Filmkritik : Alte Narbe, neue Wunde

Dennis Lees Filmdrama "Zurück im Sommer“ erzählt von emotionaler Misshandlung an Kindern. Julia Roberts verkörpert die liebende Mutter, die die Grausamkeiten ihres Mannes aufzufangen versucht.

Daniela Sannwald
Julia Roberts
Hölle auf Erden: Lisa Taylor (Julia Roberts), Michael Taylor (Cayden Boyd) und Charles Taylor (Willem Dafoe) spielen die fröhliche...Foto: dpa

Geschichten über Eltern, die ihre Kinder vernachlässigen oder misshandeln, kommen immer häufiger ans Tageslicht. Weit mehr solcher Vorfälle aber bleiben unbekannt – besonders, wenn sie sich in Milieus abspielen, die jenseits staatlicher Fürsorge liegen. Dem grässlichen Geschehen liegt, bei allen fallweisen Unterschieden, ein gemeinsames Muster zugrunde: Es sind schwache Persönlichkeiten, die mit Überforderung, Minderwertigkeitsgefühlen und Existenzängsten nicht umgehen können und sich deshalb an den noch Schwächeren vergreifen, über die sie uneingeschränkte Verfügungsgewalt zu haben glauben.

Ähnlich konstruiert ist die familiäre Hölle, von der Dennis Lees "Zurück im Sommer“ erzählt – und da es sich bei seinen Protagonisten um eine gut situierte Mittelschichtfamilie handelt, wird umso deutlicher, dass sich ein hoch angesehener Professor, der sein Kind misshandelt, kaum von einem alkoholkranken Arbeitslosen unterscheidet, der das Gleiche tut. Willem Dafoe spielt einen relativ alten, erstaunlich grausamen Vater, der seinen 13-jährigen Sohn Michael vor allem emotional, mitunter aber auch physisch quält – und sich dann noch wundert, dass Michael ihn hasst. Währenddessen versucht Julia Roberts als liebende, aber schwache, unselbstständige Mutter die Härte des Vaters im Geheimen auszugleichen. Sie wagt aber nicht, sich offen gegen ihren Mann zu stellen.

An diese Kindheit erinnert sich der Schriftsteller Michael Taylor 25 Jahre später, als er von New York in den Mittelwesten reist, um den Studienabschluss seiner Mutter zu feiern, die sich schließlich doch noch emanzipiert und Literatur studiert hatte. Bei einem Autounfall vor dem Haus seiner Schwester verunglückt die Mutter tödlich. Statt des Festes findet nun eine Beerdigung statt. Ihr Mann, ihre Kinder und ihre sehr viel jüngere Schwester sind die nächsten Verwandten, die sich mit Trauer, Verlust und Schmerz auseinandersetzen müssen, während verdrängte Gefühle wieder aufbrechen.

In einer Mischung aus Rückblenden und aktueller Erzählung aus der Sicht des Helden zeigt "Zurück im Sommer“, wohin die Kindheitsverletzungen geführt haben: Michael ist zu einem gehemmten, misstrauischen Mann herangewachsen, der nur zu seinem kleinen Cousin, in dem er sich selbst wiedererkennt, Kontakt aufnehmen kann. Nicht einmal Michaels Tante (Emily Watson) findet einen Zugang zu ihm – dabei war sie es, die in jenem schrecklichen Sommer vor 25 Jahren, damals selbst noch ein Teenager, die Grausamkeit ihres Schwagers hautnah erlebte und es als Einzige wagte, sich ihm entgegenzustellen. Am Ende sind es deren Kinder, die in aller Unbefangenheit die verhärteten Fronten aufweichen. Und das ist das einzig Unglaubwürdige an diesem stillen, ernsten, undramatischen Familienfilm.

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