Filmkritik : Das Züngeln der Zauberschlange

Wohnt nicht jedem Kuss ein Zauber inne? Der Film "Küss mich bitte“ erforscht die Lust auf die erotische Grenzüberschreitung.

Kerstin Roose
Kuesse
Emilie (Julie Gayet) und Gabriel (Michael Cohen) küssen sich in einer Szene des Film "Küss mich bitte!" -Foto: dpa

Manchmal gibt es solche Küsse nur im Kino, wo selbst ein Kuss in seiner pragmatischsten Form Welten zum Einsturz bringt. Julie (Virginie Ledoyen) und Nicolas (Regisseur Emmanuel Mouret) sind ganz, ganz eng befreundet. Als Nicolas von seiner Freundin verlassen wird, leidet er. Nicht so sehr an gebrochenem Herzen, sondern schlicht am Mangel körperlicher Zuwendung. Da ihm eine Prostituierte das Küssen verweigert, soll Julie das Problem beheben. Sie tut es, und die therapeutische Liebelei scheint erfolgreich: Nicolas findet eine neue Partnerin. Allerdings würde er gern weiterhin Julie küssen. Ihr geht es nicht anders, aber auch sie ist vergeben.

Emmanuel Mouret erzählt in "Küss mich bitte!“ von den bittersüßen Folgen gefährlicher Liebschaften. Was fühlt man, wenn man lieber nichts fühlen sollte? Wenn sich Verlangen und Moral unversöhnlich gegenüberstehen? Was tun, wenn aus Leidenschaft Liebe wird und das eigene Glück das Unglück eines anderen bedeutet? All das entzündet sich in Nantes. „Küss mich bitte!“, sagt dort auch Gabriel (Michaël Cohen) zu Emilie (Julie Gayet). Sie kennen sich erst wenige Stunden, nun naht nach einem romantischen Abend der Abschied und mit ihm die Entscheidung: Küssen oder nicht? Nur zu gern würde Emilie der höflichen Aufforderung nachkommen. Sie zögert – und erzählt Gabriel die Geschichte von Julie und Nicolas.

Die dramaturgisch schöne Idee allerdings bringt den Film in eine Schieflage. Warum die möglichen Konsequenzen eines Kusses ausgerechnet an einer Begegnung entfalten, die von Beginn an gezielt darüber hinausgehen sollte? Irritierend auch, dass Julie und Nicolas ihr Begehren so rasch Liebe taufen. Schade zudem, dass ein Film, der sich gegen die Harmlosigkeit des Küssens und Liebens ausspricht, selber so harmlos bleibt: All die Sinnlichkeit, aus der Julies und Nicolas’ Liebe ihre Kraft schöpft, verharrt im Gestus der Behauptung.

Charmant ist "Küss mich bitte!“ dennoch. Vor allem, weil er die moralische Zerrissenheit seiner Protagonisten nicht bewertet und in eine zarte Liebeserklärung an die Inkonsequenz mündet: Einmal Kuss mit Zauber bitte! Aber ohne Konsequenzen. Im Kino darf auch das gelingen.

Capitol, Cinemaxx Potsdamer Platz, Filmkunst 66, FT Friedrichshain, Kulturbrauerei, Passage; Cinema Paris (OmU)

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