Filmkritik : Mit dem Strom

"Maria am Wasser" ist ein ambitioniertes Debüt. Doch spätestens nach fünf Minuten hat man nur noch ein klinisches Interesse am Fortgang der Geschichte.

Kerstin Decker

„Wer mich im Schwimmen schlägt, den heirate ich“, ruft eine junge Frau an Bord eines Elbedampfers und springt in den Fluss. Drei Männer springen hinterher. Der DDR-Dampfer heißt „Ernst Thälmann“. Der Off-Sprecher – offenbar das Hauptresultat dieses denkwürdigen Bades, ohne dass seine Mutter einen der drei potenziellen Väter geheiratet hätte – erklärt, dass seine „Zukunft der Weltfriede“ sei. Klingt arg überanstrengt. Und so geht das weiter. Mit einem verbissenen Willen zur Originalität, der nur noch vom Kunstwillen des Regisseurs übertroffen wird. Wir bewegen uns ständig auf falschen Fährten, bis sich dem genervten Zuschauer ungefähr folgende Ausgangssituation darbietet:

Der Spross jenes Flussbads zu viert – noch sehr klein – fährt im Sommer 1983 auf einem Panzer durch die sächsische Elbe. Oben auf dem Panzer sitzen noch mehr Kinder. Das Problem ist, dass der Panzer am anderen Ufer nicht mehr auftaucht. Die Kinderleichen werden eingesammelt, aber eine fehlt, nämlich die des Off-Sprechers. Die Kinder kamen aus einem Kinderheim, das „Frohe Zukunft“ heißt und von der heiratsunwilligen Mutter des Off-Sprechers geleitet wird, die auch ihren eigenen Sohn dort interniert hat. Wenn sie schon mal erzieht, kann sie gleich alle erziehen … Interessiert Sie das eigentlich noch? Genau darin liegt das Problem. Spätestens nach fünf Minuten hat man nur noch ein klinisches Interesse am Fortgang der Geschichte. Wie ein Film so absaufen kann! Genau wie der Panzer.

„Maria am Wasser“ ist das Kinodebüt des Drehbuchautors Thomas Wendrich, geboren 1971 in Dresden. Für das Buch zum Film „Nimm dir dein Leben“ (2005) bekam er den Deutschen Drehbuchpreis. Für „Maria am Wasser“ müsste er ihn eigentlich zurückgeben ... Es ist ruchlos, Filme von Debütanten zu verreißen. Und es ist schade um so großartige Schauspieler wie Hermann Beyer (den man viel zu lange nicht mehr im Kino sah) und Falk Rockstroh, die ihr Bestes geben. Aber das Beste im falschen Film zu geben, macht die Sache fast noch schlimmer. Marie Gruber als Mutter des Erzählers – vor zwanzig Jahren wie heute mit eiserner Hand ein Kinderheim leitend – hat von Anfang an keine Chance. Die strenge Heimleiterin bellt ihren Schutzbefohlenen nur ein „Ab!“ entgegen, wenn sie weggehen sollen. Und die sagen nie was. Weshalb der Sohn (Alexander Beyer) direkt vom Panzer weg in die Tschecheslowakei schwimmt. Aber nun ist er erwachsen. Und kommt zurück, die örtliche Orgel zu restaurieren …

Babylon Mitte, Neue Kant Kinos, Tilsiter-Lichtspiele

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