: nahezu totgefilmt ist die Vergangenheit des jüngsten Irakkriegs. Cannes zeigt dennoch gleich zwei weitere Werke dieser Welle: Doug Limans „Fair Game“,, den einzigen amerikanischen Wettbewerbsbeitrag, und Ken Loachs in letzter Minute ins Programm genommenen „Route Irish“. „Fair Game“ erzählt, reichlich bieder, wenige dramatische Wochen im Leben des ehemaligen US-Diplomaten Joseph Wilson und seiner Frau Valerie Plame nach. Sie wurde im Juli 2003 als CIA-Agentin enttarnt, nachdem ihr Mann in der „New York Times“ erstmals Bushs Kriegsalibi der irakischen Massenvernichtungswaffen angezweifelt hatte.

Der Film gibt dem wackeren linken Kämpfer Sean Penn unter anderem Gelegenheit, ein protestbereites Auditorium mit „Speak out“-Appellen aufzuputschen, aber der Schauspieler wirkt insgesamt eher dienstlich bei der Sache. Und Naomi Watts geht, obwohl in einer großen Kinohauptrolle, mit dem Engagement einer Serienschauspielerin ans Werk. So funktioniert der Film, allen Fortissimi Richtung Finale zum Trotz, weder als packender politischer Stoff noch als dramatische Ehegeschichte.

Durchweg laut ist Ken Loachs „Route Irish“ - weil sein Held namens Fergus (Mark Womack) nahezu in jeder Szene brüllt. Fergus ist ein nach Liverpool zurückgekehrter Irak-Söldner, der über den Tod eines Freundes, den er selber in den Krieg gelotst hat, nicht hinwegkommt. Weil er den offiziell dargestellten Todesumständen misstraut, ermittelt er nun in der Heimat selber wie ein Soldat und urteilt auch so – von der Folter bis zur Fernzündung einer Autobombe. Wie immer inszeniert Loach sein Thema mit Verve und Konsequenz, doch ist die Not von Kriegstraumatisierten, die nirgends mehr aus ihrer kaputten Haut können, zuletzt im Kino, etwa in Susanne Biers „Brothers“ (2005), weitaus brillanter aufgegriffen worden.

Dezidiert kein politisch denkender Regisseur ist der große Poet Apichatpong Weerasethakul. Nach Cannes hat er mit „Uncle Boonmee Who Can Recall his Past Lives“ eine elliptische, sanfte Seelenwanderungsgeschichte mitgebracht – mit in Bergbächen schwimmenden Prinzessinnen, die von Katzenfischen sexuell beglückt werden, mit verschwundenen Söhnen, die als so zarte wie zottige Gorillas wiederauftauchen und mit buddhistischen Mönchen, die es nach der Dusche im Hotelzimmer zweier Damen in die Karaoke-Bar zieht.

Aber was soll man machen in diesen Tagen, wenn man ausgerechnet aus Thailand kommt? Dann wird man bei der Pressekonferenz am eifrigsten etwa nach den Problemen bei der Ausreise gefragt. Ja, erinnert sich Weerasethakul lächelnd, von der französischen sei er über die spanische bis zur italienischen Botschaft geirrt, bis er schließlich einen Stempel im Pass hatte, und zum Flughafen habe er es auch nur knapp vor der Ausgangssperre geschafft. Und: Überall sei schwarzer Rauch aufgestiegen im Stadtzentrum, sagt der Bilderdichter, „like in a movie“.

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