Hans Weingartner mit "Free Rainer" in Toronto : Fassbinder statt Fassbier

Hans Weingartner stellt auf dem Filmfestival in Toronto seine Mediensatire „Free Rainer“ vor. Dabei gibt der deutsche Regisseur dem Publikum ganz nebenbei zu verstehen, dass die Trennlinie zwischen kritischem Individuum und johlender Masse manchmal nur aus einem Pappschild besteht.

Lars von Törne
Free Rainer
Fernsehproduzent Rainer (Moritz Bleibtreu) vor dem Foto seiner Freundin Anna (Simone Hanselmann). -Foto: Verleih

Der Regisseur hat sein Publikum im Griff. „Laugh“ steht auf dem großen Pappschild, dass Hans Weingartner hochhält – und 1200 Gäste der Weltpremiere seines neuen Kinofilms lachen. „Cheer“ steht auf dem nächsten – das Publikum jubelt. Nur bei der letzten Anweisung gucken die Zuschauer irritiert. „Make Love“ steht darauf. Schweigen im Saal. „Das ist für nach dem Film“, sagt Weingartner, da johlt das Publikum. Mit dieser Persiflage auf die Animationsrituale flacher Fernsehshows führte Weingartner sein neues Werk „Free Rainer – dein Fernseher lügt“ beim Filmfestival Toronto ein. Ganz nebenbei gab der deutsche Regiestar („Die fetten Jahre sind vorbei“) dem Publikum zu verstehen gab, dass die Trennlinie zwischen kritischem Individuum und johlender Masse manchmal nur aus einem Pappschild besteht.

Spielerisch-didaktisch wie Weingartners Auftritt in Toronto ist auch „Free Rainer“, der in Kanada langen Applaus erhielt und im November nach Deutschland kommt. Der Film handelt vom verkoksten, zynischen TV-Produzenten Rainer (Moritz Bleibtreu), der durch einen Anschlag ins Grübeln kommt und statt Spielshows plötzlich anspruchsvolle Fernsehsendungen machen will. Er stößt auf Widerstand bei seinen Vorgesetzten und schart eine Rebellengruppe um sich, die dem TV-Establishment zu Leibe rückt. Das bleibt nicht ohne Gegenwehr.

Weingartners Film ist ein schneller, gelegentlich ins Fantastische driftender Actionkrimi voll medienpädagogischer Fingerzeige. Bleibtreu brilliert als getriebener Fernseh-Rebell. Ihm zur Seite stehen die farblos bleibende Nachwuchsschauspielerin Elsa Sophie Gambard (Pegah) und der überzeugend verschroben agierende Volksbühnen-Schauspieler Milan Peschel (Phillip) – ein Trio Infernale, das nicht die einzige Parallele zu den „Fetten Jahren“ bleibt. Vom gemeinsam mit Katharina Held geschriebenen Drehbuch bis hin zu Selbstzitaten erinnert „Free Rainer“ an den Vorgänger, den fast eine Million Zuschauer sahen.

Trotzdem findet der Wahlberliner am Tag nach der Premiere beim Gespräch in einem Torontoer Café, dass die beiden Filme nicht zu vergleichen seien. „,Die Fetten Jahre’ waren Sozialrealismus, ,Free Rainer’ ist utopischer, satirischer." Während der Vorgänger materielle Ungerechtigkeit anprangerte, dreht sich „Free Rainer“ um „geistige Ungerechtigkeit“ (Weingartner), die Verblödung der Gesellschaft durch eine auf Einschaltquoten fixierte Fernsehindustrie: „Es geht um die gesellschaftlichen Auswirkungen, wenn sich Millionen Menschen so einen Scheiß wie die Dschungelshow und ,Deutschland sucht den Superstar’ angucken.“ Ein Thema, bei dem für ihn die Intellektuellen in Deutschland versagen: „Die sind sich der Dimension nicht bewusst, weil sie selber kaum Fernsehen gucken.“ Angesichts eines durchschnittlichen Fernsehkonsums von vier Stunden täglichen sagt er: „Die neue Armut ist die von den Massenmedien geförderte geistige Armut.“ Mit dem Fernsehen verbindet ihn seit jeher eine Hassliebe. „Es gibt tolle Dokumentationen und politische Reportagen. Aber das nimmt ab.“ Besonders ärgert den Regisseur, dass die öffentlich-rechtlichen Sender ihre Aufgabe nicht mehr erfüllen: „Die jagen der Quote genauso nach wie die Privatsender, ohne dass sie einen Grund dazu haben – mit dem Ergebnis, dass sie zur besten Sendezeit Seifenopern zeigen und deutsches Kunstkino nachts unter Ausschluss der Öffentlichkeit versenden.“

Die Auswirkungen hat Weingartner selbst erlebt. „Die Fetten Jahre“ wurden vom SWR koproduziert. „Mitten während der Dreharbeiten hat der Redaktionsleiter versucht, mich zu erpressen. Er wollte, dass die drei Hauptfiguren nicht straflos davonkommen, sondern im Gefängnis landen.“ Weingartner weigerte sich – „mit dem Risiko, dass der Sender 400 000 Euro zurückzieht und das Haus meiner Eltern futsch gewesen wäre, das für unseren Kredit die Sicherheit war.“ Kein Wunder, dass sich Weingartner im aktuellen Streit um die Verfilmung der „Päpstin“auf die Seite von Volker Schlöndorff stellt. Dem Regisseur wurde von der Produktionsfirma Constantin gekündigt, nachdem er sich kritisch gegen eine Doppelverwertung als Kinofilm und TV-Mehrteiler ausgesprochen hatte.

Für „Free Rainer“ hat sich Weingartner von TV-Sendern unabhängig gemacht. „,Die Fetten Jahre’ war international ein so großer Erfolg, dass ich den neuen Film ohne Fernsehgelder machen konnte“, sagt er stolz. Dabei grinst er so kämpferisch wie sein Hauptdarsteller Moritz Bleibtreu, als dem in „Free Rainer“ ein Schlag gegen die Fernsehmacher gelingt und es zur besten Sendezeit Fassbinder statt fassbierseliger Volksmusiksendungen gibt. Dass es im echten Leben zu einer Art Fernsehrevolution kommen könnte, wie er sie sich in seinem neuen Film ausmalt, glaubt Weingartner dennoch nicht. „Ich sehe keinen Grund zur Hoffnung, dass die Boulevardisierung der Massenmedien noch gestoppt werden kann“, sagt er verbittert. Trotzdem will er sich seinen Glauben an das Gute nicht nehmen lassen. Auf einem Schild, das er den Premierenzuschauern in Toronto vor dem Filmstart entgegenhielt, stand in großen Lettern: „Think!“

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