Getöse neuer Qualität : Italienischer Kulturkampf: Tod in Venedig

Die Politik legt die Axt an Italiens ältestes und gloriosestes Filmfestival - und sie tut es im Berlusconi-Stil: so ignorant wie impertinent.

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Irgendwie war es noch auszuhalten gewesen. Das traditionsreiche Hotel des Bains zwar bereits geschlossen, mit dem Hotel Excelsior das zweite und letzte hochrenommierte Haus am Platze nächstes Jahr zu, zudem die Zukunft der Neubaustelle des Palazzo del Cinema wegen Asbestfunden und Geldproblemen ungewiss. Aber das Herz des Festivals am Lido schlug. Und es schlug dort stark, wo es sich in erster Linie bewähren muss: künstlerisch. Mit der Auswahl von durchweg bemerkenswerten Filmen.

Nun aber legt die Politik die Axt an Italiens ältestes und gloriosestes Festival und sie tut es im Berlusconi-Stil: so ignorant wie impertinent. In der jüngsten Ausgabe des Magazins „Panorama“ hat Kulturminister Sandro Bondi verlauten lassen, künftig bei der Besetzung der Jurys mitentscheiden zu wollen, schließlich werde das Festival teils vom Staat finanziert. Der letzte Jury-Präsident jedenfalls, Tarantino sein Name, sei Repräsentant einer „snobistischen, elitären und relativistischen Kultur“.

Was auch immer Bondi mit „relativistisch“ gemeint haben mag: Sein eigener Machtanspruch ist offenbar absolut. Der Kulturminister, beim Festival in Venedig ebenso wie zuletzt in Cannes durch Abwesenheit und sonst nicht eben als Filmkenner glänzend, bricht den Stab über die Autonomie der Biennale – und erledigt das aktuelle italienische Kino gleich mit: Zu sozial, politisch und nicht exportfähig sei es, weshalb er, von ein paar Zuschüssen für Debüts abgesehen, das nationale Filmförderungssystem kurzerhand abzuschaffen gedenke.

Die italienische Politik, besonders die Clique um Berlusconi, neigt strukturell zum Lärm. Das Getöse Bondis aber, der stets von einer „Kultur des Volkes, nicht der Eliten“ schwadroniert, ist von neuer Qualität. Denn er spricht der Kultur insgesamt, wie sie auch durch die großen internationalen Filmfestivals repräsentiert wird, die Existenzberechtigung ab. Kultur fordert ihr Publikum heraus und bedient nicht immer bloß Unterhaltungsbedürfnisse, Kultur durchkreuzt eingefahrene Wahrnehmungsweisen, ist thematisch im Zweifel unbequem, macht ästhetisch und politisch wach.

International ist das italienische Kino zuletzt, auch wenn die jüngsten vier Wettbewerbsbeiträge am Lido leer ausgingen, damit gut gefahren – man denke nur an die Mafia-Analyse „Gomorrha“ oder die Andreotti-Satire „Il Divo“. Schön wär’s, wenn solch erleuchtende Titel dem derzeitigen Kulturminister bei seiner Exportschelte bloß entgangen wären; tatsächlich hat er wohl in erster Linie genau dieses Kino im Sinn, wenn er der Filmförderung den Garaus machen will.

Vorstöße, mit denen „das Volk“ von „den Eliten“ abgespalten werden soll, erinnern, abgesehen von der aktuell gefährlichen Drohgebärde, an historisch dumpfe Vorbilder. Ins Deutsche übersetzt: Bondi plädiert für das „gesunde Volksempfinden“ oder gar, womit man den ultrarechten Berlusconi-Allianzen keineswegs zu nahe tritt, für das „Völkische“ – finstere Aussichten für das Kino Itaniens und das Filmfest am Lido. Wird man eines Tages sagen: Als das Festival 1932 gegründet wurde, regierte Mussolini – und als es starb, Berlusconi?

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